Mann in einem Gemälde zwinkert oder hat eine Augenentzündung

C.H. BECK

"Der Dorfgescheite" von Marjana Gaponenko

Ein einäugiger Beau mit Augenklappe steht im Mittelpunkt des vierten Romans von Marjana Gaponenko.

Die Biografie der jungen Autorin Marjana Gaponenko scheint wie aus einem Märchen: Die Ukrainerin entscheidet sich im Alter von 16 Jahren dazu, Dichterin zu werden, eine deutschsprachige Dichterin. Die poesiebegeisterte Gymnasiastin nimmt Privatstunden, um die Sprache Goethes und Hölderlins zu lernen, mit 18 veröffentlicht sie ihren ersten Gedichtband, mit 20 übersiedelt sie nach Deutschland, und mit 29 bringt sie im Residenz-Verlag ihren ersten Roman in deutscher Sprache heraus, "Annuschka Blume".

Seitdem hat Marjana Gaponenko drei Romane und mehrere Lyrikbände veröffentlicht. Sie ist mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden, darunter mit dem Literaturpreis Alpha und dem Adelbert-von-Chamisso-Preis. Für ihren aktuellen Roman hat die in Mainz und Wien lebende Autorin im Stift Klosterneuburg recherchiert, denn der Schauplatz von "Der Dorfgescheite" ist ein Augustiner Chorherrenstift.

Ein schräger Vogel

Dass Marjana Gaponenko schräge, originelle, bizarre Protagonisten mag, hat sie schon in früheren Büchern unter Beweis gestellt. In Sachen Bizarrerie steht Ernest Herz, der einäugige Beau mit der Augenklappe, der als Hauptfigur durch den "Dorfgescheiten" geistert, früheren Gaponenko-Figuren in nichts nach.

"Er nähert sich seinem Opfer wie ein Raubtier, das den Charme eines Schafes hat."
Marjana Gaponenko

Ernest Herz hat in seinem Leben bereits hunderte, wenn nicht tausende Frauen verführt. Sobald eine der Liebhaberinnen allerdings einen Blick hinter seine Augenklappe werfen wollte, hat Gaponenkos monströser Held unverzüglich Schluss mit der Unglücklichen gemacht. Marjana Gaponenko: "Er archiviert die Frauen, die er eigentlich verachtet für die Leichtigkeit, mit der sie sich ihm hingeben. Er hat schon einen großen Knall, glaube ich. Er ist kein normaler Bildungsbürger, der mit einer Frau in einem Café ein ungezwungenes Gespräch führen könnte. Er nähert sich seinem Opfer wie ein Raubtier, das den Charme eines Schafes hat."

Buchcover

C.H. BECK

Am Beginn ihres Romans schickt Marjana Gaponenko Ernest Herz in ein Augustiner-Chorherren-Stift, wo er fortan als Chefbibliothekar wirken soll - ein Milieu, das seinen erotischen Begierden alles andere als förderlich ist. Bald schon muss Ernest Herz feststellen, dass an seiner neuen Wirkungsstätte sonderbare Dinge vor sich gehen. Sein Vorgänger ist durch einen bizarren Suizid aus dem Leben geschieden, sein altes "Telefunken"-Radio kann nur einen einzigen Sender empfangen, den frömmlerischen Erbauungskanal "Radio Gabriel", und das Stift scheint ganz generell ein Ort der kleinen, schmutzigen Geheimnisse zu sein, an dem die Chorherren Intrigen gegeneinander spinnen und eine etwas parfümierte Art von Geistlichkeit kultivieren.

Ein Klosterkrimi

Es ist eine tragikomische, romantisch verklärte Welt, in der sich die Handlung von Marjana Gaponenkos Krimi vollzieht. Nach einigen Wochen entdeckt der Bibliothekar Herz, dass sein Vorgänger, der verewigte Bibliotheksdirektor Mrozek, eine kostbare Handschrift entwendet hat, den "Dialogus miraculorum" des Caesarius von Heisterbach, eine bibliophile Kostbarkeit aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Marjana Gaponenko, das lässt sich aus jeder Zeile ihres Romans herauslesen, sieht sich in der Tradition der deutschen und natürlich vor allem der russischen Romantik. E.T.A. Hoffmann, Gogol, Puschkin - das sind, neben Umberto Eco natürlich - die Referenzautoren, an die man während der Lektüre des "Dorfgescheiten" immer wieder denkt:

Pervers und verschroben, wenn man so will, ist auch die Liebesgeschichte, mit der die Autorin ihren Stiftsbibliothekar konfrontiert. Denn Ernest Herz vergafft sich, wie schon sein Vorgänger, in einen hübschen Transvestiten namens Raphael, der, schön wie eine Botticelli-Madonna, im Wirtshaus "Zum Lamm" unweit des Stifts als Kellner jobbt. Marjana Gaponenkos Roman ist von schräger Poesie und phantasievollem Witz durchwirkt. Ein Buch, das die Kraft hat, sensible Gemüter zu verstören und die Freundinnen und Freunde grotesken Humors zu verzücken.

Service: Marjana Gaponenko, "Der Dorfgescheite - Ein Bibliothekarsroman", C.H. Beck Verlag

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