Collage aus mehreren Häusern

WIEN NORD

Das Projekt im Überblick

Man sieht nur, was man weiß, soll Goethe sinngemäß gesagt haben. Da geht man vielleicht täglich an einem Gebäude vorbei, und erahnt nicht einmal, was es zu erzählen hat. Über die historischen Umstände, die zu seiner Entstehung führten; über das Schicksal jener, die es erbaut und bewohnt haben; über kleine Begebenheiten seiner Baugeschichte, die exemplarisch sind für größere Entwicklungen in der Architektur, in der örtlichen Umgebung, in der Gesellschaft an sich.

Radioprojekt im Jahr der Zeitgeschichte

Mit der Radioserie "Hundert Häuser" wird der anspruchsvolle Versuch unternommen, eine Geschichte der Republik Österreich anhand von Bauwerken des Landes zu erzählen. Beginnend mit dem Jahr 1918, als am 12. November die Republik ausgerufen wurde, steht ein Haus stellvertretend für ein Jahr. Meist handelt es sich dabei um das Jahr der Fertigstellung des Bauwerks; manchmal ist es das Jahr seiner Zerstörung oder Stilllegung; und einige Jahre in der Serie sind mit Gebäuden besetzt, die ein historisches Ereignis repräsentieren, obwohl sie zu einem anderen Zeitpunkt entstanden sind.




Nehmen wir gleich 1918

Viele Bauprojekte, die vor dem Ersten Weltkrieg begonnen wurden, lagen während der Kriegsjahre still. Dazu gehört auch der Neubau der Oesterreichisch-ungarischen Bank, die auf einem 16.900 Quadratmeter großen Areal an der Wiener Alser Straße einen monumentalen Hauptsitz bekommen sollte. Die Planung übernahm Leopold Bauer, ein Schüler Otto Wagners, der später bei diesem in Ungnade fiel. Nur der Rohbau des Druckereigebäudes im hinteren Teil des Bebauungsgebiets sollte fertiggestellt werden, während die riesige Freifläche davor - trotz erbitterter Bemühungen des beauftragten Architekten - leer blieb. Heute ist dieses Hinterhaus des eigentlich vorgesehenen Bankpalais auf dem nach Otto Wagner benannten Platz die Oesterreichische Nationalbank.

OeNB Hauptgebäude

Das heutige OeNB Hauptgebäude mit der Dachaufstockung aus der Mitte der 1980er Jahre.

OENB

Was hat das Parlament mit Abfallentsorgung zu tun?

In der Reihe "Hundert Häuser" werden manche Bauwerke vorgestellt, die solche Institutionen der Republik beherbergen; auch das Parlament, dessen Sitzungssaal des Nationalrates im Krieg fast vollständig zerstört worden war und dessen Wiederaufbau ab 1945 von den Architekten Max Fellerer und Eugen Wörle geplant wurde. Derzeit wird das Parlament ja saniert - die Ausweichgebäude auf dem Heldenplatz, aufgestellt im Jahr 2017, sind ebenfalls Teil der Radioreihe.

Entwickelt wurden die modularen Holzelemente, aus denen das temporäre Parlament konstruiert ist, übrigens vom gleichen Architekten, der auch die zeltförmige Abfallbehandlungsanlage Rinterzelt entworfen hat. Das Projekt war einst Gegenstand eines Finanzskandals. Wie auch einige Jahre später der Neubau des Allgemeinen Krankenhauses der Stadt Wien, ein Bauwerk immenser Größe, das seinen schlechten Ruf als entmenschlichter Architekturkoloss keineswegs verdient.

Österreich ist ein Land der Häuslbauer

Zwei Drittel aller Gebäude sind Einfamilienhäuser bzw. Reihenhäuser, ergab eine Erhebung 2013, und darin wohnt ein Drittel aller Haushalte. Diesem Umstand wird in der Serie "Hundert Häuser" Rechnung getragen, indem dem Typus Fertigteilhaus und der Mustersiedlung Blaue Lagune in Vösendorf ein Beitrag gewidmet wird.

Ein mit dem Trend zum Einfamilienhaus einhergehendes Phänomen ist die Zersiedelung, also die Ausbreitung von dünn besiedelten Wohngebieten und die Ausdehnung der städtischen Speckgürtel. Ein frühes Gegenmodell zu diesem raumplanerischen Problem stellt die Siedlung Halde in Bludenz in Vorarlberg dar. Eine Gemeinschaft von fünf Familien hatte ein Hanggrundstück erworben und in Hans Purin, einem jungen, aber im Holzbau erfahrenen Architekten, einen gleich gesinnten Architekten für das Projekt gefunden. 1965 wurde mit dem Bau begonnen, und noch heute gilt die von Bewohnerinnen und Anrainern liebevoll "Halde" genannte Siedlung als Vorzeigeprojekt.

