Fischer am Hafen, Neapel

AP/ALEXANDER ZEMLIANICHENKO

"Neapel ist tausend Farben …"

Die Musiker Pino Daniele, Enzo Avitabile, Peppe Servillo und James Senese.

"Was für eine Hitze!
Da kann man nichts machen!
Da will man nichts machen!
Jetzt geh ich es an, ich ziehe mich aus, ich lege mich ins Bett
Ich lese eine Seite, ich döse ein
Aber das Schlafzimmer ist mir zu weit weg
Ich bleibe lieber auf dem Sofa!"

Diese Worte stammen aus der Feder des neapolitanischen Dichters Libero Bovio. Bovio arbeitete zuerst als Journalist für eine Lokalzeitung, dann als Angestellter im Archäologischen Nationalmuseum von Neapel. Seine Leidenschaft galt immer der Musik und dem Theater. Nun voglio fa niente: "Ich will gar nichts machen", lautet der Titel von Bovios Stück.

Der Performer Peppe Servillo greift darauf zurück. "Uns geht es darum, das neapolitanische Repertoire neu zu beleben", sagt Servillo beim Interview im traditionsreichen Caffè Gambrinus unweit des Königspalasts von Neapel. Der hagere, groß gewachsene Mann ist einer von vier Freunden, die sich der Musik in Neapel widmen und die davon überzeugt sind, dass die Musik die guten Seiten der überbevölkerten Stadt am Fuße des Vesuvs hervorkehrt.

Über aller neapolitanischen Musik schwebt heute der Geist des am 4. Jänner 2015 verstorbenen Pino Daniele. Seit den 1970er Jahren war Daniele die Stimme Neapels, die das Lebensgefühl der kampanischen Hauptstadt auf den Punkt bringt, einer Hafenstadt, die alles schon gesehen hat und die alle aufnimmt.

"Neapel ist tausend Farben
Neapel ist tausend Ängste
Neapel ist die Stimme der Kinder
Die langsam an dein Ohr dringt
Und du weißt, du bist nicht allein"

… das skandierte Pino Daniele in vollen Fußballstadien. Seine Fans sangen mit. Napule è ist die Hymne von Neapel.

Pino Daniele

Pino Daniele

AFP/MARIO LAPORTA

Begonnen hat Danieles Karriere in der Band Napoli Centrale. Heute noch tourt sein Bandkollege James Senese mit dieser Gruppierung durch die Lande. Senese ist der Sohn einer Neapolitanerin und eines ehemaligen US-amerikanischen Soldaten. Er ist ein "Kind des Krieges", wie man in Neapel sagt. Zur Welt kam er 1945. "Pino und ich waren wie Brüder", betont Senese, "wir erzählten einander all unsere geheimen Leidenschaften und auch alle unsere Sünden". Senese hatte es als Sohn einer alleinerziehenden Mutter und als Mann mit schwarzer Hautfarbe in Neapel nicht leicht. "Dennoch", so sagt er, "Neapel ist in solchen Situationen sehr warmherzig". Seinem Großvater Gaetano Senese widmete der Musiker einen seiner größten Hits, O nonno mio:

"Mein Opa war siebzig Jahre, als er starb
Er sah mir fest in die Augen und sagte: James, nicht weinen
Der Opa hat dem Tod ein Schnippchen geschlagen
Als er ihn kommen fühlte
Ging der Opa, er ging und war nicht mehr aufzufinden."

Enzo Avitabile ist zehn Jahre jünger als James Senese. Der Musiker wohnt im dicht bebauten Viertel Colli Aminei unterhalb des Palastes von Capodimonte, mit Blick auf den Vesuv und das Meer. Auch Avitabile begann in der Band Napoli Centrale, inzwischen hat er sich der Weltmusik zugewendet, singt über Palästina, Kinder des Krieges in Bagdad und Gewalt in Bukarest. "Ich dachte mir", erklärt Enzo Avitabile, "warum sollte ich nicht von Kindern, die Soldaten werden, sprechen, und vom Krieg um die Diamanten? Die Sprache bekommt ihre Würde zurück, wenn man universelle Themen anspricht."