Victoria Schmied, Eva Mang, Katharina Strasser

ORF/ROMAN ZACH-KIESLING

Besser nichts anbrennen lassen

Das Fernsehen muss näher an das Publikum heran: Über neue Ausspielwege, um gegen Streaming-Anbieter wie Netflix zu bestehen. Und über neue Formate, um die Jüngeren zurückzugewinnen, die digital aufgewachsen sind und ein anderes Medienverständnis haben als die Generation 60 plus.

Ihm sei erst nach seinem Wechsel von ORF2 zu ORF eins bewusst geworden, auf was er sich da eingelassen habe, sagt der ORF-Journalist Hanno Settele: "Wie hart dieser Kampf um die unter 50-Jährigen ist, wie wenig man diese Leute ansprechen kann, wie schwer die für ein Format zu gewinnen sind." Auf ORF eins wurden dennoch erfolgreiche Formate entwickelt, darunter die kultige "Wahlfahrt", die DOKeins-Schiene mit Settele und Lisa Gadenstätter und das ZIB-Magazin.

Das ZIB-Magazin als Wegweiser

Für den Medienwissenschafter Josef Seethaler, der 2014 die bisher einzige umfassende Studie zur Qualität der Information in den österreichischen Medien gemacht hat, ist das ZIB-Magazin auf ORF eins ein gelungenes Format: "Es entspricht dem partizipativen Demokratie- und Medienverständnis, wie es heute immer mehr Menschen unter 40 Jahren haben. Da ist ORF eins auf dem Weg, eine Zielgruppe anzusprechen, die durch den klassischen Objektivitätsjournalismus, wie ihn ORF2 bietet, verloren gehen würde", sagt Seethaler.

Infoshow soll auch Symbol sein

Der Weg ist noch lange nicht zu Ende. Generaldirektor Alexander Wrabetz will die Information auf ORF eins weiter ausbauen. Die Eckpunkte hat er im Interview mit dem Branchenmagazin "Der Journalist" verraten, das in seiner neuesten Ausgabe titelt: "Jetzt kommt die ZIB21!" Wrabetz sind diese Sendung und dieser Termin wichtig. Das sei schon auch als Symbol gedacht, sagt der ORF-Chef. Und wohl auch als Signal an die Politik, die immer wieder in Frage gestellt hat, wie öffentlich-rechtlich ORF eins eigentlich noch sei.

"ORF eins zum Vollprogramm machen"

Wrabetz will ORF eins wieder zum Vollprogramm machen und weg kommen vom Übermaß an amerikanischen Serien und Filmen. Viele halten es für gewagt, ausgerechnet mit einer Infoshow um 21:00 Uhr zu beginnen. Der Medienberater Hans Mahr etwa sagt Wrabetz einen Flop voraus, die privaten Mitbewerber - Mahr berät unter anderem Servus TV von Dietrich Mateschitz - würden sich schon die Hände reiben. Alexander Wrabetz ist sich dessen bewusst, wie er im "Journalist"-Interview sagt.

Wrabetz nimmt das Risiko

"Alle Programmplaner sagen, es sei riskant, was ich da vorhabe. Da bricht man ja auch mit Publikumsgewohnheiten." Aber er wolle damit die Polit-Debatte um ORF eins ein für alle Mal beenden, so Wrabetz. Von den Machern der neuen Sendung erwartet sich der Generaldirektor, "etwas zu entwickeln, das in Duktus und Erzählweise neue Wege geht und dadurch auch neue Zielgruppen anspricht". Da trifft es sich gut, dass bei der Entwicklung der Sendung Elisabeth Gollackner eine ganz zentrale Rolle spielt - sie hat Formate wie "Wahlfahrt", "Nationalraten" und "DOKeins" erfunden.

DOKeins: Schluss mit Schuld - Was der Holocaust mit mir zu tun hat, LIsa Gadenstätter

DOKeins: Schluss mit Schuld - Was der Holocaust mit mir zu tun hat

ORF

Neue Formate haben Basis gelegt

Gemeinsam mit Lisa Gadenstätter hat Gollackner anlässlich des 1938-Gedenkens die DOKeins-Sendung "Schluss mit Schuld" gemacht - bewegende Interviews mit Zeitzeugen, formal wurde sehr einprägsam mit historischen Überblendungen gearbeitet. 400.000 Menschen haben die Doku gesehen, die stärkste Gruppe waren laut Teletest die 12- bis 29-Jährigen. Das sind für ORF eins sehr beeindruckende Zahlen. Auch die auf Hanno Settele zugeschnittenen DOKeins-Sendungen werden gern gesehen.

Kluges Infotainment ist gefragt

"Die Menschen schätzen gut und aufmerksam erzählte Geschichten. Das macht das Fernsehen, und das macht das Fernsehen aus", sagt Stefanie Groiss-Horowitz. Sie ist Senderchefin von Puls4, dem stärksten direkten Mitbewerber des ORF. Dass die Grenzen zwischen Information und Unterhaltung bei diesen Geschichten verschwimmen, liegt auf der Hand. Aber es macht nichts, findet Martin Thür, der früher bei ATV war und jetzt für Addendum arbeitet. "Es gibt ganz spannende Formate von öffentlich-rechtlichen Sendern, die sowohl unterhalten, als auch Information mitliefern."

