Markus Meyer und Stefan Weber

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Old Fashioned Morphine

Über Stefan Webers Hörspiel "Aneurysma".

Vor etwas mehr als einem Jahr meldete Stefan Weber sich, weil er wieder einmal in die Stadt komme. Er lebt teilweise in der Schweiz. Wenn er für Ö1 Features oder Hörspiele produziert, kommt er nach Wien. Wir begegnen uns alle paar Monate, erzählen einander davon, woran wir arbeiten, tun das, was man früher Fachsimpeln genannt hat.

Wir trafen uns in der Kantine des Funkhauses. Er wirkte entkräftet, dabei strahlte er einen in diesem Leben nicht mehr zu beugenden Optimismus aus, als er erzählte, dass er kürzlich äußerst knapp dem Tod entkommen sei. Was mit einem eklatanten Anstieg der Blutdruckwerte begonnen hatte, entpuppte sich nach den Untersuchungen als Aneurysma. Eine Operation war unumgänglich und dringend.

Strahlkraft von Géza Csáth

Stefan Weber berichtete davon, dass er sich wenige Monate vor der Operation mit dem ungarischen Schriftsteller Géza Csáth auseinandergesetzt hatte, im Zuge eines Literatur-Features für die Ö1 Sendereihe "Tonspuren". Neben der Dichtung, der Musikkritik und der Arbeit als Psychiater beschäftigte sich Csáth mit Opium. Weber geriet über die Strahlkraft in Csáths Erzählungen, über die wahnsinnige Präzision, die den Dichter in seinen Opiumräuschen heimgesucht hatte, ins Schwärmen.

Die Operation des Aneurysmas dauerte sechs Stunden. Als er erwachte, bekam Weber eine Apparatur in die Hand, mit der er sich bei Bedarf selbst eine Dosis Morphium verabreichen konnte.

Überlagerungen, Überläufe, Übermalungen

Morphium wurde im Jahr 1804 aus Opium isoliert. Beides sind Rauschgifte. Sehen wir vom Gift ab, bleibt der Rausch. Stefan Webers Morphium isolierte ihn nicht von Csáths Opium, die Substanzen erzeugten Überlagerungen, Überläufe, Übermalungen jener sich konzentrierenden inneren Welten. Weber, von der Dichtung des ein Jahrhundert zuvor in den Freitod geflüchteten Ungarn nachhaltig beeindruckt, entdeckte gar Wundersames, jedes Mal, nachdem er den Knopf für die nächste Dosis gedrückt hatte.

Er wollte daraus ein Hörspiel machen. Zwei morphinistische Dramen, aneinandergeführt von einem erfahrenen Theater- und Hörspielregisseur, der auch noch weiß, wovon er da spricht. Die Begeisterung war mit Anlauf auf mich übergesprungen. Das Fachsimpeln verwandelte sich in einen Austausch von Assoziationen, von musikalischen Einfällen, von literarischen Abklopfgeräuschen. Wir vereinbarten, dass ich den Entstehungsprozess des Stückes begleiten würde.

Markus Meyer und Stefan Weber am Ende der Schnecke.

Markus Meyer und Stefan Weber am Ende der Schnecke.

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Nach drei Monaten reif für die Schnecke

Für den Sommer 2018 machten wir uns aus, dass ich für ein paar Tage zu ihm in die Schweiz kommen sollte. Es sei schön dort, wo er lebt. Ich nahm ein paar Tage Urlaub, fuhr nach Bern, von dort holte er mich ab. Es ist bezaubernd dort, wo er lebt. Schon abgesehen von der pittoresken Umgebung und der köstlichen Bewirtung, die Stefan Weber dem Gast bot, zählen jene Schweizer Tage für den Autor dieser Zeilen zu den beglückendsten:

Markus Meyer

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Markus Meyer

Tage- und nächtelang über die sublimsten Berührungspunkte der beiden durch 100 Jahre getrennten Erzählungen, seiner und der Géza Csáths, zu diskutieren, gelegentlich in Webers Tonstudio Klänge auszuprobieren, die Assoziationsräume ins Üppigste auszudehnen und wieder ins Mikroskopische zu verdichten, dazwischen Bern einen Kurzbesuch abzustatten - so stellt sich dem Ö1 Hörspieldramaturgen der perfekte Urlaub dar.

Drei Monate später war das Skript reif für die Schnecke: In jenen schalltoten Bereich des Hörspielstudios in Wien verkroch sich Weber mit dem Schauspieler Markus Meyer drei Tage lang. Meyer spielt und spricht, neben den weiblichen, von Katrin Thurm gespielten, alle Rollen. Er läuft dabei, in Webers Regie, erneut zur Hochform auf.

Dieser Artikel enstammt der aktuellen Ausgabe des Ö1 Magazins "gehört".

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