Cornelius Meister dirigiert

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Cornelius Meister im Gespräch

Nach acht Jahren verlässt Cornelius Meister das ORF Radio-Symphonieorchester Wien. RSO-Intendant
Christoph Becher hat sich mit ihm zum lockeren Gespräch getroffen.

Christoph Becher: Acht Jahre beim ORF Radio-Symphonieorchester Wien, inklusive Vorbereitungszeit eigentlich zehn. Wann wusstest Du, dass Du länger bleiben würdest als so viele vor Dir?

Cornelius Meister: Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass wir bestens zueinander passen und gemeinsam etwas Langfristiges aufbauen könnten. So haben wir uns einige Achttausender vorgenommen, deren Besteigung viele Jahre in Anspruch genommen hat, darunter die Symphonien von Bohuslav Martinu und von Jean Sibelius. Rückblickend fühlen sich die vergangenen Jahre gar nicht besonders lang an.

CB: Lange bleiben ist das eine. Aber wie sorgt man dafür, dass sich Orchester und Dirigent auch nach so vielen Jahren noch inspirieren?

CM: Das RSO ist ein enorm motiviertes Orchester. Jeder und jede einzelne möchte bei jeder Aufführung etwas Außergewöhnliches hervorbringen und erwartet das auch vom Dirigenten. Unser Anspruch ist, jeden Tag etwas Neues zu entdecken.

CB: Das RSO Wien hat in den letzten acht Jahren 63 Werke ur- und 50 Werke erstaufgeführt.

CM: Dafür habe ich mich immer eingesetzt. Egal, ob ich gerade selbst dirigiert habe oder nicht, habe ich mich für die Planungen und die Zukunft des Orchesters verantwortlich gefühlt. Ich würde behaupten, dass es in den vergangenen knapp zehn Jahren keinen einzigen Tag gab, an dem ich mich nicht aktiv mit dem RSO beschäftigt habe.

Instrumene im Großen Sendesaal

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

CB: Chefdirigent eines Radio-Symphonieorchesters zu sein heißt auch, neue Formate auszuprobieren. Du hast Dich auf einige Abenteuer eingelassen. Welches waren für Dich die drei verrücktesten Projekte?

CM: Es waren jedenfalls viel mehr als drei, angefangen mit dem ersten Abonnementskonzert noch vor meiner Chefdirigentenzeit, als wir im Wiener Konzerthaus Tschaikowskys b-Moll-Klavierkonzert mit Ivo Pogorelich aufführten und bereits nach dem ersten Satz im Publikum eine lange Buh-Bravo-Schlacht ausbrach. In bleibender Erinnerung ist mir auch das Konzert mit Chilly Gonzales im Wiener RadioKulturhaus und das Projekt im Donauzentrum mit Rappern, Hip-Hoppern und Poetry-Slammern. Die Reihe ließe sich lange fortsetzen.

CB: Vor der letzten China-Tournee hast Du eine Abstimmung im Orchester durchgeführt, welche Wiederholungen bei Schuberts Großer C-Dur-Symphonie gespielt werden sollen. Bist Du als Dirigent der musikalische Partner oder Vordenker?

CM: Solch eine Aktion hatte ich bisher noch nie gemacht und ich würde das auch nur mit einem Klangkörper tun, von dessen Urteilskraft ich vollkommen überzeugt bin. Wir hatten zuvor in Wien die Symphonie mit allen Wiederholungen aufgeführt. Nun schien es mir gut, dass wir gemeinsam darüber nachdenken, in welcher Fassung wir das Werk bei der kommenden Aufführungsserie spielen wollten. (Wer mit der Aufführungsgeschichte der Großen C-Dur-Symphonie vertraut ist, weiß um die zahlreichen Wiederholungs-Varianten.) Warum soll ich mich als Dirigent für musikalisch klüger halten als die Orchestermusikerinnen und Orchestermusiker? Zu meiner großen Freude haben nahezu alle an der Abstimmung teilgenommen und viele haben ihre Wahl mit kundigen Kommentaren begründet. Die "Schwarmintelligenz" führte zu einem exzellenten Ergebnis.

Cornelius Meister bei Proben im Großen Sendesaal

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

CB: Aber der Dirigent entscheidet doch über die Interpretation, oder?