Der Sonderweg von Puls4

ATV gehört mittlerweile wie Puls4 zu ProSieben/Sat1. Die beiden Sender tun sich beim Programmieren gegenseitig nicht weh, man fährt eine komplementäre Flottenstrategie, sagt Puls4-Chefin Groiss-Horowitz. Sie betont, wie wichtig für ihren Sender Public Value sei – also qualitätsvolle Informationssendungen: "Diesen Zugang vieler Privatsender, dass man sich auf die Unterhaltung konzentriert, den haben wir immer für falsch gehalten." Und das sei gut so, das bringe dem Sender Relevanz, betont Groiss-Horowitz.

Sommergespräche im Frühling

Tatsächlich traten etwa Kanzler und Medienminister beim Puls4-Start-up-Festival "Gamechanger" auf und gaben dem Event, wo unter anderem die App "Hussy" für sichere Prostituierten-Kontakte groß präsentiert worden ist, einen offiziellen Anstrich. Das Buhlen um Relevanz treibt seltsame Blüten: So wird Puls4 seine "Sommergespräche" mit den Parteichefs, die man vom ORF abgekupfert hat, diesmal schon im Frühling machen. Gleich nach Pfingsten startet der Sender mit ÖVP-Obmann Bundeskanzler Sebastian Kurz.

Hillinger, Schneider, Prokop, Altrichter, Haselsteiner

"2 Minuten 2 Millionen" mit Leo Hillinger, Katharina Schneider, Heinrich Prokop, Michael Altrichter und Hans Peter Haselsteiner

PULS4/LISA MARIA TRAUER

Quote mit Start-up-Show und Fußball

Für diese Formate bekommt Puls4 auch Förderung aus den Rundfunkgebühren, sein Geld verdient der Sender aber mit Werbung - und zwar längst mehr, als der ORF aus TV-Werbung erlöst. Der Quotenhit ist "Zwei Minuten zwei Millionen" - eine Start-up-Show mit im Schnitt 240.000 Zuschauern. Und natürlich Fußball: Puls4 hat die Übertragungs-Rechte für die Europa League. Das bringt regelmäßig mehr als 600.000 Zuseher pro Match.

Für das Halbfinal-Rückspiel Red Bull Salzburg gegen Olympique Marseille schalteten sogar bis zu 942.000 Zuseher ein. Mit 18,6 Prozent Tagesmarktanteil in der Zielgruppe 12 bis 49 Jahre erreichte Puls 4 einen Rekord in der Sendergeschichte.

Sport sells, Lizenzen unbezahlbar

Sport zieht im Fernsehen, weiß Hans Mahr. Der Fernsehprofi Mahr war früher bei Premiere, dem Vorläufer des Bezahlsenders Sky, für Lizenzen zuständig: "Der Sport ist entscheidend wichtig für alle, die heute noch lineares Fernsehen machen. Deshalb gehen die Rechte in die Höhe, deshalb wird alles sehr teuer." Der ORF kann und will da nicht mehr mithalten. Zuletzt hat sich Sky, der auch die Championsleague und noch mehr Sport überträgt, auch die Bundesliga-Rechte geschnappt.

"Vorstadtweiber": Hilde Dalik, Martina Ebm, Gerti Drassl, Nina Proll und Maria Köstlinger

ORF/THOMAS RAMSTORFER

Keiner macht Serien außer ORF

Alles eine Frage des Geldes - das der ORF unter anderem auch für Serien braucht. Denn wenn der ORF keine produzieren würde, dann gäbe es keine. Ob das die sehr erfolgreichen "Vorstadtweiber" mit einer Durchschnitts-Reichweite von mehr als 800.000 Zusehern pro Folge sind, oder die SOKOs Donau und Kitzbühel. ORF eins-Mann Hanno Settele weist darauf hin, dass die Privatsender in all den Jahren keine einzige fiktionale Serie zuwege gebracht hätten. "Es gibt jetzt die kurze Serie Trakehnerblut von Servus TV. Aber es hat schon einen Grund, warum solche Produktionen von unseren Mitbewerbern gemieden werden: Weil sie irrsinnig teuer sind."

Wenn Köche die Quote verderben

Die Herausforderungen sind für alle Fernsehsender groß. Alle sind auf der Suche nach dem perfekten Rezept, aber keiner hat es noch gefunden. Manchmal brennt auch etwas an: So musste der ORF seine heftig beworbene Kochshow "Meine Mama kocht besser als deine" nach nur drei Folgen aus dem Hauptabend nehmen – die Seherzahl hatte sich halbiert. Und Puls4 hat mit seiner ebenfalls lautstark angetrommelten Show "Kochgiganten" auch nicht den Nerv des Publikums getroffen: Nur 50.000 wollten das neue Format sehen, der biedere Witze-Stammtisch im Hauptabend des Vortags hatte dreimal so viele Seher.

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