Männerhände spielen Klavier

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Österreichs Musikschaffende im März 1938

12. März 1938, kurz vor halb sechs Uhr abends. Im Radio sollte eigentlich das "Wunschkonzert" laufen, beliebte Schallplatten, darunter Hermann Leopoldis Schinkenfleckerl. Doch an diesem Tag ist alles anders. In der Früh sind deutsche Truppen in Österreich einmarschiert, bejubelt von einem großen Teil der Bevölkerung. Bundeskanzler Arthur Seyß-Inquart trifft in Linz ein, abends spricht Reichskanzler Adolf Hitler auf dem Linzer Hauptplatz.

In den Tagen nach dem "Anschluss" vollzieht sich eine zunächst kaum wahrnehmbare Veränderung im Musikbetrieb. In der Staatsoper steht am 11. März noch der jüdische Dirigent Carl Alwin am Pult der Wiener Philharmoniker, gegeben wird die Tschaikowski-Oper Eugen Onegin. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten tritt ein Berufsverbot in Kraft, Alwin flieht wenige Tage später nach Übersee.

Bewaffnete Truppen werden in Linz bejubelt

12. März 1938: Bewaffnete Fahrzeuge fahren durch Linz und werden mit Hitlergruß empfangen.

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Jüdische Musiker/innen werden ersetzt und verfolgt

Jüdische Sänger/innen werden ersetzt, jüdische Regisseure scheinen auf den Theaterzetteln nicht mehr auf, obwohl ihre Inszenierungen weiterhin gezeigt werden. Jüdische Orchestermitglieder verschwinden. Opern von jüdischen Komponisten werden vom Spielplan genommen und geraten in Vergessenheit, etwa die überaus populären Werke Karl Goldmarks.

Die Reichsmusikkammer kümmert sich darum, wer öffentlich auftreten darf, warnt vor "entarteter" Musik. Am 14. März 1938 sollte spätabends laut Programmvorschau der RAVAG der Foxtrott A Foggy Day von George Gershwin, dessen Musik als "unerwünscht und schädlich" galt, in der Sendung "Tanzmusik" laufen. Doch an diesem Tag wird auch das Radio offiziell übernommen, die Leitung ausgetauscht, das Programm radikal verändert.

"Wir-Lieder" sollen das "Wir-Erleben" stärken

Statt der Wiener Funkkapelle ist an diesem Abend Unterhaltungs- und Blasmusik vom Sender Köln zu hören. Vermutlich unterbrochen von aktuellen Reportagen der Rede Adolf Hitlers vom Balkon des Hotels Imperial. Dieser Umbau des Radioprogramms lässt bereits auf die weiteren Jahre schließen.

Die Hochkultur wird Schritt für Schritt von Volks- und Unterhaltungsmusik ersetzt. Musik als Mittel zur Erziehung der Bürger, die "Wir-Lieder" sollen das "Wir-Erleben" stärken. Einige NS-Codes haben die Zeit überdauert und tauchen auch nach 1945 weiter in Musikstücken auf, etwa in Kompositionen für Blasmusik des Tirolers Sepp Tanzer.

Hermann Leopoldi

Hermann Leopoldi

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Das Buchenwaldlied

Die Schinkenfleckerl sind am 12. März 1938 vermutlich nicht gespielt worden, der Sänger selbst hat wenige Stunden zuvor versucht, das Land zu verlassen. An der Grenze wird der Zug zurückgeschickt. Ende April wird Hermann Leopoldi ins KZ Dachau, später nach Buchenwald deportiert.

Dort entsteht das Buchenwaldlied, zu dem er auf den Text von Fritz Löhner-Beda die Musik komponiert. Löhner-Beda stirbt 1942 im KZ Auschwitz. Leopoldis Frau schafft es, ihren Mann freizukaufen. Im März 1939, genau ein Jahr nach dem "Anschluss“, geht auch er ins Exil.

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