Zerstörte Fenster nach der Reichspogromnacht

APA/DPA

Mondfinsternis der Musik

Ö1 Schwerpunkt anlässlich "80 Jahre Novemberpogrom"

"Ich wüsste so gern, wie ihr diese furchtbaren Jahre überstanden habt", schreibt der Komponist Hugo Kauder im November 1945 an seinen engen Freund, den Philosophen Rudolf Pannwitz. Er legt jenes weihnachtliche Lied bei, das er dem Freund schon vier Jahre zuvor senden wollte. Es ist der verzweifelte Versuch, die Jahre der NS-Zeit gut zu machen.

Wer überlebt hat, der hat nach Flucht, Vertreibung und Auseinandergerissensein im Jahr 1945 die noch lebenden Seinen in einer weltweiten Heimatlosigkeit wiedergefunden. Den allerletzten Ausschlag zugunsten des Weggehens gibt der 9. November 1938. Noch im März 1938 denkt Kauder an Haltung-Bewahren und Abwarten.

"Die Quellen sind versiegt, aus denen die Vorfahren ihre innere Kraft schöpften".
Hugo Kauder

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ÖNB

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Im Sommer 1938 dämmert den schon aller Rechte, Papiere und allen Besitzes beraubten Unerwünschten in Wien, dass sie in Verbannung und Unsicherheit leben und die Unsicherheit eines Tages zu groß werden kann. Die Auswanderungsfragebögen sind ausgefüllt, als nach einer Nacht der Mondfinsternis am 8. November ein kurzes, heftiges Erdbeben mit dem Epizentrum Ebreichsdorf Wien erschüttert.

Die Erschütterung in der Nacht, der Donner des Pogroms ist so groß, dass der Impuls zur Abreise nicht mehr unterdrückt werden kann. Wer jetzt, nach diesem 9. November, nachdem die Wohnungen beschlagnahmt, die Synagogen und Geschäfte zerstört sind, unverletzt überlebt hat, verlässt Wien. Auch der Geiger und Komponist Hugo Kauder erkennt, dass "die Quellen versiegt sind, aus denen die Vorfahren ihre innere Kraft schöpften".

Elsa Bienenfeld

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Elsa Bienenfeld

Musikwissenschaftlerin Elsa Bienenfeld

Elsa Bienenfeld, die renommierte Musikwissenschaftlerin und Kulturjournalistin, ist im November 1938 schon an einem beruflichen Tiefpunkt: Einer Intrige Soma Morgensterns und des Schönberg-Kreises zum Opfer gefallen, war sie nun arbeitslos, wurde in der Folge denunziert, mit Anschuldigungen von Devisenvergehen konfrontiert, was schließlich, im Jahre 1942, zu Deportation und Ermordung in Maly Trostinec führte. Der 10. November war auch ihr Trauertag, sie verbrachte ihn auf dem Zentralfriedhof am Grab ihrer Schwester, die an diesem Tag ihren 60. Geburtstag gefeiert hätte, und erlebt die Brandlegung in der Zeremonienhalle.

Was heute Reichspogromnacht heißt, wurde lang Reichskristallnacht genannt, geprägt vom politischen Kabarettisten Werner Finck. Jeder Begriff ist euphemistisch, die Sprache versagt angesichts der Geschehnisse. Wie viele der Musikschaffenden haben auch die Organisatoren des Musiklebens nach dem November 1938 die Flucht als letzte Möglichkeit ergriffen.

Musikmanager Hugo Botstiber

Hugo Botstiber, einem Musikmanager und Mitglied der Konzerthaus-Direktion, waren die elenden Bedingungen der Flucht vor dem NS-Regime in den Schicksalen vieler Wiener Musikschaffender vor Augen geführt worden. Er selbst, mittellos geworden, ging wie viele andere den demütigenden Weg durch die NS-Instanzen, um zu Papieren für eine Ausreise nach Großbritannien zu gelangen. Die Geschichte ist vielfach Musik geworden. Eine der Kompositionen über die Ereignisse der Reichspogromnacht hat Michael Tippett zum Oratorium "A Child of Our Time" verdichtet. Anonymisiert und vertont wird die Geschichte zeitlos.

Dieser Artikel enstammt der aktuellen Ausgabe des Ö1 Magazins "gehört".

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