Fußgänger spiegeln sich auf nassem Platz

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Zsuzsanna Gahse über Brüder und Schwestern

Geschwistergeschichten beginnen mit zwei Kindern und sind zu steigern, zehn Schwestern sind denkbar, und jeder könnte mit zwanzig Schwestern und Brüdern aufwachsen oder zu zweit bleiben, schwindelerregend vertraut über Jahre hinweg als Zwillinge, als Zwillingspaar.

Zsuzsanna Gahses neues Buch mit dem Titel "Siebenundsiebzig Geschwister" ist unterwegs in der Fülle von Geschwisterkonstellationen und ihren Gestimmtheiten. Wahrscheinlich sind es mehr als 77 Geschwister, die in diesem Buch auftreten und von ihrer Umgebung reden, von ihren Verwandten und Familien, mitunter sogar von den Genen.

Flimmerndes Bild temperierter Beziehungen

Die meisten Protagonisten stammen aus Wien, sind aber alle schon flügge und können weltweit umherziehen. Die wiederkehrenden Samstagstreffen mit Gesprächen über das Lachen, das böse Lachen, und dem so wichtigen Singen finden bei Winnie in Wien statt.

Die Vielfalt von Schwestern und Brüdern spiegelt sich bei Zsuzsanna Gahse in ihrer Sprachvielfalt. Virtuos bewegen sich ihre Sätze in der Nähe von Gedichten, Prosaerzählungen und Essays, um immer wieder neue Textformen zu generieren. Mit ihren Erzählzellen und literarischen Echos zeichnet sie ein faszinierend flimmerndes Bild unterschiedlich temperierter Geschwisterbeziehungen.

Zsuzsanna Gahse

Ch. Ruetimann

1956 floh die in Ungarn geborene Zsuzsanna Gahse mit ihren Eltern in den Westen. Heute lebt sie in der Schweiz.

"Buchkörper" zwischen Lyrik und Prosa

"Meine Bücher sind Buchkörper", sagte die 1946 in Budapest geborene Autorin einmal. In diesen Texten - allesamt fragil zwischen Lyrik und Prosa balancierend - geht es um Liebe und Rivalität, um Angst und Erotik, um Fürsorge und Freundschaft zwischen Schwestern und Brüdern, Adoptiv-, Stief- und Halbgeschwistern.

Zsuzsanna Gahses Muttersprache ist das Ungarische. Als die Eltern 1956 während des Ungarischen Volksaufstands in den Westen flohen, lernte das damals zehnjährige Mädchen Deutsch, zuerst in Wien, und später in Kassel. Tübingen, Bamberg und Stuttgart waren einige weitere Lebensstationen der Autorin, die inzwischen längst auf Deutsch sowohl schreibt als auch lehrt.

Zahlreiche Auszeichnungen

"Zero", ihr erstes Buch, wurde mit dem Aspekte-Literaturpreis des ZDF ausgezeichnet. Seitdem liegen von ihr mehr als 20 Bücher vor. Zsuzsanna Gahse hat zudem mehrere szenische Stücke geschrieben und Texte für die Bildende Kunst.

Heute lebt die vielfach ausgezeichnete Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin in Müllheim in der Schweiz. 2017 erhielt Zsuzsanna Gahses sowohl den Italo-Svevo- wie den Werner-Bergengruen-Literaturpreis.

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Zsuzsanna Gahse, "Siebenundsiebzig Geschwister", edition korrespondenzen, 2017
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