Eduard Graf von Keyserling, 1900 (Gemälde von Lovis Corinth)

LOVIS CORINTH/NEUE PINAKOTHEK MÜNCHEN

"Keyserlings Geheimnis" von Klaus Modick

Eine liebevolle Hommage an einen Dichter und Dandy aus baltischem Adel.

Im Sommer 1901 porträtierte der Maler Lovis Corinth einen Schriftsteller, der mit ihm die Sommerfrische am Starnberger See genoss. Er malte ihn sitzend vor einer Wand, eine hagere Gestalt, gut gekleidet, aber von kränklichem Aussehen, die blass-blauen Augen in tiefen Höhlen sitzend, die Wangen eingefallen, die Schultern hängend.

Das Gemälde, das als eines der besten und psychologisch interessantesten Porträts Corinths gilt, zeigt Eduard Graf von Keyserling mit Mitte vierzig, einen Schriftsteller und Dandy aus baltischem Adel. Es ist alles andere als ein geschöntes, dem Modell schmeichelndes Bild: Es ist ein schonungslos realistisches. Denn der Graf war zu jener Zeit bereits an Syphilis erkrankt, an deren Folgen er 17 Jahre später auch sterben sollte.

"Der Mann sieht ja im Grunde furchtbar aus auf diesem Bild, aber dieses furchtbare Aussehen erzeugt natürlich auch eine merkwürdige Faszination. Je länger man sich dieses Bild ansieht, desto neugieriger wird man eigentlich auf diesen Mann", so Klaus Modick, der die Leser in seinem Roman "Keyserlings Geheimnis" ins München des frühen 20. Jahrhunderts und an den Starnberger See führt. Dort trafen sich Keyserling und seine Freunde, darunter Max Halbe und Frank Wedekind.

Chronist einer untergegangenen Zeit

Klaus Modick zeigt den künstlerischen Selbstfindungsprozess seines Protagonisten, den Weg vom baltischen Schlossbewohner und verkrachten Studenten zu einem zwar nicht sehr populären, aber doch äußerst geschätzten Schriftsteller, der als wichtiger Vertreter des literarischen Impressionismus gilt. "Keyserling ist in der Tat immer noch so eine Art großer Unbekannter der deutschsprachigen Literatur. Er stand immer so im Schatten von seinem Zeitgenossen Fontane. Aber irgendjemand hat mal nicht ganz unzutreffend gesagt, der bessere Fontane sei dann eben doch Keyserling gewesen", meint Klaus Modick.

Eduard Graf von Keyserling wurde Mitte des 19. Jahrhunderts in Kurland geboren, einer deutschen Adels-Enklave im russischen Zarenreich, als Sohn einer alteingesessenen Familie von Schloss- und Gutsbesitzern, deren beste Zeiten längst passé waren. Im Roman wird das Milieu als "epigonenhaft", "stockkonservativ" und "nachgiebig reaktionär" beschrieben. Kein Wunder, dass Keyserling, der sich mehr für Literatur als für Landwirtschaft interessierte, nicht hier bleiben und in die Fußstapfen seines Vaters treten wollte.

Sein mit wenig Ehrgeiz betriebenes Jura-Studium brach er ab, um mit 23 Jahren nach Wien zu flüchten, dort für's Feuilleton zu schreiben, aber auch literarische Ambitionen zu verfolgen und sich in diverse Affären zu stürzen. Aus familiären Gründen gezwungen, noch einmal aufs elterliche Gut zurückzukehren, verließ er dann mit vierzig endgültig die kurländische Tristesse, um in der Schwabinger Boheme heimisch zu werden. Hier entstand bis zu Keyserlings Tod im Jahr 1918 auch der Großteil seines literarischen Werkes.

Eine Entdeckung wert

Keyserling wird bei Modick als "Graf, Dandy und Dichter" vorgestellt, der sich "seiner eigenen Unzeitgemäßheit bewusst" war - und sein Werk als das über eine Welt, die es eigentlich gar nicht mehr gab, den "windstillen Winkel des alten, untergehenden Kurlands". Es ist eine Prosa der Erinnerungen, die Keyserling schrieb, den, wie die impressionistischen Maler, atmosphärische Veränderungen, Übergänge und Verläufe interessierten.

Klaus Modick versucht es ihm gleichzutun. Gern beschreibt er Licht und Luft und Wind und Wellen, die bestimmte Stimmungen spiegeln, was mitunter freilich weniger poetisch als prätentiös klingt. Dennoch: "Keyserlings Geheimnis"ist eine liebevolle Hommage an einen Dichter - und eine schöne Einladung an den Leser, sich einmal der Keyserling-Lektüre hinzugeben, ein kleiner, gediegener, ein feinfühliger und durchaus auch spannend zu lesender Roman.

Service

Klaus Modick, "Keyserlings Geheimnis", Roman, Verlag Kiepenheuer & Witsch

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