CM: Das ist ein weites Feld. Wenn ich für die Klänge, die ich hervorbringe, ausschließlich selbst verantwortlich sein will, dann spiele ich Klavier. Aber wenn ich Orchestermusik aufführe, inspiriert mich die Zusammenarbeit mit jenen, deren Musikalität ich über Jahre hinweg in mein Herz geschlossen habe. Die Musikerinnen und Musiker des RSO Wien sind ja nicht die Marionetten des Dirigenten. Dass allerdings gemeinsames Musizieren einem entschiedenen Gestaltungswillen folgen soll und dass dies besser funktioniert, wenn genau eine Person den Taktstock hebt, gebe ich gern zu - wir müssen ja in jeder Millisekunde zusammen kommen, und das nicht nur rhythmisch. Es ist mir wichtig, das auch in der Aufführung Unvorhergesehenes entstehen kann, dass wir uns in einen Zustand versetzen, in dem wir das Gefühl haben, wir könnten jetzt alles machen. Das ist der Sinn von Proben: an den Punkt zu kommen, an dem echte Spontaneität und Freiheit überhaupt erst möglich sind.

Notenständer des RSO

ORF/WAITZBAUER

CB: Du hast, wann immer es ging auswendig dirigiert. Wie lernt man komplexe Partituren auswendig?

CM: Im Wesentlichen verwenden wir Musiker vier Gedächtnisarten. Das auditive Gedächtnis sollte an erster Stelle stehen, also das Gedächtnis des inneren Ohres. Professionelle Musiker können sich Musik zu jeder Tages- und Nachtzeit im inneren Ohr vorstellen (wir träumen ja sogar Musik), auch Orchesterklangfarben, vielstimmige oder atonale Musik. Ohne diese Fähigkeit könnte ich nicht im Zug eine Partitur lesen wie andere ein Buch. Da ist zweitens das motorische Gedächtnis. Gerade bei zeitgenössischer Musik mit vielen Taktwechseln ist diese Gedächtnisart auch für Dirigenten wichtig. Drittens das visuelle, das manchmal auch "fotografisches Gedächtnis" genannt wird. Diese Gedächtnisart wird oft überschätzt, denn wenn sie nicht mit dem auditiven Gedächtnis einherginge, wäre eine Partitur nur ein Gemälde mit schwarzen Klecksen. Viertens das kognitive Gedächtnis. Das ist dann wichtig, wenn eine musikalische Wendung zweimal vorkommt, aber unterschiedlich fortgesetzt wird. Das Ohr kann mir hier nicht helfen, denn beide Fortsetzungen sind ja - an unterschiedlichen Stellen - korrekt.

CB: Was aber ist der Vorteil vom Auswendig-Dirigieren?

CM: Es ist jedenfalls kein Selbstzweck, sondern erfordert vielmehr eine seriöse Vorbereitung. Wenn ich auswendig dirigiere, kann ich bei Proben und Aufführungen direkten Kontakt mit jenen halten, mit denen ich musiziere. Machen sie Angebote, haben sie interpretatorische Wünsche, sind sie gar in Not? Wenn ich sie direkt ansehe, kann ich bereits an der Haltung der Musizierenden erahnen, wie sie den nächsten Takt gestalten werden. Außerdem ist es schade, ein endloses Bruckner-Crescendo durch eine Notenseiten-umblätternde linke Hand zu zerteilen, nicht wahr?

CB: Welchen Status besitzt aus Deiner Sicht das RSO im Wiener Konzertleben?

CM: Unter den Kennern sehr hoch. Aber sicherlich gibt es nach wie vor viele Menschen, gerade auch außerhalb Wiens, die das ORF Radio-Symphonieorchester Wien zu wenig kennen. Ich würde mir wünschen, dass alle an einem Strang ziehen, damit das RSO sichtbarer wird. Dabei wäre eine stärkere Präsenz im ORF-Fernsehen hilfreich.

CB: Und international?

CM: Wiederum unter den Kennern sehr hoch. Da hat sich sehr viel getan in den letzten Jahren, nicht zuletzt dank der zahlreichen Auslandstourneen, allein neunmal China, aber auch Japan, Spanien, Kölner und Berliner Philharmonie, Hamburg etc.

Instrumentenkisten werden in einem Lkw  verladen

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

CB: Wie hoch schätzt Du die Zufriedenheit der Musiker ein?

CM: Als musikalisches Kollektiv ist es damit bestens bestellt. Unverständnis gibt es aber zurecht, wenn mal wieder ein politischer Hinterbänkler meint, sich auf Kosten des RSO profilieren zu müssen.

CB: Und die Zufriedenheit der Dirigenten?

CM: Was die Möglichkeit zu ungewöhnlichen Programmen und die künstlerische Qualität anbelangt, waren meine Kolleginnen und Kollegen immer voll des Lobes. Gewöhnungsbedürftig finden sie einzig den zeitigen Probenbeginn um 9:00 Uhr, während alle anderen Orchestern später beginnen (lacht). Mir macht das allerdings nichts aus.

CB: Du warst an einem Opernhaus und gehst wieder an ein Opernhaus. Arbeitet es sich in einer Medieninstitution grundsätzlich anders als in einem Opernhaus?

