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ORF/THOMAS RAMSTORFER

Die Angst der Medien vor ihren Fehlern

Eine gründlich missglückte Wahlkampf-Reportage des ORF Tirol. Eine dreitägige Schockstarre bis zur Entschuldigung für einen Schnitt, den man nur als manipulativ bezeichnen kann. Das ist Gift für die Glaubwürdigkeit des Mediums und Munition für die FPÖ, die auch als Regierungspartei an der Gebührenfinanzierung sägt - dem Fundament des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Zeit für mehr Fehlerbewusstsein.

Franz Küberl

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Franz Küberl

Fehler könnten immer passieren, räumt der scheidende Stiftungsrat Franz Küberl - die graue Eminenz des ORF-Aufsichtsgremiums – ein: "Es braucht aber eine viel raschere Fehlererkennung, eine viel raschere Fehlerabstellung, aber auch eine Entschuldigungskultur, wo man nicht zuerst schaut, ob man irgendwie auch ohne Entschuldigung durchkommt." Das würde er lockerer handhaben, sagt Küberl, und vor allem sei wichtig, dass es rasch passiere.

"Der ORF ist nervös, die anderen auch"

"Der ORF ist ein tagesaktuelles Medium, ein sehr nervöses Medium, und die Menschen, die mit dem ORF zu tun haben, sind auch nervös", sagt Küberl. Das treffe speziell auf FPÖ-Politiker zu. Diese haben nach versöhnlichen Tönen in Richtung ORF und GIS-Gebühren in der Februar-Ausgabe von #doublecheck den Schalter wieder umgelegt. Der neuerliche Ruf nach Abschaffung der Gebühren geht mit Attacken gegen den ORF einher, wie man sie von einer Regierungspartei bisher nicht gekannt hat.

Eine Häufung von Fehlleistungen in ORF-Redaktionen in dieser Phase hat seinen Teil zur Reaktion der FPÖ beigetragen. "Wir beobachten, dass Fehler in massiver Weise attackiert werden", erklärt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen von der Universität Tübingen, "nach dem Motto: Da seht ihr ja, die lügen doch alle." In der Tat hat FPÖ-Obmann und Vizekanzler Heinz-Christian Strache im Duett mit dem Oberösterreicher Manfred Haimbuchner beim politischen Aschermittwoch in Ried brutal vom Leder gezogen. "Dem ORF glaubt man nicht einmal mehr die Uhrzeit", war noch von der feineren Sorte.

Vizekanzler Heinz-Christian Strache im Rahmen des Politischen Aschermittwochs der FPÖ.

Vizekanzler Heinz-Christian Strache im Rahmen des Politischen Aschermittwochs der FPÖ.

FOTO: APA/MANFRED FESL

Für eine neue Fehlerkultur

Der ORF reagiert konstruktiv auf die Angriffe. Generaldirektor Alexander Wrabetz hat nach dem problematischen Beitrag des ORF Tirol Konsequenzen gezogen. Die verantwortliche Gestalterin wurde von der Landtagswahl-Berichterstattung abgezogen. Weiters hat der ORF-Chef Maßnahmen im Sinne einer neuen Fehlerkultur und eines verbesserten Qualitätsmanagements angekündigt. Die Redakteursvertretung zieht mit Wrabetz an einem Strang: "Öffentlich-rechtliche Sender müssen transparent sein, auch was den Umgang mit eigenen Fehlern betrifft", sagt Dieter Bornemann, der oberste ORF-Redakteurssprecher. Das habe im österreichischen Journalismus allerdings wenig Tradition, ganz im Gegensatz zu den USA und Großbritannien. Bornemann will gemeinsam mit externen Persönlichkeiten Leitlinien für den Umgang mit Fehlern erarbeiten lassen. Der ORF soll Vorreiter sein.

Dieter Bornemann

Dieter Bornemann

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Aufklärung, Korrektur, Entschuldigung

Der ORF-Publikumsrat hat in seiner Sitzung am Donnerstag die einstimmige Empfehlung abgegeben, aus jüngsten Fehlern – in der Diskussion wurde explizit die Reportage des ORF Tirol genannt – "im Sinne einer neuen Fehlerkultur zu lernen und entsprechende Schritte zu setzen". Die Redaktionen sollten für den Umgang mit Fehlern geschult werden, empfiehlt das Gremium. Es brauche eine Sensibilisierung der Mitarbeiter für eine transparente Aufklärung und die Korrektur von Fehlern, bis hin zur Entschuldigung, mit der sich nicht nur der ORF schwertut.

Er könne aus leidvollen Erfahrungen sagen, dass in Medien täglich Fehler passieren. Das sei beinahe unvermeidlich bei der Menge an produzierten Seiten, betont Andreas Koller. Er ist stellvertretender Chefredakteur der Salzburger Nachrichten und Präsident des Presseclubs Concordia: "Es mag zwar ein bisschen peinlich sein, wenn man vor den Lesern eingestehen muss, dass man einen Fehler gemacht hat. Langfristig würde das aber die Glaubwürdigkeit der österreichischen Medien verbessern."

