Historisches Foto vom Graben in Wien

Associated Press

Ernst Lothars "Rückkehr"

Ein Roman, der das österreichische Publikum der Nachkriegszeit verstörte, wurde neu aufgelegt.

Der 1890 geborene Jurist Ernst Lothar wurde in der Zwischenkriegszeit zu einem erfolgreichen Romancier, während des Austrofaschismus arbeitete er vornehmlich als Theaterregisseur, ab 1935 war er Co-Direktor des Theaters in der Josefstadt. 1938 musste der Jude Lothar fliehen. 1939 erreichte er New York, ab 1941 hatte er eine Gastprofessur in Colorado inne.

Kulturjournal | 01 03 2018

Wer war Ernst Lothar?
Katharina Menhofer

Im Exil schrieb er fünf Romane, die immer wieder seine aus den Fugen geratene Identität thematisieren: auf der einen Seite die Verankerung in der österreichischen Kultur, andererseits das versuchte Zurechtfinden in der neuen Umgebung, einer modernen, demokratisch gefestigten, dem Altösterreicher oft seltsam materialistisch erscheinenden Gesellschaft. Das ist der Hintergrund, vor dem Lothars bekanntester Roman entstand, "Der Engel mit der Posaune", 1944 in den USA veröffentlicht.

Morgenjournal | 27 02 2018

"Die Rückkehr" ins Nachkriegswien
Katharina Menhofer

Kein Alter Ego

"Die Rückkehr" erschien erstmals 1949. Drei Jahre zuvor war Ernst Lothar mit der US-Armee nach Wien zurückgekommen, womit wir wieder bei der eingangs erwähnten Zeitungsmeldung wären: In seine Zuständigkeit als Kulturoffizier der ISB, der Information Service Branch, fiel die Entnazifizierung der Künstler. Lothar war also einerseits ein "Ami", mit Privilegien und exekutiven Kompetenzen, andererseits begrüßte man ihn in der Zeitung als Hofrat, also mit seinem urösterreichischen Titel.

Die Hauptfigur des Romans, Felix von Geldern, ist zwar kein Alter Ego des Autors, aber der Text speist sich deutlich aus Lothars persönlichen Erfahrungen bei seiner Remigration. Vor allem thematisiert er den schwierigen Prozess der Normalisierung in einem Klima aus Wut, Angst, Feigheit, Anpassung und Lüge.

Fremd in der Heimat

Felix ist Spross einer wohlhabenden Wiener Familie. Gemeinsam mit einem Teil seiner Familie emigrierte er 1938 aus Gesinnungsgründen, ein Fortleben unter Naziherrschaft war ihm unerträglich erschienen. In den USA schlägt Felix das Vermögen der Familie aus und arbeitet als Buchhändler in einem New Yorker Warenhaus. Er ist ein edler Mensch, aber auch eine schwache Persönlichkeit, entscheidungsschwach. Diese Schwäche ist dem Exil geschuldet: Er hat Sehnsucht nach Österreich.

Schließlich reist er mit der Großmutter nach Wien, um sich um das in der Heimat verbliebene Familienvermögen zu kümmern. In Wien begegnet dem Nicht-Juden Felix der nach wie vor präsente Antisemitismus, und die Wiener begegnen ihm mit gehöriger Distanz, habe er es sich doch, so der latent permanent vorhandene Vorwurf gegenüber allen Remigranten, im sicheren Ausland bequem eingerichtet, während man hier die alliierten Bomben zu überleben gehabt habe. So bleibt Felix in seiner Heimatstadt ein Fremder, befindet sich in einer Art doppeltem Exil.

Zeitgefühle

"Die Rückkehr" ist ein Roman der Ambivalenz, des Dazwischen. Felix steht zwischen zwei Staatsbürgerschaften, zwischen zwei Kulturkreisen, auch zwischen zwei Frauen. Heil findet er einzig in der überzeitlichen Kunst, in der Dichtung Grillparzers und in der Musik. Deshalb schmerzt ihn die Zerstörung der Staatsoper besonders:

Zerstörtes Gebäude

"Dort hatte die erste Begegnung mit Mozart begonnen. Immer neue, immer erneuerte Beseligung war von dort gekommen. Das herrliche Haus, mit dem sich für Felix untrennbar die Vorstellung des Vollkommenen verband, war ein armseliges Wrack."

Wiener Staatsoper

Dass Ernst Lothar diese österreichische Kultur der deutschen Barbarei entgegensetzte und dass diese Österreich-Ideologie im Austrofaschismus einen blinden Fleck hatte, das lässt sich heute nicht mehr beiseiteschieben. Die Stärke des Romans liegt in der Darstellung der Zerstörungen, der äußeren wie inneren, darin ist dem Verfasser des Nachworts, Doron Rabinovici, unumwunden Recht zu geben. Der Roman legt bei allem Versöhnungswillen die Schattenseiten, die Widersprüche, die Risse in den Identitäten offen und kann so ein Porträt des Nachkriegs-Wien in seiner Komplexität zeichnen.

Service

Ernst Lothar, "Die Rückkehr", Zsolnay Verlag

Gestaltung

Wolfgang Straub

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