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CLEMENS FANTUR

Neues Album von Get Well Soon

Ausschweifende, elegische Songs, durchdachte Konzeptalben: Das sind die Markenzeichen des deutschen Musikers Konstantin Gropper, der seit gut zehn Jahren unter dem Namen "Get Well Soon" die internationalen Bühnen bespielt. Auf seinem neuen Album "The Horror" widmet er sich der Angst als aktuellem Phänomen - mit symphonischer und cineastischer Wucht.

Kulturjournal | 08 06 2018

Sebastian Fleischer

Er legt es gerne groß an: Es sind nicht einfach Songs, sondern kleine Suiten, die Konstantin Gropper alias Get Well Soon auf "The Horror" versammelt. Wie in einem unruhigen Traum folgt da schon in der Eingangsnummer eine Sequenz auf die nächste: Noch bevor er selbst zu hören ist, lässt Gropper die tunesische Sängerin Ghalia Benali ein Lied aus dem arabischen Mittelalter anstimmen.

"Future Ruins" heißt das opulente Stück, das an die allgegenwärtige Angst vor einem neuerlichen Krieg, einer Wiederholung der Geschichte denken lässt: Die Häuser von heute sind die Ruinen von morgen, erbaut auf den Trümmern der Vergangenheit.

AfD vor der Haustür

"Man kann heute kein Album machen, ohne sich zumindest emotional darüber zu äußern, was im Moment so passiert", sagt Konstantin Gropper. "Und Angst ist leider das Thema, bei dem man relativ schnell landet, wenn man die Fühler ausstreckt."

Wie die Politik mit diffusen Ängsten spielt, wie Angst und politischer Extremismus einander bedingen und aufschaukeln, versetzt wiederum den Musiker in Angst. Sehr persönlich schildert er da etwa im Song "The Only Thing We Have To Fear", wie die AfD nur wenige hundert Meter vor seiner Haustür in Mannheim eine heute berüchtigte Kundgebung abhielt. "Die machen da immer ihre Kundgebungen. Das ist ein Schützenheim - ironischerweise. Für landesweite Schlagzeilen sorgte dann eine Interviewaussage, man könne ja an der Grenze theoretisch auf die Flüchtlinge schießen."

Beängstigend sind für Gropper nicht nur die Aussagen rechtspopulistischer Parteien, sondern auch ihr Erfolg. "Es ist quasi der deutsche Albtraum: In Österreich sitzen sie jetzt in der Regierung. Das ist wirklich eine Horrorvision."

Konstantin Gropper

CLEMENS FANTUR

Sinatra und Hitchcock

Doch in seinem Spiel mit dem Gefühl der Angst geht Get Well Soon auf dem aktuellen Album weit über politische Dystopien hinaus; er führt auch ins Reich der Albträume und des Unbewussten - wenn er etwa Selbstgeträumtes in drei Nummern vertextet und vertont. Musikalisch konterkariert er die düsteren Inhalte mit samtig-weichen Big-Band-Arrangements, wobei der Idylle stets auch ein wenig Bedrohung innewohnt.

Viel Wärme steckt allein schon in Groppers Croonerstimme; diesmal nahm der Musiker aber ganz bewusst Anleihen bei Frank Sinatra und speziell bei Nelson Riddle, der in den 1950er-Jahren für Sinatra arbeitete. Fälschlicherweise habe sich für seine komplexen Arrangements der Ausdruck "Easy Listening" gefunden, so der Musiker.

"Ich finde, dieses Träumerische und Idyllische passt auch sehr gut zum Thema, weil es die Fallhöhe so gut aufmacht. Dieser Horror liegt ja - zumindest bei uns in der westlichen Welt - ein bisschen zwischen den Zeilen. Er ist auch nicht so wirklich real, wie im Märchen."

Auch klassische Hollywoodsounds lässt Konstantin Gropper, der auch schon Soundtracks etwa für Wim Wenders schrieb, großzügig einfließen. Für "The Horror" nahm er sich speziell den Hitchcock-Komponisten Bernard Hermann zum Vorbild. "Das berühmte Wort ‚suspense‘ beschreibt ja nichts anderes als Spannung und Unbehagen", so der Musiker. "Und das habe ich versucht, in die Musik reinzupacken. Hie und da bricht es durch."

Cover, Hund sitzt in der Ecke

UNIVERSAL MUSIC AUSTRIA

Tourneestart Elbphilharmonie

Sämtliche Texte und Arrangements hat Gropper selbst geschrieben; doch während er frühere Alben überhaupt im Alleingang produziert hat, legte er die Ausführung diesmal in die Hände professioneller Musikerinnen und Musiker; ihnen hat Gropper, der selbst mehrere Instrumente beherrscht, fertige Partituren vorgelegt. Die anschließende Live-Tournee mit eigens gegründeter Big Band startet am 10. August an keinem geringeren Ort als der Hamburger Elbphilharmonie. Und in den Konzertsälen ist diese Musik auch gut aufgehoben, denn wie eine klassische Symphonie erfordert sie Konzentration, öffnet dafür aber ganz eigene Welten.

Viele "Get Well Soon"-Fans werden dabei vielleicht jenen geradlinigeren Pop vermissen, der noch das letzte Album "Love" geprägt hat. Ihnen sei gesagt: Nach der "Grand Horrorshow" sind auch wieder Auftritte in klassischerer Bandbesetzung geplant.

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