Spaziergang im Wald mit Markus Meyer

ORF/JULIA HERZOG

Hörspielpreis der Kritik

Unglaubliches hat sich herausgestellt: Jean-Jacques Rousseau lebt noch! Und er wird bei seinen täglichen Spaziergängen durch den Wald von einem aufdringlichen Journalisten verfolgt, dessen Neugierde nicht nur beruflich motiviert scheint.

Laudatio von Hedwig Kainberger

Ich muss Ihnen gestehen: Was wir heute auszeichnen wollen, fängt unheilvoll an, mit einem Unfall. Und eigentlich ist die ganze Geschichte tragisch, denn am Ende verliert jemand seinen soeben erst entdeckten, zwar widerborstigen und launischen, doch seinen sehr, sehr klugen und tief drin auch liebenden Vater. Aber trotz aller Tragik kann ich Ihnen versichern: Es endet lustig. Dieses Hörspiel hat den witzigsten Abspann, den wir als lang gediente Juroren des "Hörspielpreises der Kritik" je gehört haben.

Zwischen dem unheilvollen Anfang und dem lustigen Ende gibt es viel Geistreiches. Dafür sind in unserer Jurysitzung lobende Worte wie "schwungvoll", "pfiffig", "erstaunlich" und "großartige Stimmen" gefallen. All dieses Lob gebührt, jetzt sag ich’s: den "Spaziergängen eines einsamen Träumers" - von Mischa Zickler.

Wir durften da den widerborstigen und launischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau auf seinen Morgenspaziergängen begleiten. Die führen ihn durch einen - nicht offensichtlichen, sondern "offenhörlichen" - Wald. Und auf diesen Spaziergängen begleitet ihn ein Journalist, der so ist, wie Journalisten sein sollten: lästig. Allerdings entpuppt er sich am Ende nur als vermeintlicher Journalist, dafür aber als tatsächlicher Sohn Rousseaus. Die intelligenten Zwiegespräche der beiden werden von angenehm "unphilosophischen" Einwürfen einer handfesten Wäscherin aufgelockert: Rousseaus Lebensgefährtin Thérèse.

Insgesamt möchten wir also dieses Hörspiel als "heiteres Rousseau-Seminar" rühmen.

Wenngleich - "Seminar" ist vielleicht zu viel gesagt. Denn es wird nicht alles ausgebreitet, was Rousseau über Musik, Selbstliebe, Kindererziehung, Kriegsrecht und politische Philosophie, über Naturzustand, Gesellschaftsvertrag, Authentizität und den allgemeinen Willen von sich gegeben hat. Aber wir lernen hier diesen unsteten, unwirschen Querkopf kennen, der nie wo bleiben wollte, der sich beruflich nie festlegen wollte, der aber dauernd dachte und nachdachte und aufschrieb.

Die Qualität der Klänge

Worüber wir Juroren - Norbert Mayer von der "Presse", Margarete Affenzeller vom "Standard", Frido Hütter von der "Kleinen Zeitung" und ich - uns am ausführlichsten erfreut haben, sind die Töne. In dem vielen, was wir in den vielen Jahren als Juroren hören durften, haben wir den Eindruck gewonnen, dass manche Hörspielmacher es halt unsagbar lustig finden, an den vielen Knöpfen in so einem Tonstudio herumzudrehen und dabei allerlei Schall- und Hallvarianten auszukosten. Hier ist das anders!

Zwei Männer, einer fotografierend

Thomas Rabitsch und Mischa Zickler verfolgen ihre Würdigung

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Ich habe das Hörspiel - mit Knöpfen in den Ohren - auf einem Spaziergang gehört, und plötzlich war ich erstaunt, dass meine Schuhe auf dem Kies so knirschen. Dann schaute ich zu meinen Sohlen und sah: Da ist kein Kies! Das war das Hörspiel.

Beim Zuhören hatte ich das Gefühl, die rennen alle tatsächlich durch den Wald! Die schnaufen ab und zu, weil sie tatsächlich schnell gehen! Und die ärgste Vermutung ist die: Hat es da sogar einen eigenen Tontechniker für Vogelstimmen gegeben? Einer der mit dem Mikrophon in Baumkronen hockt? Während ein anderer an den Schuhen hantiert?

Darf man das alles bei Ö1?

Dann hat es mich beim Hören noch ein zweites Mal gerissen: Plötzlich war ein halber Satz verschluckt! Zunächst dachte ich: Ist jetzt die Batterie leer? Nein, nein, es war nur die Stelle, wenn einer etwas durch seine Pelzmütze hindurch nicht versteht: Damit Sie sich das hier und jetzt vorstellen können, versuche ich es mit meiner eigens mitgebrachten Alpaka-Mütze - ich glaube, die hätte Rousseau gefallen - nachzumachen: "Mit der Mütze kann ich Sie nicht hören!"

Frau mit Pelzkappe in der Hand

Jurorin Hedwig Kainberger demonstriert, wie sich ein Hörspiel anhört, in dem durch eine Pelzkappe gesprochen wird.

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Jedenfalls: Allein das, was dieses Hörspiel jenseits der Stimmen bietet, ist köstlich. Diese "Spaziergänge eines einsamen Träumers" hören sich lebendig und unmittelbar an - fern vom digitalen Tontechnik-Klimbim, sondern radiotechnisch zurück in der Natur.

Wir möchten diese Produktion rühmen, weil sie die Ohren verführt - und das ist ja das eigentliche, was ein Hörspiel zu leisten hat. Wir möchten es wegen der großartigen Schauspieler, allen voran Markus Meyer, und wegen der fulminanten Tontechniker auszeichnen.

Auf das "Zurück zur Natur" angesprochen, erwidert Rousseau im Hörspiel empört: "So plump hab ich mich niemals ausgedrückt!" So ist auch diese Ö1-Produktion: Hier wird Philosophie nicht plump ausgewalzt, sondern angedeutet, ein bisschen herumjongliert - alles charmant, witzig, verspielt – halt ein Hörspiel.

Wir möchten die "Spaziergänge des einsamen Träumers" auch loben, weil diese die Zeit aufs Anregendste verwischen. Anders als der echte Rousseau - 1712 bis 1778 - ist nämlich dieser Hörspiel-Rousseau des Twitterns, des Mailens und des "Zusammengoogelns" mächtig. Da werden offenbar originale, "untote" Zitate und heutige, von seinem Denken inspirierte Sätze miteinander verstrickt. Zum Beispiel die Kritik am Selfie-posten: Das sei Schwachsinn, denn, so hat offenbar der echte Rousseau gesagt: "Wer wirklich etwas empfindet, der denkt an nichts außer dem Moment". Und dazu ergänzt der Hörspiel-Rousseau: "Glück ist nichts Digitales." Ja, tatsächlich, wäre der echte Rousseau heute da, das könnte sein Satz sein!

Kann Rousseau heute da sein? Nein - aber: Wenn wir das denken, was Rousseau gedacht hat, wenn wir seine Gedanken nachvollziehen, kann er da tot sein? Das Hörspiel beginnt mit dem fabelhaften Satz: "Ich heiße Rousseau, glaube ich". Nach diesem Hörspiel sage ich: "Rousseau lebt, glaube ich." Und:

Ich glaube, Sie sollten sich das anhören.

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