Karl Ove Knausgard

Thomas Wågström

Schreiben in Echtzeit - Karl Ove Knausgard

Der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgard, 1968 in Oslo geboren, ist weltweit zur literarischen Sensation geworden. Wie im Rausch schreibt er ein autobiografisches Epos mit 3.600 Seiten. Er nennt es "Min Kamp - Mein Kampf"; aber nicht, weil es ihm um eine Auseinandersetzung mit Hitlers Propagandaschrift geht.

Für Knausgard findet unser Kampf im alltäglichen Leben, in Liebesbeziehungen und Familie statt. "Sterben", "Lieben", "Spielen", "Leben", "Träumen" und "Kämpfen" heißen die sechs Einzelbände in deutscher Übersetzung.

Schonungslos ehrlich und direkt beleuchtet Knausgard darin sein Leben von der Kindheit bis heute. Er beschreibt, wie sein alkoholkranker Vater sich im Haus der Großmutter elendig zu Tode gesoffen hat. Wie er seine große Liebe, die schwedische Schriftstellerin Linda Boström, getroffen hat. Wie er Vater geworden ist, und welche Konsequenzen es hat, ohne Tabus über sich selbst zu schreiben.

Schonungslos ehrlich und direkt

Knausgard verwendet reale Namen, schickt sein Manuskript den Menschen, die darin vorkommen, vor der Veröffentlichung zu und bittet um ihr Einverständnis. Alle stimmen zu und respektieren seine künstlerische Freiheit, auch wenn es ihr eigenes Leben berührt. Nur Knausgards Onkel entbrennt in Wut, als er liest, wie sein Neffe über den Alkoholismus seines Bruders und dessen sadistische Härte als Vater schreibt.

Er sendet Drohbriefe, beschimpft Knausgard in aller Öffentlichkeit als Lügner und will den Verlag verklagen, was er am Ende doch nicht tut. Sein Name wird verändert. So heißt er in "Min Kamp" schlicht Onkel Gunnar. "Min Kamp 1-6" erscheint zwischen 2009 und 2011 in Norwegen als Fortsetzungsroman. Schreiben in Echtzeit - das hat es so noch nie gegeben.

Heute ist das Mammutwerk in mehr als 30 Sprachen übersetzt und hat Millionen von Leserinnen und Lesern weltweit erreicht. "Ich fiel in die ersten beiden Bände von ‚My Struggle‘ hinein, als hätte mich das Malaria-Fieber ergriffen", schrieb ein Kritiker der "New York Times", "für vier Tage tat ich nichts anderes, als sie zu verschlingen. Ich ließ meine E-Mails unbeantwortet, ging nicht mit dem Hund raus, und das Geschirr stapelte sich in der Spüle."

Was ist das Geheimnis der Knausgard-Droge?

Was fasziniert Menschen an seinen Texten? Ist es eine Echtheit, die wir in unserer kommerzialisierten und medialisierten Welt vermissen? Ich bin für mein Radiofeature nach Norwegen gereist, um dem Phänomen Karl Ove Knausgard auf den Grund zu gehen. Ich habe mit Weggefährtinnen und Weggefährten gesprochen, wie dem Schriftsteller Tomas Espedal, und ich habe Knausgards Bruder Yngve besucht, der eine wesentliche Rolle in "Min Kamp" spielt. So konnte ich erfahren, welchen unmittelbaren Einfluss die Literatur Karl Ove Knausgards auf deren reales Leben hat.

Schließlich habe ich mich auf den Weg nach Glemmingebro in Südschweden gemacht - in das Dorf, in dem Knausgard heute lebt und schreibt, umzingelt von Büchern, alten Kaffeetassen, Zigaretten, Aschenbechern und einem Schlagzeug. "Was glaubst du", fragte ich ihn, "wie hast du so viele Menschen mit deiner Literatur berühren können?" Karl Ove Knausgard überlegte eine Weile und sagte dann nur diesen Satz: "Ich verstecke mich nicht in meiner Kleinheit."

Text: Annette Brüggemann, Autorin und Regisseurin

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