Filmausschnitt - MEnschen mit Koffern

Filmarchiv Austria

Die Stadt ohne - Juden, Muslime, Flüchtlinge, Ausländer

"Die Stadt ohne Juden", so hieß ein Bestseller des Jahres 1922 von Hugo Bettauer. Das war ein satirisch gefärbter Roman über den damals schon eskalierenden Antisemitismus. Das Buch wurde 1924 von dem Regisseur Hans Karl Bettauer verfilmt und gilt als einer der wichtigsten österreichischen Stummfilme der Zwischenkriegszeit.

Kulturjournal | 01 03 2018

Dorothee Frank

Filmplakat

Filmarchiv Austria

Historisches Filmplakat aus dem Jahr 1922

2016 tauchte auf einem Flohmarkt in Paris eine Kopie auf, die um 30 Minuten länger ist, als die bis dahin bekannte Fassung. Mithilfe einer Crowdfunding-Kampagne wurde der Film restauriert. Er wird am 21. März vom Filmarchiv Austria erstmals gezeigt und wird später durch Österreich touren. Eine begleitende Ausstellung ist im Metro Kinokulturhaus bereits jetzt zu sehen. Titel: "Die Stadt ohne - Juden, Muslime, Flüchtlinge, Ausländer".

Das scheinbar Undenkbare

In dem Film "Die Stadt ohne Juden" nach Hugo Bettauers Roman wird ein Zukunftsszenario durchgespielt, das den Urhebern damals Anfang der 1920er Jahre noch völlig unwahrscheinlich erschien: Die wachsende Wut gegenüber Juden, die für die wirtschaftliche Misere der Zeit verantwortlich gemacht werden, gipfelt in der Forderung nach Ausweisung der gesamten jüdischen Bevölkerung. Zurück bleibt ein kulturell und ökonomisch ausgedörrtes Wien - Provinz statt Metropole. Doch - überraschend tut sich ein Happy End auf, die Juden können bald wieder zurückkehren.

Vergleichen, aber nicht gleichsetzen

Die in Paris aufgefundene Langfassung der Films zeigt noch deutlicher, wie prophetisch "Die Stadt ohne Juden" die Stufenleiter der Ausgrenzung und Stigmatisierung dargstellt hat. Die Ausstellung im Metro Kinokulturhaus zieht Parallelen - schon im Titel: "Stadt ohne - Juden, Muslime, Flüchtlinge, Ausländer".

Historisches Foto mit antisemitischen Parolen

Dieses Foto stammt aus dem Jahr 1932. In der Ausstellung halten daneben auf einem Foto des Jahres 2016 FPÖ-Demonstranten ein Schild hoch: "Je mehr Ausländer vom Geld der Wiener leben, umso ärmer werden die Wiener."

ONB

Viele mögen sich fragen - sind solche Parallelen zulässig? Man wolle vergleichen, aber nicht gleichsetzen, erwidert Hannes Sulzenbacher vom Kuratorenteam.

"Heimreise statt Einreise

So sieht das gleiche Thema heute aus

DÖW

Die Antwort kennt nur das Publikum

"Ich glaube, viele Menschen in der Gegenwart fragen sich, ob der Hass, der uns alltäglich heute von allen Seiten überschwemmt, ob der eigentlich jetzt schon so ähnlich ist wie in den 1920er, 1930er Jahren. Und natürlich kann eine Ausstellung das nicht beantworten, sondern wir müssen in Wahrheit die Besucherinnen und Besucher die Antwort geben lassen; wir Wollten nur eine Plattform geben, um dieser Sorge einmal Ausdruck zu geben. Denn die wird ja doch von vielem Leuten heutzutage besprochen."

Filmstill

Filmarchiv Austria

Filmstill aus "Stadt ohne Juden"

Übung in Empathieverlust

Ein Teil der klug und berührend inszenierten Ausstellung gilt dem Thema "Empathieverlust". Es geht um die Einübung der Bevölkerung in Mitleidlosigkeit gegenüber stigmatisierten Gruppen. Da findet sich neben Materialien aus den 1930er Jahren auch ein bekannter Ausspruch des jetzigen Kanzlers und damaligen Außenministers Sebastian Kurz aus der ARD-Diskussionssendung "Anne Will" im März 2016. Zitat: "Die Bilder sind furchtbar. Aber wir sollten nicht den Fehler machen zu glauben, dass es ohne diese Bilder gehen wird." Die Stelle läuft auf einem kleinen Bildschirm im Loop.

Ko-Kurator Andreas Brunner ganz allgemein zum Thema Empathieverlust: "Wenn man sieht, dass in den sozialen Medien heute Menschen mit Asseln vergleichen werden, wie in den 1930er und 1920er Jahren Juden und Jüdinnen mit Ungeziefer verglichen worden sind: Dann liegen sozusagen diese Vergleichsebenen auf der Hand. Wir stellen sie nebeneinander. Es ist kein = Zeichen dazwischen."

Die Austellung Die Stadt ohne - Juden, Moslems, Flüchtlinge, Ausländer scheint manche schon im Vorhinein zu provozieren: Der Tageszeitung "Der Standard" lag vor einigen Tagen das Programmheft des Filmarchivs mit der "Stadt ohne Juden" am Cover bei. Augenzeugen beobachteten, wie unbekannte Personen diese Programmhefte aus Zeitungen in Straßenständern entnahmen und diese massenhaft in Mistkübeln entsorgten. Das Filmarchiv hat Anzeige gegen Unbekannt erstattet.

Service

Filmarchiv Austria - Die Stadt ohne, bis 30. Dezember, Metro Kinokulturhaus, Wien, täglich 15.00 bis 21.00 Uhr

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Gestaltung

  • Dorothee Frank

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