Geigenhals

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Wo die Poesie aufhört, fängt die Musik an

Fast 20 Jahre hat Franz Grillparzer an seiner Erzählung "Der arme Spielmann" gearbeitet. In diesem Schlüsselwerk setzt er sich mit Musik, Künstlerdasein und dem Scheitern bürgerlicher Existenz auseinander.

"In mir nämlich leben zwei völlig abgesonderte Wesen. Ein Dichter von der übergreifendsten, ja sich überstürzenden Fantasie und ein Verstandesmensch der kältesten und zähesten Art" - so Franz Grillparzer in seiner "Selbstbiographie". 1848 erscheint die autobiografische Erzählung "Der arme Spielmann". Als "Erzähler" ist Grillparzer kluger, und doch Distanz haltendender Intellektueller, als "Spielmann", der Geiger Jakob, hingegen, formuliert er seine musikästhetischen Gedanken, die ins 20. Jahrhundert hineinleuchten.

"In mir nämlich leben zwei völlig abgesonderte Wesen"
Franz Grillparzer

Brille auf Manuskript

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Früh erhält er Klavierunterricht von seiner hypersensiblen Mutter, einer Sonnleithner. Diese nimmt sich Jahre später das Leben, ebenso wie der jüngste Bruder. Die Sonnleithners sind einflussreiche Mäzene des Wiener Musiklebens, gründen den Musikverein, veranstalten Konzerte, fördern Schubert. In diese musische Welt wird Grillparzer hineingeboren. Er lebt Musik, liebt Musik. "Den Anspruch, als Musiker zu gelten, machte er nicht, aber er hatte ihn", schreibt Eduard Hanslick, bedeutendster Musiktheoretiker seiner Zeit.

Klavier, Geige und Bewunderung für Schubert

Doch das Klavierspiel wird ihm "verleidet ... ohne darum eine Abneigung gegen die Musik" zu entwickeln. Des jüngeren Bruders Violine nimmt er "bei jeder Gelegenheit zu Hand", übt Skalen, spielt, "ohne je die geringste Anweisung erhalten zu haben", doch von den Eltern wird ihm "die Violine aus der Hand genommen. Die verweigerte Violine machte mir das Klavier noch verhaßter. Durch sieben oder acht Jahre habe ich mit keinem Finger das Klavier berührt." Trotzdem wird Grillparzer später ein versierter Pianist mit beachtlichen Blattlesekünsten, komponiert, studiert wie Franz Schubert Harmonielehre und Kontrapunkt bei Simon Sechter.

Schuberts Genie wird im Salon der Schwestern Fröhlich entdeckt. Kathi Fröhlich, Grillparzers Lebensmensch, die "ewige Braut", trägt regelmäßig im privaten Kreis Schubert-Lieder vor. Sie spielt mit Grillparzer "alle Nachmittage ... vierhändig", erinnert sich Freund Bauernfeld, "alle Tage haben sie sich gezankt und er ist wütend weggegangen".

Johannes Silberschneider

Johannes Silberschneider

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Der arme Geiger vom Jägerhorn

Nahe der Wohnung der Schwestern liegt das Gasthaus Zum Jägerhorn. "Da kam häufig ein armer Geiger und spielte auf. Er zeichnete sich durch eine auffällige Sauberkeit seines ärmlichen Anzuges aus und wirkte durch seine unbeholfenen Bewegungen rührend komisch. Wenn man ihn beschenkte, dankte er jedes Mal mit irgendeiner kurzen lateinischen Phrase, was auf eine genossene Schulbildung und auf einstige bessere Verhältnisse des greisen Mannes schließen ließ. Plötzlich kam er nicht mehr."

1830 erlebt Wien eine Katastrophe. Wochenlang Temperaturen unter minus 20 Grad Celsius, Treibeis bildet sich. Mit steigenden Temperaturen schmilzt das Eis, die Vorstädte werden überschwemmt. Es folgen Cholera und Typhus. "Am meisten litt die Brigittenau. Ich wußte, daß der arme Geiger dort wohnte, und da er nicht mehr aufspielen kam, so glaubte ich, daß auch er unter den Menschenopfern in der Brigittenau seinen Tod gefunden habe."

Fünfjahresvertrag als Burgtheater-Dramatiker

Am 1. Mai 1818, vor genau 200 Jahren, erhält Grillparzer einen Fünfjahresvertrag als Burgtheater-Dramatiker, wird Österreichs wichtigster Dramatiker, missinterpretiert als grantiger Hofrat. Den sensiblen Liebenden, den Musikmenschen entdeckt dieses Hörspiel. In der Erzählung "Der arme Spielmann" ist "Barbaras Lied" nicht benannt.

Anders im Hörspiel. Hier verbindet Schuberts "Leiermann" aus der "Winterreise" musikalisch die Themen Liebe und Musik, ganz im Grillparzer’schen Sinn. "Wo die Poesie aufhört, fängt die Musik an. Wo der Dichter keine Worte mehr findet, da soll der Musiker mit seinen Tönen eintreten."

Text: Brita Kettner, Dieser Artikel enstammt der aktuellen Ausgabe des Ö1 Magazins "gehört".