Eine betende Gläubige

APA/AFP/LUIS ROBAYO

Leibhafte Religion Teil 1: Wie der Körper Religion ausübt

"A set of beliefs" - also ein sauber abgegrenzter Katalog von Glaubenssätzen: So spricht man im englischen Sprachraum gern über Religion - als wäre Religion allein eine Sache der Vernunft oder des Verstandes, ein Gedankengebäude für die Gelehrtenstube. Ein Blick auf die religiöse Lebensrealität offenbart aber sofort: Der Körper ist immer ganz wesentlich daran beteiligt.

Ein Schritt nach links, ein Schritt nach rechts - im kleinen Städtchen Echternach in Luxemburg wird am Dienstag nach Pfingsten noch getanzt. Die "Springprozession" zum Grab des Heiligen Willbrord ist schon im Mittalter belegt - und einer der Beweise, dass auch im christlichen Gottesdienst früher einmal getanzt wurde.

"Tanz ist ein Ur-Ausdruck des Menschen, der Freude und Lebensbejahung signalisiert."

Schon König David hat - laut biblischem Bericht - vor der Bundeslade getanzt (und hatte dabei nur einen Leinenschurz um).

"Der Mensch ist das Wesen der Körpersprache", betont der katholische Liturgiewissenschaftler Andreas Redtenbacher, Priester und Augustiner-Choherr im Stift Klosterneuburg. "Der Mensch kann sich nur über seinen Leib ausdrücken." Auch die Sprache sei - bei genauerer Betrachtung ein leiblicher Vorgang. "Der Mensch ist Seele im Leib" - und daher sei auch die Ausübung der Religion nur mit dem Körper möglich.

"Ohne den Körper kann die Seele nicht erfahren und nicht handeln."

"Von daher ist der Körper die Grundlage von jeder religiöser Praxis", meint Karin Preisendanz, Professorin am Institut für Südasien-, Tibet- und Buddhismuskunde der Universität Wien.

Es könnten zwar, so Karin Preisendanz, gewisse religiöse Praktiken verinnerlicht werden - also nur gedacht - werden: "Aber - man braucht trotzdem den Körper." In den religiösen Traditionen Indiens zeigt sich die Bedeutung des Körpers in erster Linie im Bemühen um seine Bändigung - durch Nahrungsvorschriften und sexuelle Enthaltsamkeit.

"Die Erlösung besteht darin, den Körper hinter sich zu lassen, weil der Körper letztendlich nur Leid bewirkt."

In der westlich-europäischen Vorstellungswelt hat die religiöse Welt Indiens mit extremen Ritualen tiefe Spuren hinterlassen. Zum Beispiel, so Karin Preisendanz, die "Fünf Feuer Übung": Man stellt sich unter prallen Sonne Indiens (das erste "Feuer") zwischen vier Feuer - am besten auf einem Bein, und versucht dies möglichst lange auszuhalten.

Manche Asketen halten ihren Arm jahrelang nach oben, bis er völlig atrophiert - wobei die Indien-Expertin Preisendanz anmerkt: "Das ist eigentlich weniger eine Bändigung des Körpers als der Einsatz des Körpers im Sinne seiner Verachtung, des Hinübergehens über den Schmerz - weil letztlich ist es so, dass der Körper aufgegeben werden soll.

Das Christentum kenn ebenfalls extreme Praktiken: Im Mittelalter haben sich die Flagellanten zur Buße durch die Straßen gepeitscht - und auf den Philippinen lassen sich Menschen bis heute am Karfreitag ans Kreuzschlagen.

"Stehen ist die Haltung des erlösten Menschen."

Die Körperhaltung hat im katholischen Gottesdienst eine große Bedeutung, sagt der Liturgiewissenschaftler und Augustiner-Chorherr Andreas Redtenbacher. Zu Beginn der "Messe" stehen alle auf. Das sei kein Zeichen der Höflichkeit gegenüber dem Herrn Pfarrer - sondern ein "Schwellenritus" - das Zeichen: "Jetzt fangen wir gemeinsam an."

Danach sitzen viele Gemeinden die meiste Zeit - was der Liturgiewissenschaftler nicht befürwortet: "Die liturgische Grundhaltung ist das Stehen. Stehen ist die Haltung des erlösten Menschen." Sitzen sei hingegen die Haltung des aufmerksamen Zuhörens - also bei den Schriftlesungen oder während der Predigt angebracht.

"Das Knien ist ein Zeichen der Demut - aber nicht der Unterwürfigkeit."

"Sich Beugen, in die Knie gehen kann nur der, der vorher gestanden ist. Wer soweit geprügelt wurde, dass er überhaupt nicht grade stehen konnte, der kann auch vor einem anderen nicht aus Demut knien und ihm auch nicht dienen", sagt Andreas Redtenbacher.

Das Wort Demut kommt, so der Liturgiewissenschaftler, etymologisch vom Mut zum Dienen - "Dien-Mut". Mut könne aber nur der haben, der stark ist: "Demut ist kein Zeichen der Schwäche, sondern der Stärke."

Für Stefan Verra, internationale gefragter Experte für Körpersprache, signalisiert das Knien in erster Linie Wehrlosigkeit. Der Mensch liefert sich aus, indem er eine denkbar schlechte Verteidigungsposition einnimmt. Etwas Ähnliches geschieht beim Falten der Hände: Der Menschen bindet freiwillig seine wichtigsten Verteidigungswerkzeuge.

"Gemeinsame Rituale bieten Sicherheit. Wir mussten den Schutz der Gruppe suchen."

In der Gleichförmigkeit des Gottesdienstes findet der Mensch, so Stefan Verra, in erster Linie Sicherheit. "Wir sind in der Evolution als Einzelwesen nicht überlebensfähig gewesen. Wir mussten den Schutz der Gruppe suchen." Und das bietet die Kirche - wie alle anderen religiösen Gruppen - in ihren Ritualen an.

Das gemeinsame Aufstehen, das gemeinsame Hinsetzen, das gemeinsame Niederknien schafft eine Uniformität - der sich der einzelne / die einzelne nur schwer entziehen kann. Wer einsam steht, wenn alle sitzen, empfindet das als fast körperlichen Schmerz. Stefan Verra: "Es tut körperlich weh - und das war wichtig."

Der Körper signalisiert, so Verra: Achtung - du hast dich gerade aus dem Rudel ausgeschlossen! Das zeige sich auch im politischen Bereich: Wenn einer vorne spricht, dann fällt es dem Einzelnen / der Einzelnen unendlich schwer aufzustehen und zu widersprechen - weil dafür der Schutz des Rudels verlassen werden muss.