Das Konzept des gemeinschaftlichen Bauens und der Mitbestimmung der zukünftigen Bewohner/innen erfreut sich in den vergangenen Jahren neuer Beliebtheit; in Baugruppen werden Wohnhäuser geplant und errichtet, die auf die Ansprüche der Beteiligten abgestimmt sind und eine Alternative zum profitorientierten Immobilienmarkt darstellen. Ein Beispiel ist das vom Büro einszueins Architektur geplante Wohnprojekt Gleis 21, für das ein Baugrundstück im Sonnwendviertel beim Wiener Hauptbahnhof erworben werden konnte. Die Fertigstellung ist für 2019 vorgesehen. Es ist dies das einzige Bauwerk der "Hundert Häuser", das noch nicht fertig ist, aber fertig werden wird.

Das Erbe der NS-Zeit

Andere Entwürfe, über die berichtet wird, sind überhaupt nie in geplantem Ausmaß umgesetzt worden; etwa die umfangreichen Vorhaben der Nationalsozialisten für Wien oder Linz. In Linz, von Hitler zu einer von fünf "Führerstädten" ernannt, sollte ein gigantisches Führermuseum gebaut werden, Prachtstraßen, ein neuer Hafen, Verkehrsknotenpunkte und eine monumentale Verbauung der beiden Donauufer. Was tatsächlich aufgestellt wurde, sind die Nibelungenbrücke und die beiden Brückenkopfgebäude, die alle Nachnutzer, wie derzeit die Kunstuniversität Linz, vor Herausforderungen stellen und eine aktive Auseinandersetzung mit dem historischen architektonischen Erbe einfordern.

Brückenkopfgebäude und Nibelungenbrücke

Die Linzer Nibelungenbrücke und die Brückenkopfgebäude, die heute die Kunstuniversität Linz beherbergen.

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Architektur und Politik

Es sind jedoch nicht nur die großen, wissenschaftlich aufgearbeiteten Bauwerke, die wir sprechen lassen, sondern zuweilen auch ganz unauffällige, sonderbare oder architektonisch eher belanglose Bauwerke. Eine Berghütte in Tirol wird besucht und ein Baumarkt in Kärnten, zwei Freibäder und ein Kugelhaus. Das Kraftwerk Kaprun, die aus den Hermann-Göring-Werken in Linz hervorgegangene Stahlwelt und die Europabrücke der Brenner Autobahn stehen für den Wiederaufbau, den wirtschaftlichen Aufschwung und die Zukunftsgläubigkeit der Zweiten Republik. Das nie in Betrieb genommene AKW Zwentendorf hingegen für die Abwendung von der Atomenergie und einen Wandel des Demokratieverständnisses.

Anhand einiger Bauwerke wird die ungeheuer rege Bautätigkeit des Roten Wien und die damit einhergehenden Verbesserungen der Wohnqualität für die arbeitenden Massen veranschaulicht. Den Wettlauf um das erste Wohnhochhaus in Wien hat 1932 das Hochhaus Herrengasse für sich entschieden. 60 Jahre später wurde mit der Überplattung der Donauufer-Autobahn in Wien-Donaustadt das Fundament für Dutzende weit größere Hochhäuser gebaut, während geplante Höhenmeter in Innenstadtnähe beständig für Grabenkämpfe sorgen.

Breite Palette

Wir besuchen Museen, Konzerthäuser, Denkmale und Büchereien, Kirchen, Friedhöfe und eine Pagode, Stadtpalais, Einfamilienhäuser, Flüchtlingsquartiere und Wohnsiedlungen für Tausende. Ein Zollamt, ein Stadion und zwei Bahnhöfe. Anrainer und Bewohnerinnen führen durch ihr Zuhause, Architekten und Ingenieurinnen berichten über ihre Ideen und Erkenntnisse, das Wissen von Fachleuten wird neben Meinung und Erfahrungen von Laien gestellt.

Die Geschichten der "Hundert Häuser" handeln von Machtwechseln, Vertreibung, Fortschrittsglauben, Megalomanie, Zerstörung, Wiederaufbau, Entwicklungssprüngen, internationaler Zusammenarbeit und Solidarität, Migrationsbewegungen, Friedensbestrebungen, Forschungserfolgen, Arbeitssuche, Individualisierung, Städtewachstum und Landflucht. Jahr für Jahr hören wir uns durch die Geschichte Österreichs im Spiegel ihrer Architektur.

Hörfunkstudio

Das Studio 3 im Wiener Funkhaus

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Wir fangen bei uns an

Den Beginn macht am 15. Mai 2018 - nicht weil es Ursprungsort der Serie ist - das Funkhaus in der Wiener Argentinierstraße. Von 1935 bis 1938 wurde es errichtet, nach Plänen der im sozialen Wohnbau des Roten Wien erprobten Architekten Hermann Aichinger und Heinrich Schmid. Der Star-Architekt des Ständestaats, Clemens Holzmeister, übernahm die Planung und verpasste dem funktionalistischen Straßentrakt eine für das austrofaschistische Regime repräsentative, monumentale Front. Die Inbetriebnahme blieb den Nazis.

  • Tirol, Vorarlberg

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Text: Anna Soucek

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