Eine alte Frau sitzt vor ihrer Holzhütte in einem Slum in Thailand.

NICOLAS ASFOURI / AFP

William T. Vollmann und die armen Leute

Mit "Europe Central" hat der amerikanische Schriftsteller William T. Vollmann einen tausend Seiten Roman zum Zweiten Weltkrieg verfasst, seine Studie zur menschlichen Gewalt umfasste gar 3.500 Seiten. Vergleichsweise schmal mutet da mit seinen 450 Seiten sein neuer Reportagenband "Arme Leute" an.

Mangelnden Mut kann man William T. Vollmann nicht vorwerfen. Fasziniert ihn ein Thema, dann geht er dafür jeden Weg. Als er in den 80er-Jahren über den Freiheitskampf der Afghanen gegen die Sowjets recherchierte, schloss er sich den Mudschaheddin an, und als er jetzt über Armut schreiben wollte, ging er auch in die gefährlichsten Viertel Bogotas und traf sich dort mit vom kolumbianischen Bürgerkrieg vertriebenen Landlosen.

Volles Risiko

William T. Vollmann: "Viele waren zu brutalen und gefährlichen Räubern geworden und ihre leidenschaftliche Antwort auf meine Frage, warum sie arm seien, war immer, weil die Reichen sie bestohlen hätten. Sogar ein alter Mann, der von Männern, die noch ärmer waren als er, ausgeraubt und schwer verletzt worden war, hegt für die Täter mehr Sympathien als für die Reichen, so voller Klassenhass war er."

Die unterschiedlichen Gründe der Armut

Thailand, Jemen, Russland und Japan, sind nur vier der Länder, in denen Vollmann die Armenviertel besucht hat. Und überall stellte er den Menschen dieselbe Frage, nämlich: warum sie glauben arm zu sein. William T. Vollmann: "Mich hat wirklich überrascht, wie sich die Antworten auf meine Frage je nach Kultur und Weltgegend voneinander unterschieden. Ich werde nie vergessen, wie verblüfft ich war, als mir thailändische Putzfrauen erzählt haben, und zwar unisono, sie seien arm, weil sie in ihrem vorherigen Leben schlechte Menschen gewesen seien."

Leicht, sagt Vollmann, fiel es ihm anfangs nicht, mit dieser Ergebenheit in ein ungerechtes Schicksal umzugehen, dann stellte er aber fest, dass diese Haltung ihre Vorteile hatte: "Diese Menschen haben keine Entscheidung darüber, wie viel Geld sie als Bettler oder mit Putzen verdienen, was sie aber entscheiden können, ist, wie sie über ihr Leben denken. Das hört sich vielleicht sehr vereinfachend oder dumm an, ich habe aber tatsächlich erlebt, dass Arme relativ glücklich sein konnten, wenn sie für sich einen Sinn im Leben gefunden hatten, wenn sie eine klare Vorstellung davon hatten, wer sie waren und was sie sich vom Leben erwarten konnten."

Der knallharte Beobachter

Vollmann begegnet den Menschen und ihrem Alltag mit ungespielter Neugier, statt mit gespielter Empathie. Seine Moral ist das genaue und nicht das mitleidige Beobachten und so macht er, wenn er Krankheit oder Sterben beschreibt, erst knapp vor der Schmerzgrenze halt. Wichtig sind für ihn die Fakten: "Bevor ich mit der Arbeit beginne, versuche ich nicht über das Thema nachzudenken und nichts darüber zu lesen, weil ich mir im Vorfeld keine Thesen zurechtlegen will. Ich will mich mit meinem Schreiben auf Daten aus erster Hand stützen."

Und so lesen sich Vollmanns Reportagen dann auch, denn sie schweben nicht in sicherer Vogelperspektive über dem Geschehen, sondern drängen sich in die Slums von Bangkok, in einen russischen Bahnhof oder unter eine Brücke in Kyoto, mitten hinein unter die "Armen Leute".

Gestaltung

  • Wolfgang Popp

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