Großversammlung bei einer Kundgebung von Adolf Hitler, 1932

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Adolf Hitler. Versuchungen und Lehren

"Der Nationalsozialismus war etwas wirklich Neues: eine für viele faszinierende Mischung von technischer Modernisierung, nationalem Gemeinschafts- und sozialem Gleichheitsversprechen, zudem voller ästhetischer Faszinationsangebote und individueller Heroismusanmutungen und dazu noch von dynamischer Jugendlichkeit", analysiert der Grazer Theologe und Pastoralpsychologe Rainer Bucher in seinen "Gedanken für den Tag" zur Ö1 Schwerpunktwoche "80 Jahre Anschluss".

Adolf Hitler, 1930

Adolf Hitler, 1930

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Weder war Hitler Theologe, noch waren seine Absichten religiöse. Trotzdem verkündigt er sein politisches Projekt von Anfang an bis zuletzt im Namen eines Gottes. Und er glaubte tatsächlich, im Namen eines Gottes zu handeln. Selbst für das Projekt der Vernichtung der Jüdinnen und Juden, für den Holocaust, fand Hitler eine theologische Begründung.

Das ist die These des sorgfältig recherchierten Buches mit dem Titel "Hitlers Theologie". Rainer Bucher, der an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Karl Franzens Universität Graz lehrt, hat es vor einigen Jahren geschrieben. Darin kommt er zu dem Schluss: Hitlers Theologie sei "intellektuell krude, ihr Rassismus ist erbärmlich und ihr Gott ein numinoses Monster". Es gäbe in ihr keine Gnade und keine Barmherzigkeit, aber sie wurde, worauf tatsächlich alle Theologie abzielt: praktisch.

Sehnsucht nach "heroischem" Leben

Rainer Bucher legt dar, mit welchen Sehnsüchten der Nationalsozialismus spielte und warum seine Heilsversprechen so fatale Versuchungen waren: "Betrachtet man den Nationalsozialismus als das Projekt, das Ideal der homogenen "Volksgemeinschaft" als Antwort auf die Kränkung der Niederlage von 1918 politisch umzusetzen, einer "Volksgemeinschaft", in der eine heroische "Herrenrasse" das Ideal des Kampfes zelebriert und sich dabei von einer pseudo-wissenschaftlichen "Weltanschauung" getragen weiß, und das alles mit technischer Modernisierung verbindet, dann zeigt sich, welche Sehnsüchte der Nationalsozialismus bediente: die Sehnsucht nach Gemeinschaft, die Sehnsucht nach Kränkungslinderung, die Sehnsucht nach einem "heroischen" Leben und die Sehnsucht nach Fortschritt ohne verwirrende kulturelle Pluralität."

Adolf Hitler, 1030

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Adolf Hitler bei einer Wahlkampfrede in den 1930er Jahren.

Gegen die Unübersichtlichkeit der Moderne

Die "Sehnsucht nach Gemeinschaft" sei etwas zutiefst Menschliches und gerade deswegen so gefährlich, meint Bucher. Für das Leben im nationalsozialistischen Regime war es entscheidend, diese "Sehnsucht nach Gemeinschaft" zu teilen oder wenigstens vorzugeben, dass man es täte. "Wer diese Gemeinschaftsidylle störte oder als Störer definiert wurde, bezahlte das teuer: "Volksfeind" zu sein war ein Todesurteil."

Die Nationalsozialisten und all jene, die zumindest lange Zeit dazugehören wollten, ersehnten Gemeinschaft, weil sie die Unübersichtlichkeit der Moderne nicht aushielten. "Das "arische Herrschervolk" musste andere bis zum Tod ausschließen, um sich als Gemeinschaft erleben zu können."

"Die Ambivalenz der Welt nicht aushalten können und mit Gewalt die Abkürzung ins Paradies einer nicht-kontingenten, nicht-ambivalenten Welt gehen zu wollen: Das ist das Wesen des Bösen. Hitlers Projekt war durch und durch böse", so Rainer Bucher.

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Rainer Bucher, "Hitlers Theologie", Echter-Verlag

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