CM: In Stuttgart werde ich ja sowohl Opern als auch Konzerte dirigieren, da das 425 Jahre alte Staatsorchester mit seinen knapp 150 Musikerinnen und Musikern in mehreren Genres zu Hause ist. Der Hauptunterschied zwischen den Orchestern liegt aber in folgendem: Die einen Orchester sind gewohnt, jeden Tag unterschiedliche Opern aufzuführen, während sie an den Vormittagen z. B. für ein Konzert proben. Die anderen Orchester sind gewohnt, kompakt auf eine Aufführung hin zu proben, ohne sich zwischendurch mit anderer Musik zu beschäftigen. Auf den RSO-Tourneen habe ich es immer genossen, ein Werk mehrmals aufzuführen, und zwar je nach Saal auf ganz unterschiedliche Weise.

CB: Wie sind Deine Erfahrungen mit dem Programm?

CM: Besonders glücklich bin ich über das hervorragende Miteinander mit den Radio-Programmen, allen voran Ö1. Die Arbeitsweise, dass alle Konzerte aufgenommen werden und wir hinterher frei entscheiden können, welche Aufführungen so gut waren, dass wir sie zusätzlich auf CD herausbringen möchten, ist wirklich luxuriös. Mit Johannes Kernmayer und seinem Label Capriccio stehen uns treue Partner zur Seite.

CB: Wie hast Du die Zusammenarbeit mit Musikverein und Konzerthaus erlebt?

CM: Wien kann stolz sein, in Thomas Angyan und Matthias Naske zwei Intendanten zu haben, die international zu den angesehensten überhaupt zählen. Sie sind echte Freunde des RSO.

Notenmappen mit dem Aufkleber ORF Radio-Symphonieorchester Wien

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

CB: Die wichtigsten Gründe, warum ein öffentlich-rechtliches Rundfunkunternehmen ein Orchester braucht.

CM: Wir sind so selbstbewusst zu sagen, dass ohne uns die Musikgeschichte in den letzten fünf Jahrzehnten anders verlaufen wäre. Außerdem ermöglichen wir es späteren Generationen, selbst ein Urteil zu fällen, welche der vom RSO uraufgeführten Werke bleibenden Wert haben, da man auch in hundert Jahren auf unsere Aufnahmen zurückgreifen kann, die ja im Beisein der Komponistinnen und Komponisten entstanden sind. Davon abgesehen erfüllt das RSO Wien einen beträchtlichen Beitrag für das Wiener Musikleben - übrigens weit über die Orchesterkonzerte hinaus: ich erinnere an die zahlreichen kammermusikalischen Ensembles im RSO sowie an jene Musikerinnen und Musiker, die unterrichten und dadurch den künftigen Musikernachwuchs ausbilden. Und ich denke an die Botschafterrolle, die das RSO Wien übernimmt, wenn es ins Ausland fährt. Es mag eine Utopie sein, aber ich glaube schon, dass Kultur und Kulturaustausch einen wichtigen Beitrag zu einer friedlicheren Welt leisten können

Blick durch ein rundes Fenster auf Dirigenten & Orchester

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

CB: Die Entwicklung des Klassikpublikums wird oft mit Sorgenfalten auf der Stirn beschrieben. Wo stehen wir in zehn Jahren?

CM: Beim RSO haben wir in den letzten Jahren in dieser Hinsicht wichtige Weichen gestellt. Zum einen sind der Besucherzuspruch der Konzerte und die Zahl der Abonnements deutlich gestiegen. Zum anderen haben wir das Education-Programm kontinuierlich ausgeweitet und dadurch Menschen jeden Alters und mit den unterschiedlichsten Vorkenntnissen erreicht. Es allen Menschen zu ermöglichen, dass sie Musik hören und sie hoffentlich ihr Leben lang in ihr Herz schließen, das ist unsere besondere Aufgabe, und es ist eine schöne Bestätigung, dass wir für diese Arbeit mit dem Preis der Erste Bank Austria ausgezeichnet wurden.

CB: Acht Jahre Wien. Was wirst Du vermissen?

CM: Mein Wiener Fahrrad, die Caféhaus-Kultur, den Wiener Charme und Schmäh. Aber selbstverständlich werde ich Wien immer tief in meinem Herzen behalten. In der nächsten Saison konzentriere ich mich zwar auf meine Aufgaben als Generalmusikdirektor in Stuttgart, als Erster Gastdirigent beim Yomiuri Nippon Symphony Orchestra Tokyo und auf meine jährliche Residenz an der Metropolitan Opera in New York. Aber bereits in der Saison 19/20 werde ich wieder im Musikverein und in der Staatsoper dirigieren.

Service

RSO Wien