Zerstörtes Gebäude in Wien, 1927

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Wie die Erste Republik scheiterte

Die Erinnerung an die Erste Republik ist bis heute für viele Menschen in Österreich emotional aufgeladen; selbst für jene, die sie gar nicht mehr selbst erlebt haben, sondern nur von den subjektiven Eindrücken und Erzählungen ihrer Altvorderen vom Justizpalastbrand 1927, der Niederschlagung des Schutzbundaufstands im Februar 1934 ("Bürgerkrieg"), dem Naziputsch im Juli 1934 und dem "Anschluss" an das Deutsche Reich Adolf Hitlers im März 1938 zehren.

Fakt ist, dass 1933 die ersten gut 14 Jahre einer demokratischen Versuchsreihe zu Ende und in eine Diktatur übergehen, da Kanzler Engelbert Dollfuß eine Panne im Nationalrat dazu benützt, das Parlament auszuschalten, und einen autoritären "Ständestaat" errichtet.

Wäre die österreichische Republik ein Mensch, könnte man wohl feststellen, dass er frühkindlich mit der Flamme der Demokratie experimentiert und sich an der heißen Herdplatte die Finger verbrannt hat. Und das obwohl fähige politische Denker als aktive Akteure in der Politik waren.

Der christlichsoziale Bundeskanzler Ignaz Seipel

Der christlichsoziale Bundeskanzler Ignaz Seipel hat das Land nicht nur durch eine Völkerbundanleihe vor dem Bankrott gerettet, sondern in seiner ersten Zeit als Kanzler versucht, den politischen Katholizismus mit der parlamentarischen Demokratie vereinbar zu machen. Das ist letztlich misslungen, Seipels frühe Versuche ertrinken im autoritären Fahrwasser der mit ihm verbündeten faschistoiden Heimwehren.

Ignaz Seipel mit Bischofsmütze

Ignaz Seipel, eine Mitra tragend, bei einer Glockenweihe in Wien, 1924.

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Der sozialdemokratische Mastermind Otto Bauer

Das austromarxistische Konzept des sozialdemokratischen Masterminds Otto Bauer wiederum erregt international große Aufmerksamkeit und wird von links bis rechts weithin anerkannt - von der KPdSU bis hin zu den rumänischen Faschisten(!) der Eisernen Garde. Darin manifestiert sich die intellektuelle Hochphase der Sozialdemokratie, und zugleich ihr Scheitern, ja ihr Zerschellen an der Praxis. Denn Otto Bauer hat seine Partei nicht im Griff und trägt ungewollt dazu bei, dass sie von der Dollfuß-Regierung zerschlagen wird. Die Kombination von Verbalradikalismus mit zaudernder Untätigkeit hat erbärmlich versagt, wie ich auch im Buch Jedermanns Land. Österreichs Reise in die Gegenwart darlege, das im April 2018 erscheint.

Das Vaterland der Christlichsozialen war 1918 untergegangen

Für beinahe alle Beteiligten galt, dass die eigene Partei, Gesinnung und Ideologie in der Werteskala weit über dem Bekenntnis zu einer Demokratie westlichen Zuschnitts rangierte. Denn die überkommenen politischen Haltungen aller Akteur/innen waren älter als die Republik. Die bekannte Behauptung, dass halt die "Roten" Demokraten, aber keine Patrioten, und die "Schwarzen" Patrioten, aber keine Demokraten gewesen seien, geht ins Leere. Die Roten waren genauso wenig Demokraten wie die Schwarzen Patrioten.

Denn das eigentliche Vaterland der Christlichsozialen war 1918 untergegangen, und die ersehnte Volksrepublik der Sozialdemokraten noch nicht angebrochen ("Demokratie, das ist nicht viel. Sozialismus ist das Ziel").

Nationalsozialisten hatten keine "Wegbereiter" nötig

Die Nationalsozialisten haben hierzulande keine "Wegbereiter" nötig gehabt. Die Österreicher waren mit Antisemitismus, Alldeutschtum, Militarisierung und sozialistischer Volksgemeinschaft ohnehin bestens vertraut. Sie hatten kein Demokratietraining genossen, sondern zwischen 1914 und 1934 eine kriegsbedingte Militärdiktatur, eine Revolution, eine von der Wirtschaftskrise gebeutelte parlamentarische Blockadephase und mehrere bewaffnete Aufstände, Schießereien, Randale und Erhebungen von links und rechts erlebt.

Erst als nach 1945 der Begriff Demokratie einen lagerübergreifend anerkannten Klang bekam, wurde er zur Ehre der politischen Altäre erhoben. Aber das ist dann schon wieder eine andere Geschichte.

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