Gänge, Frankfurter Buchmesse

FRANKFURTER BUCHMESSE/MARC JACQUEMIN

Literarische Rundreise: Georgien

Das Land zwischen Kaukasus und Schwarzem Meer ist Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018. Rund 150 Titel wurden anlässlich der Schau neu ins Deutsche übersetzt. Ö1 hat in der georgischen Hauptstadt Tiflis (georgisch Tbilissi) eine Reihe von Schriftsteller/innen getroffen und mit ihnen über ihre Bücher und die Situation im Land gesprochen.

Georgien war seit der Unabhängigkeit 1991 gleich in mehrere Kriege verwickelt. Abchasien und Südossetien haben sich abgespalten. Die Grenzregionen sind noch immer unsicher. Trotzdem hat sich vor allem in Tiflis eine florierende Literaturszene entwickelt. Die Menschen interessieren sich wieder für Bücher. Und die Autor/innen begleiten den Transformationsprozess mit Romanen, die den Lesern die Herausforderungen der Umbruchszeit auf ganz unterschiedliche Weise näher bringen.

Blick auf die Hauptstadt Georgiens, Tiflis

Blick auf die Hauptstadt Georgiens, Tiflis.

AFP/VANO SHLAMOV

"Wir haben zwar die Unabhängigkeit erlangt, aber wir waren nicht bereit dafür"
Archil Kikodze

Die Umbruchszeit mit all ihren Hoffnungen und Enttäuschungen ist bis heute das große Thema der georgischen Literatur. Zwar hat der junge Staat die Unsicherheit der dramatischen Anfangsjahre hinter sich gelassen. Den Menschen geht es besser und Georgien ist nach Bürgerkrieg und Anarchie zu einem politisch stabileren Land gereift. Kein in Georgien lebender Schriftsteller formuliert den Anspruch, vom literarischen Schreiben leben zu können. Die meisten verdienen ihr Geld mit anderen Jobs, zum Beispiel Archil Kikodze. Er arbeitet als Fremdenführer, der sich gern auf verschlungene Wege abseits der üblichen Sehenswürdigkeiten in Tiflis begibt.

Archil Kikodze

Der 46-jährige Schriftsteller hat mit "Der Südelefant" einen der geschichtenreichsten und komplexesten Romane über die Zeit des Umbruchs veröffentlicht und eine faszinierende Form gefunden, um über die aggressiv aufgeladene, blutige Periode zu schreiben. Sein Ich-Erzähler streunt ziellos durch die Straßen der heutigen Stadt. Er trifft Bekannte, erinnert sich an Freundschaften und Liebschaften. Aus Assoziationen und Erinnerungsbruchstücken entsteht dabei ein immer klareres Bild der von Gewalt geprägten Geschichte Georgiens.

"Putin hat die Ambition das russische Empire neu auferstehen zu lassen"
Lasha Bugadze

Der bekannte Schriftsteller Lasha Bugadze, dessen Bücher in mehrere Sprachen, darunter auch ins Deutsche, übersetzt sind, wurde für eine politische Satire, die er wenige Jahre nach der Unabhängigkeit publizierte, scharf attackiert. Jetzt hat er einen Roman mit dem Titel "Der erste Russe" über diese Erfahrung geschrieben und damit zugleich auf die Probleme des unabhängig gewordenen Landes aufmerksam gemacht.

Lasha Bugadze

Der 1977 geborene Autor, der regelmäßig in einer Fernsehsendung über neue Bücher, Filme und Theaterstücke spricht, gehört zu den präzisesten Analytikern im Land. In seinem aktuellen Roman entlarvt Bugadze mit satirischem Überschwung, wie repressive Praktiken aus der Ära der Sowjetzeit fortgeführt und unliebsame Ansichten unterdrückt werden, um so die öffentliche Meinung zu manipulieren. Er zeigt die Machtambitionen der Kirche und ihre enge Verflechtung mit der Politik. Aber er sagt auch: "Wir sind ein freies Land. Es gibt keine Zensur." Die eigentliche Bedrohung für den jungen Staat, der ein funktionierendes parlamentarisches System etabliert hat, so sehen es viele, ist der große, übermächtige Nachbar im Norden.

"Unabhängigkeit ist nicht genug, die Menschen brauchen Freiheit"
Lewan Berdsenischwili

Der glühende Patriot Lewan Berdsenischwili ist klassischer Philologe. Er war Direktor der georgischen Nationalbibliothek und ist als einer der Führer der Republikanischen Partei Mitglied des georgischen Parlaments. Gegen die Bevormundung durch die kommunistische Ideologie hat der Mann mit den wachen Augen schon früh gekämpft. Anfang der 1980er Jahre gründete er mit Gleichgesinnten die erste Untergrundpartei Georgiens; sie nannten sie Republikanische Partei. Einige Jahre warb Lewan Berdsenischwili heimlich für ein unabhängiges Georgien, dann wurde er verhaftet und von 1984 bis 1987 in ein sowjetisches Lager gesperrt.

Lewan Berdsenischwili

2010 erschienen in Georgien seine Erinnerungen an den stumpfen Alltag und die demütigenden Schikanen der Haft. Unter dem Titel "Heiliges Dunkel - Die letzten Tage des Gulag" ist das Buch nun auch auf Deutsch herausgekommen. Das Buch, das in 15 Kapiteln ebenso viele Reminiszenzen an Leidensgenossen versammelt, hat nicht die existenzielle Wucht der großen Anklagen von Solschenizyn oder Schalamow. Das mag auch damit zu tun haben, dass sich die Sowjetunion der Endzeit merklich vom unberechenbaren blutigen Terrorregime Stalins unterschied. Lewan Berdsenischwili jedenfalls schreibt - anders als seine großen Vorgänger - mit leiser Ironie über die letzten Jahre des Gulag.

"Georgisch ist meine Sprache und meine einzige Identität"
Anna Kordsaia-Samadaschwili

Zwar hat sich die Wirtschaft schrittweise erholt, aber noch 2004 erreichte das Produktionsvolumen gerade einmal ein Viertel von dem des Jahres 1989. Die Arbeitslosenquote liegt offiziell bei zwölf Prozent, inoffiziell geht man aber von 30 bis 50 Prozent aus. Rund eine Millionen Georgier sind seit der Unabhängigkeit 1991 ausgewandert - das ist fast ein Viertel der Gesamtbevölkerung. Auch bekannte Schriftsteller wie Nino Haratischwili und Aka Morchiladze haben ihrer Heimat den Rücken gekehrt, leben in Hamburg beziehungsweise London. Andere denken jedoch kaum ernsthaft daran, ihr Land zu verlassen. Die 1968 geborene Schriftstellerin und Übersetzerin Anna Kordsaia-Samadaschwili hat in ihrem Roman "Wer hat die Tschaika getötet?" nicht von ungefähr ihrer Heimatstadt Tiflis ein Denkmal gesetzt.

Anna Kordsaia-Samadaschwili

Service

Die Frankfurter Buchmesse findet vom 10. bis zum 14. Oktober 2018 statt.
Archil Kikodze, "Der Südelefant", Ullstein Verlag
Lasha Bugadze, "Der erste Russe", Frankfurter Verlagsanstalt
Lewan Berdsenischwili, "Heiliges Dunkel - Die letzten Tage des Gulag", Mitteldeutscher Verlag
Anna Kordsaia-Samadaschwili, "Wer hat die Tschaika getötet? ", Verlag Hans Schiler

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