Braune Blätter, Tautropfen

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Theaterstück über Hitlers geheime Schwester

Eine Frau, die ganz im Schatten der Geschichte gelebt hat und doch ganz nah dran war, war Paula Hitler - Hitlers Schwester. Mit ihr hat sich die Autorin und Schauspielerin Isa Hochgerner beschäftigt.

Wer war diese Frau, warum musste sie in der Anonymität untertauchen, welchen Blick hatte sie auf die Verbrechen ihres älteren Bruders und warum wurde ihre eigene Kusine Opfer des Nazi-Regimes? Ihre Fundstücke hat Hochgerner in ein Theaterstück verpackt, das unter dem Titel "Paulas Kampf" beim Thomas Sessler Verlag liegt und für das noch ein geeigneter Aufführungsort gesucht wird.

Kulturjournal | 13 03 2018

Katharina Menhofer

Im Juni 1960 wurde am Bergfriedhof Berchtesgaden eine 64-jährige Frau zu Grabe getragen. Eine verarmte Sozialhilfeempfängerin ohne Familie, so unauffällig wie ihr Name: Paula Wolf. Die einzige überlebende Schwester Adolf Hitlers musste auf seinen Wunsch ab 1936 unter dem Pseudonym im Verborgenen leben, denn Hitler hatte großes Interesse daran, das Bild von sich als "Führer ohne Familie", als singuläre Erscheinung zu zeichnen.

Paula Hitler und Dr. Jekelius

"Paula hat sich, wie sie es von Kindheit an gewohnt war, auch hier gefügt", sagt Isa Hochergerner. Auf Paula ist sie ganz zufällig gestoßen, als sie vor einigen Jahren am Areal des psychiatrischen Krankenhauses am Steinhof fotografierte und mit einem Verwaltungsbeamten ins Gespräch kam: "Da fiel die Bemerkung, eine gewisse Frau Hitler habe mit einem Dr. Jekelius in diesem Direktionsgebäude, das ich fotografiert habe, geschmust. Ich wusste nicht, dass es eine Schwester von ihm gibt, habe dann recherchiert und bin dadurch auf diese Geschichte gestoßen."

Diese Geschichte hat mehrere Protagonisten: Neben Paula Hitler auch noch Dr. Jekelius, mit dem die neun Jahre ältere Paula eine Liebesbeziehung einging. Er war Arzt in Steinhof, Vorgesetzter von Heinrich Gross und Leiter des berüchtigten Euthanasie-Programmes T4.

Vergebliche Intervention für Aloisia

Kennengelernt haben sich beide, als Paula bei Jekelius für ihre Großkusine Aloisia Veit intervenierte. Diese war seit vielen Jahren Patientin hier. Was, wie man heute weiß, und damals ahnte, lebensgefährlich sein konnte. Die Intervention war umsonst, Aloisia wurde abtransportiert und vergast. Hitler brauchte weder eine schizophrene Großkusine in der Verwandtschaft, noch einen Schwager. Er untersagte Paula die Beziehung zu Jekelius, schickte ihn an die Ostfront und sie, arbeitslos geworden, ins dörfliche Exil, wo er mit einer monatlichen Apanage für ihren Unterhalt sorgte.

Jekelius, Paula und Aloisia sind die Protagonisten in Isa Hochgerners Theaterstück. Bei der Zeichnung der Paula-Figur griff sie auf eine Biografie zurück, und auf das spärlich vorhandene Originalmaterial - etwa einen kurzen englisch synchronisierten Interviewausschnitt auf YouTube. Isa Hochgerner: "Zwei Verleger wollten von ihr ein Buch der Erinnerungen haben, die wollten ein Geschäft mit ihr machen. Sie hat zwar dran gearbeitet, aber diese Seiten sind verschwunden, man weiß nicht wo die sind."

Annäherung an ein Phantom

Mit Paula, die versucht, auf der Schreibmaschine, ihre Erinnerungen niederzuschreiben, beginnt auch das Stück - in Rückblicken und Erinnerungsbildern lässt sich Hochgerner auf die vermeintliche Gefühlslag der Figuren ein. Paula Hitler, ist sie überzeugt, war zwar verblendet und ein wenig naiv, aber sicher nicht unreflektiert. Sie hat das Stiftergymnasium absolviert, Rilke und Sophokles (vor allem den Ödipus) gelesen, aber auch kritische Dokumentationen über ihren Bruder.

"Sie konnte das auf einer realen Ebene, diese Wucht der Wirklichkeit dieses Bruders, nicht verarbeiten. Was man ihr nicht vorwerfen kann, ist dass sie die Wahrheit nicht gesucht hätte, aber sie ist daran gescheitert", so die Autorin. Die Wahrheit wird auch in dem Theaterstück "Paulas Kampf" nicht erzählt, es ist eine sanfte und doch sehr eindrucksvolle Annäherung an ein Phantom. Es ist Liebesgeschichte, Zeitdokument, Biografie und Krimi gleichermaßen, dem eigentlich nur eines fehlt - ein Theater, wo das Stück zur Aufführung kommen kann.

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