Kränze, Kerzen sowie Teilnehmer im Rahmen einer Gedenkveranstaltung zum 10. Todestag von Jörg Haider

APA/GERT EGGENBERGER

Fehler-Unkultur am Beispiel Jörg Haider

11. Oktober 2018 - zehnter Jahrestag des Unfalltods von Jörg Haider. Das ist in den Medien ein Topthema, vor allem am Boulevard. Auch lang nach seinem Tod bringt Haider verlässlich Quote. Innenpolitik-Expertin Anneliese Rohrer sagt, vor lauter "Heldenverehrung" und "reflexhafter Ablehnung", habe der Journalismus versagt und dadurch mitgeholfen, Haider und seine Ideen groß zu machen. Ein Fehler, der sich im Umgang mit den Populisten heute wiederhole, glaubt Rohrer. Nadja Hahn hat für #doublecheck mit ihr gesprochen.

Die "Krone" bringt einen Artikel "20 Jahre an der Seite eines Polit-Popstars" oder "Der Unfall: Mythen und Theorien" - "oe24" veröffentlicht gleich eine Serie, die Folgen heißen zum Beispiel "Sein blauer Putsch" und "Haiders Schwarz-Blau erschüttert die EU". Das "Profil" titelt "Haiders langer Schatten". Viele andere Medien schreiben über den "Ausnahmepolitiker“ Haider.

Journalistin Anneliese Rohrer im Interview mit Nadja Hahn

Klicks jenseits der Tatsachen

Die Haider-Berichterstattung von heute erinnere sie an früher, sagt Annliese Rohrer, die seit Jahrzehnten die österreichische Innenpolitik beobachtet und eine viel gelesene wöchentliche Kolumne in der Tageszeitung "Die Presse" schreibt: "Profil und News haben sich mit Haider-Covern abgewechselt, und wenn man gefragt hat: Was macht ihr da? - da haben sie gesagt: Aber der Artikel ist eh kritisch!" Das Haider-Titelblatt bringe Aufmerksamkeit, heute würde man sagen Klicks, auch noch zehn Jahre danach: "Ungeachtet der Tatsachen, was seit dem passiert ist und einer realistischen Einschätzung seines Wirkens."

"Wir Journalisten haben versagt"

Vor lauter Ablehnung oder Angst, Haiders Themen aufzugreifen, hätten die Journalisten es verabsäumt nachzufragen, wo er gelogen hat und wo er recht gehabt hat, sagt Rohrer. Vor allem die Ausländerthematik habe man zu wenig recherchiert: "Wir hätten in den zehnten, elften oder fünfzehnten Bezirk in Wien ausschwärmen müssen und schauen, wie die Situation wirklich ist. Wir hätten den Informationen über die Situation in den Schulen nachgehen müssen. Wir sind nicht hingegangen - aus Angst, dass man Haider das Thema noch mehr als Bühne aufbereitet."

So habe der Journalismus mitgeholfen, dass Parallelgesellschaften entstehen, statt die Politik unter Druck zu setzen, das zu verhindern, so Rohrer. Auch heute sollten Medien genauer hinschauen und zum Beispiel in die Schulen gehen und recherchieren.

Hat die Branche nichts gelernt?

Muss man jeden Tweet von US-Präsident Donald Trump kommentieren? Oder jede Provokation der FPÖ oder der AfD in Deutschland? Es ist ein Dilemma: Nicht darüber berichten geht nicht, aber zu viel ist auch nicht gut. "Trump ist entsetzlich für Amerika, aber wunderbar für die Medien", hat der ehemalige Chef des TV-Senders CBS, Les Moonves, gesagt. Denn jeder Aufreger bringt Werbedollars.

Die Medien müssten standhafter sein, sagt Rohrer am Beispiel von Donald Trump. Der habe in sämtliche TV- und Radioshows live hineintelefoniert. "Man hätte nicht abheben müssen, man hätte ihn nicht bringen müssen. Man hätte sagen müssen, kommen Sie herein in einem Monat." Auch die Tweets seien Trumps Megaphon. Klassische Medien sollten das nicht verstärken, so Rohrer.

Wenn Fellner zuletzt lacht

Live auf Sendung sind Politiker in Österreich besonders gern bei "oe24", obwohl das Fellner-Fernsehen keine berauschende Quote hat. Die Berichterstattung über den TV-Auftritt dann auch online und im Gratisblatt des Hauses kommt dazu, das dürfte auf Politiker einen gewissen Reiz ausüben. Die Gespräche Wolfgang Fellners mit den Gästen verlaufen hemdsärmelig und meist freundschaftlich, das ist gut für beide.

Fellner hat es dieser Tage verstanden, dank Jörg Haider einen Videohit im Netz zu landen: Mit dem PR-Berater Rudi Fußi lacht sich der Verleger vor der Kamera darüber kaputt, dass ausgerechnet Heinz-Christian Strache, der sich mit Haider bekriegt hatte, die Jörg-Haider-Gedenkmedaille verliehen bekam. Im Studio ist auch der ehemalige BZÖ-Politiker Gerald Grosz, der Erfinder der Haider-Medaille. Die Unterhaltung ist perfekt, das Netz klickt, Fellner verdient.

Das funktioniere nach dem Prinzip Unterhaltung vor Inhalt, kritisiert Anneliese Rohrer. Es sei "absolut schädlich für das Land, dass junge Menschen nur noch den Gratisboulevard lesen und über den Fellner sprechen, weil er Unterhaltungswert hat". Rohrer fordert mehr Medienerziehung an den Schulen.

"Zur Zeit" testet Grenzen des Sagbaren aus

Welchen Populisten man Aufmerksamkeit gebe sollte und welchen nicht, hänge vom Inhalt ab, so Rohrer. Nicht verschweigen dürfe man zum Beispiel den zuletzt scharf kritisierten Artikel "Mehr Recht, Ruhe und Ordnung im Land" aus dem von Andreas Mölzer (FPÖ) gegründeten Wochenmagazin "Zur Zeit".

Der Autor fordert darin unter anderem, die Arbeitshäuser für Obdachlose wieder einzuführen, eine Abgabe für Kinderlose zu erwägen, den ORF von "linksextremen Elementen zu säubern" und den Justiz-Instanzenzug, sprich den Rechtsschutz zu reduzieren. "Zur Zeit" hätte im Parlament von der FPÖ-Spitze geehrt werden sollen, auch Parteiobmann Vizekanzler Heinz-Christian Strache war angesagt. Nach heftiger Kritik an dem Artikel wurde die Preisverleihung abgesagt.

"Die Lage ist heute kritischer als damals"

"Brutal-Satire" sei das gewesen, sagt Andreas Mölzer. Der Artikel sei ein Versuch, Grenzen auszutesten, hält Anneliese Rohrer dem entgegen. Der Rest der Medien müsse wachsamer sein als in den 1990-er Jahren, man sei heute an einem kritischeren Punkt als damals. Die klassischen Medien hätten ihre Gatekeeper-Funktion weitgehend verloren, die Inhalte im Internet gingen ungefiltert direkt ans Publikum. Die jungen Leute müssten in den Schulen darauf aufmerksam gemacht werden, fordert Rohrer. "Da muss man einen Riegel vorschieben, sonst geht es immer ein Stück weiter. Jemand hat es einmal so formuliert: Die Demokratie ruiniere ich wie ein Huhn. Ich reiße immer nur eine Feder aus, weil das spürt es nicht so."

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