Gehversuche in "Standard" und "Presse"

Auch Vertreter von Print-Medien plädieren also für mehr Fehlerkultur. Es gibt und gab zwar Ausnahmen, aber die bestätigen nur die Regel, dass Österreichs Journalismus in dieser Frage eine Wüste ist. Beim "Standard" war Otto Ranftl bis zu seinem Tod eine Art Leserombudsmann: "Jede Woche fand er genügend Fehlleistungen, um sie sprachlich brillant in seiner Errata-Kolumne am Wochenende zu erklären – oder zu entschuldigen", schrieb die damalige Chefredakteurin und Erfinderin dieser Funktion, Alexandra Föderl-Schmid. Mit Ranftl starb auch die Kolumne.

In der Tageszeitung "Die Presse" greift der erfahrene Journalist Engelbert Washietl Fehler der Redaktion auf, um sie durchaus selbstironisch zu erklären – mittlerweile aber nur noch einmal im Monat. Chefredakteur Rainer Nowak, dem diese Kolumne wichtig ist, weiß zu erzählen, dass das nicht alle Vertreter seines Eigentümers Styria immer so gesehen haben. Wie überhaupt der Umgang mit Fehlern hierzulande ein verkrampfter ist. "Fehler sind bei uns sehr negativ konnotiert und werden nicht als etwas gesehen, das man korrigieren und von dem man lernen kann", betont Daniela Kraus vom Forum Journalismus und Medien Wien.

Die Kritiker sitzen oft im Glashaus

Das verkrampfte Verhältnis wurzelt aber noch tiefer. Es beginnt schon bei der Medienkritik. Cornelia Breuß hat in ihrer Master-Arbeit erforscht, wie es die Redaktionen in Österreich mit Blattkritik und Sendungskritik halten. Den Jungen werde die Lust an der Kritik von den arrivierten Kollegen ausgetrieben, und die Chefs würden keine geeigneten Rahmenbedingungen schaffen, so der eher matte Befund von Breuß. Medienkritik sei Chefsache und daher müssten Führungskräfte für einen fairen Rahmen sorgen, in dem alle gleichberechtigt mitreden können, so Breuß.

Das sind nicht die besten Voraussetzungen für eine Fehler- und Entschuldigungskultur. Doch das scheint auch für die andere Seite zu gelten. FPÖ-Obmann und Vizekanzler Strache hat dem ORF mit einem Facebook-Posting pauschal Manipulation und Lüge vorgeworfen. Das Ganze war illustriert mit einem Bild von ZIB2-Moderator Armin Wolf. Entschuldigen wollte sich Strache aber erst, als klar war, dass er dafür wahrscheinlich strafrechtlich wegen übler Nachrede verurteilt werden würde. Wolf hat ihn geklagt, der ORF auch.

Protestbrief aus Deutschland an Kurz

In einem Protestschreiben fordert mittlerweile die Crème de la Crème des deutschen Journalismus - von Anne Will bis Caus Kleber haben alle unterzeichnet - Bundeskanzler Sebastian Kurz auf, sich vom Vorgehen seines Koalitionspartners Strache zu distanzieren. Denn das sei ein Angriff auf die Pressefreiheit. Weiter heißt es in dem Brief an Kurz: "Sie haben sich in Deutschland mit Ihren offenen Worten in Interviews und Fernsehdiskussionen einen Namen gemacht. Umso mehr verwundert uns Ihre Zurückhaltung in diesem für die Meinungs- und Pressefreiheit eines europäischen Landes so wichtigen Fall." Der Kanzler hat bisher nämlich nur dazu aufgerufen, weniger emotionell zu diskutieren - und danach geschwiegen.

Eine falsche Behauptung in der "Krone"

Seit der Sturm der Entrüstung wegen seines Postings losgebrochen ist, versichert Strache bei jeder Gelegenheit, er habe das nicht persönlich gemeint. In einem Interview mit der "Kronen Zeitung" allerdings nahm der Vizekanzler erneut Armin Wolf persönlich ins Visier. Er behauptete, der umstrittene Beitrag des ORF Tirol mit dem manipulativen Schnitt sei auch in der ZIB2 gelaufen – und das habe Wolf zu verantworten. Tatsächlich wurde der Beitrag aber nie in der ZIB2 gesendet. Ausgerechnet die "Kronen Zeitung" – die nicht gerade für ihre Fehlerkultur bekannt ist - hat das auch richtiggestellt.

Strache verweigert die Richtigstellung

Strache selbst hat übrigens nichts richtiggestellt. Sein Sprecher sagte dazu auf Anfrage von #doublecheck, da gebe es auch nichts richtigzustellen. Strache habe gemeint, dass in der ZIB2 über den Beitrag aus Tirol berichtet worden sei – und das sei genauso schlimm wie wenn der ganze Beitrag gespielt worden wäre.

Abgesehen davon, dass es durchaus einen Unterschied macht, ob man einen umstrittenen Beitrag kommentarlos übernimmt oder über den Wirbel um einen umstrittenen Beitrag berichtet: Aus der Sendeliste der ZIB2 geht hervor, dass weder der Beitrag selbst gelaufen ist, noch darüber berichtet wurde.

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