Kurt (Tom Gramenz) und seine Klassenkameraden halten eine Schweigeminute ab

2017 STUDIOKANAL GMBH

Lars Kraume zeigt die DDR von innen

Der deutsche Regisseur Lars Kraume hat eine Vorliebe für kleine aber vielsagende Ereignisse in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Sein neuer Film "Das schweigende Klassenzimmer" führt in die DDR des Jahres 1956, als sich eine Maturaklasse zu einer Solidaritätskundgebung entschloss, die ungeahnte Folgen haben sollte.

Mittagsjournal | 28 02 2018

Wolfgang Popp

Die laute Schweigeminute

Oktober 1956. In Budapest kommt es zur brutalen Niederschlagung einer Demonstration durch die sowjetische Besatzungsmacht. Eine Maturaklasse in Stalinstadt in der östlichen DDR hört die Nachrichten auf dem verbotenen Westsender RIAS und beschließt ein Zeichen der Solidarität zu setzen. Als am nächsten Tag der Unterricht beginnt, legen die Schüler unkommentiert eine Schweigeminute ein. Regisseur Lars Kraume: "Diese jungen Leute wollen eigentlich nur ihr Mitgefühl zeigen für die gefallenen Studenten. Aus dieser kleinen Geste erwächst aber ein großes politisches Problem, das erst dazu führt, dass sie ein echtes politisches Bewusstsein entwickeln."

"Mir war es wichtig, diese Protestaktion durchzuführen und diesen Drecksäcken einmal zu zeigen: wir denken anders als ihr..."

Eine authentische Geschichte

Sebastian Kraume folgt in seinem Film wahren Begebenheiten. Niedergeschrieben hat die Geschichte einer der damaligen Protagonisten, der heute knapp achtzigjährige Dietrich Garstka: "Mir war es wichtig, diese Protestaktion durchzuführen und diesen Drecksäcken einmal zu zeigen: wir denken anders als ihr und wir trauen uns das auch. Wir haben aber nicht geglaubt, dass sich die Staatsregierung dieses Falles annimmt, dass der Minister zu uns kommt und uns beschimpft. Die konnten nicht kapieren, was das für eine Jugend war und deshalb musste sie sofort kleingetreten werden."

Kreisschulrätin Kessler (Jördis Triebel), Rektor Schwarz (Florian Lukas) und FDJ-Sekretär Ringel (Daniel Krauss) stellen der Klasse ein Ultimatum.

Kreisschulrätin Kessler (Jördis Triebel), Rektor Schwarz (Florian Lukas) und FDJ-Sekretär Ringel (Daniel Krauss) stellen der Klasse ein Ultimatum.

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Tatsächlich ist die Nachricht von der konterrevolutionären Schweigeminute bis in die höchsten Bonzenkreise vorgedrungen und der Volksbildungsminister höchstpersönlich kümmert sich um die Lösung des Falls.

Dreh in der Modellstadt

Regisseur Lars Kraume wollte nicht das übliche düstergraue Bild der DDR zeichnen und hat deshalb den Schauplatz von Storkow nach Stalinstadt, dem heutigen Eisenhüttenstadt verlegt, das 1956 als Planstadt nach modernsten Maßstäben errichtet wurde. Auch was die Familienbeziehungen der Schüler betrifft, hat Kraume an der dramaturgischen Schraube gedreht. Dietrich Garstka war aber als Berater und Korrektiv immer mit dabei.


Wie schon in "Der Staat gegen Fritz Bauer" zeigt Regisseur Lars Kraume auch in "Das schweigende Klassenzimmer" wieder sein großartiges Gleichgewichtsgefühl bei der Gratwanderung zwischen historischer Treue und spannender Dramaturgie. Und mit der Frage nach der Solidarität in einem immer restriktiver werdenden System greift er außerdem ein Thema auf, das zeitgemäßer nicht sein könnte.

Gestaltung

  • Wolfgang Popp

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