Stefan Häckel

APA/GEORG HOCHMUTH

Journalismus als Teil der Geschichte

"Vice" steht für Jugendkultur. Im #doublecheck-Interview mit Stefan Kappacher erzählt "Vice"-Chef Stefan Häckel, wie junges Publikum angesprochen werden will und wieso vieles, das unter dem Schlagwort Medienkompetenz läuft, zum Scheitern verurteilt ist.

Seit mehr als zehn Jahren gibt es "Vice" in Österreich. Der relativ jungen Zielgruppe des Online- und Print-Nachrichtenmediums, das seinen Anfang 1994 in Kanada nahm und mittlerweile in mehr als 30 Ländern und verschiedenen Sprachen erscheint, wird eine bunte Auswahl an Artikeln von aktueller Politik, über Partykultur bis zu Fotokunst geboten. Bei der Themenwahl setzt "Vice" vor allem auf soziale Probleme und Diverses rund um Sex und Drogenkonsum - inklusive Erfahrungsberichte.

Vice-Logo, Pflanze

VICE

"Vice" kennt keine Ressortgrenzen

Gut recherchierte Artikel, aufwändig produzierte Dokumentationen, simple Unterhaltung, für "Vice" ist das kein Widerspruch. Was die Geschichten einen soll: Neue Perspektiven auf vorhandene Themen bieten oder Themen aufgreifen, die von anderen Medien liegengelassen werden, erzählt Stefan Häckel, Geschäftsführer von "Vice" für den deutschsprachigen Raum im Interview mit #doublecheck.

Embedded mit Drogendealern an der U6

Häckel hat das Magazin, das monatlich erscheint und gratis aufliegt, 2007 gemeinsam mit dem früheren NEOS-Abgeordneten Niko Alm (heute bei der Journalismus-Plattform Addendum) nach Österreich geholt. "Wir versuchen Teil der Geschichte zu sein", sagt Häckel und nennt das "immersiven Journalismus". Immersiv bedeutet: in etwas eintauchen, vertiefen. Und das heißt bei "Vice" auch oft: Texte in der Ich-Form.

Für einen Artikel hat etwa ein "Vice"-Redakteur Drogendealer entlang der Wiener U-Bahn-Linie U6 begleitet und mit ihnen gesprochen. "Wenn wir sagen, wir wollen unsere Zielgruppe verstehen, müssen wir Teil der Zielgruppe, aber vielleicht auch Teil der Geschichte und Teil der Entwicklung der Geschichte sein."

Schüler schrieb über Bleiburg-Treffen

"Vice" wendet sich an ein Publikum, das mit dem Internet, der Reizüberflutung und einer enormen Informationsauswahl aufgewachsen ist. Das heiße aber nicht, dass das Publikum an der Hand genommen werden wolle: "Wir gehen davon aus, dass unsere Leser mündige Bürger sind", sagt Häckel, "wenn wir aber wollen, dass junge Menschen auch den richtigen Eindruck von Geschehnissen bekommen, glauben wir, muss man Teil der Lösung sein – auch auf der journalistischen Seite."

Der jüngste Mitarbeiter von "Vice" ist derzeit 15 Jahre alt. Der Schülerreporter hat etwa einen Artikel über das Bleiburg-Treffen in Kärnten – eine Kriegsgedenkfeier, zu der jedes Jahr Rechtsextreme aus ganz Europa kommen – geschrieben.

Regalwand und Sessel

VICE/HELDENTHEATER

Medienbildung auch Sache der Medien

Der Ruf nach Medienkompetenz ist auch für Häckel nicht neu. Dass es mehr digitale Bildung und Medienbildung braucht, würden alle wissen, sagt Häckel, aber: "Ich sehe noch keine Medien hervortreten, um diese edukative Funktion wahrzunehmen." Medien müssten hier aktiver werden, gefördert werden sie in solchen Bemühungen aber nicht, kritisiert Häckel. "Vice" habe in der Vergangenheit etwa Schulklassen zu Gast gehabt, vereinzelt habe man auch Workshops mit Schülerinnen und Schülern abgehalten.

Medienkompetenz ist für Häckel nicht nur Hardware- und Programmtraining, und auch nicht reine ethische Schulung oder Sensibilisierung. Medien müssten die Jungen in ihrer Welt abholen, sagt Häckel und beschreibt ihre neue, bunte Lebensrealität: "Das Leben heute ist multiplural, es ist multithematisch und es ist alles gleichzeitig."

Die "multiplurale" Lebenswelt zulassen

Für Medienunternehmen, die Jugendliche erreichen wollen, heiße das, alte Muster abzulegen. "Nicht nur in Ressorts denken und innerhalb der Ressorts nicht in fixen Formaten und innerhalb der Formate nicht in fixen Themenbereichen", sagt der "Vice"-Chef. "Wir glauben, dass der anspruchsvolle Leser und die anspruchsvolle Leserin es durchaus schätzen, dass unterschiedliche Themen in kurzer Zeit nebeneinander gleichberechtigt stehen können – weil so bewegen wir uns auch als Menschen. Wir reden jetzt über diesen Inhalt und in zwei Minuten über etwas komplett anderes. Das ist ein Abbild unserer modernen Realität." Deshalb könne bei "Vice" ein politisch brisanter Text neben einem einfachen Unterhaltungsstück stehen, betont Häckel.

Jugendlichen auf Augenhöhe zu begegnen, bedeute außerdem, sich selbst als Medium nicht als allwissend darzustellen. "Wir wissen, dass du Google kannst, wir wissen, dass du andere Medien konsumierst, wir wissen, dass du recherchieren kannst."

Stefan Häckel

INGO PERTRAMER

Stefan Häckel

Wenn der "Bullshit-Detektor" anschlägt

Bei der Vermittlung von Medienkompetenz vermisst Häckel Lehrerinnen und Lehrer mit dem nötigen Know-how. Oft seien die Schüler mehrere Schritte voraus: "Junge Menschen haben den Bullshit-Detektor. Die merken das sofort, wenn die vortragende Person eigentlich keine Ahnung von Snapchat hat. Und die soll dann einem 14-Jährigen erklären, wie Snapchat eigentlich funktioniert und welche weiteren Effekte das haben könnte." Daher bräuchte es Personen, die "alle Tricks und Spielarten" kennen, sagt Häckel, "und ich sehe diese Personen nicht". Wenn Medienbildung von "klassischen Lehrpersonen im Rahmen eines Freigegenstands Medienkompetenz Schülern beigebracht wird – das ist glaub ich per Definition zum Scheitern verurteilt. Das wird nicht funktionieren."

Mobbing unter den Artikeln abgestellt

Von der aufgeheizten Debatte im Netz – seien es Fake News oder Cyber-Mobbing – ist "Vice" auch selbst betroffen. Die Kommentarfunktion auf "Vice" wurde deshalb vor einiger Zeit abgedreht. Diffamierungen und Beschimpfungen will der "Vice"-Chef nicht zulassen: "Da müssen wir uns vor unsere Mitarbeiter und Kolleginnen hinstellen. Das können wir als Medienhaus nicht akzeptieren", sagt Stefan Häckel.

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