Eine Hand hält ein Smartphone auf dem die App "Fogo Cruzado" geöffnet ist.

ORF / ORSINI-ROSENBERG ISABELLE

Im Kreuzfeuer: App erfasst Schießereien

Die brasilianische Metropole Rio de Janeiro gilt als besonders gefährliche Stadt. Insbesondere in den Armenvierteln, den sogenannten Favelas, kommt es immer wieder zu stundenlangen Gefechten zwischen rivalisierenden Drogenbanden oder mit der Polizei, teilweise am helllichten Tag. Offizielle Daten über solche Schießereien und ihre Opfer sind dürftig. Um hier mehr Wissen zu schaffen, aber vor allem auch, um Bewohner und Bewohnerinnen zu warnen, hat eine brasilianische Journalistin eine App entwickelt. Auf "Fogo Cruzado" – was so viel heißt wie: Kreuzfeuer – können Zeugen Schießereien melden.

9.651 Schießereien in Rio de Janeiro, mit 1.480 Toten und 1.363 Verletzten wurden über die App "Fogo Cruzado" im Jahr 2018 erfasst. Die Idee zu diesem Projekt kam ihr vor drei Jahren im Rahmen einer Recherche, erzählt die Journalistin Cecilia Olliveira aus Rio de Janeiro. Damals arbeitete sie gerade an einem Artikel über die unschuldigen Opfer verirrter Kugeln: "Da stellte ich fest, dass die Stadtverwaltung darüber gar keine aktuellen Daten hat", erzählt sie, "der letzte Bericht stammte aus dem Jahr 2012".

Bewohner melden Schießereien

Darüber beklagte sich Cecilia Olliveira bei einer Freundin, die bei der Menschenrechtsorganisation Amnesty International in Brasilien arbeitete. Gemeinsam beschlossen die beiden Frauen, das Projekt "Fogo Cruzado" ins Leben zu rufen. Dabei handelt es sich um eine Datenbank über Schießereien und deren Opfer. Als Quellen dienen Meldungen der Polizei, Medienberichte sowie Zeugenberichte von Bewohnern. Diese können Schusswechsel mit Hilfe der gleichnamigen App melden. "Wir wollten eine kollaborative Plattform schaffen, die einerseits diese Informationen sammelt und sie andererseits auch so schnell wie möglich der Öffentlichkeit zu Verfügung stellt", sagt Olliveira. Das Projekt wurde im Jahr 2016, einen Monat vor Eröffnung der Olympischen Spiele in Rio in Betrieb genommen: "Damit wollten wir zeigen: Das Rio de Janeiro, das da in der Werbung gezeigt wird, ist nicht das wahre Rio."

Ein Netzwerk an Faktencheckern

Wenn Meldungen über Schüsse in die App eingeben werden, dann sind diese nicht automatisch für alle sichtbar, erklärt Cecilia Olliveira. Denn die Informationen werden zuerst überprüft. Das Team von Fogo Cruzado hat ein großes Netzwerk von ehrenamtlichen Aktivisten in vielen Teilen der Stadt, insbesondere in den Favelas. Die können solche Nachrichten in Windeseile verifizieren. Außerdem erkennt der Algorithmus der App, von wo und mit welcher Häufigkeit über einen Schusswechsel berichtet wird. Bandenkriege in Favelas oder Operationen der Polizei können Stunden – oder gar Tage dauern. Die Chance, dass nur eine einzige Person über so einen Vorfall berichte, sei gering, erklärt Cecilia Olliveira. Erst kürzlich hat eine Untersuchung der Getulia Vargas Stiftung gezeigt: Während einer dreitägigen Polizeioperation im Norden von Rio gab es 4.000 Postings darüber. "Fogo Cruzado" sammelt solche Information und gibt sie der Öffentlichkeit zurück.

Nach Fakten-Check sendet die App eine Warnung an ihre User/innen, dass geschossen wird. Gleichzeitig warnt sie auf Facebook und Twitter. In Zeiten von Fake News sei die genaue Überprüfung besonders wichtig, betont Cecilia Olliveira, denn Informationen über eine mögliche Lebensgefahr haben große Auswirkungen auf die Alltagsgestaltung der Menschen: "Man bleibt lieber noch im Büro oder geht erst gar nicht hin. Du entscheidest, dass du dein Kind heute lieber nicht in die Schule schickst. Das sind sehr folgenreiche Informationen. Deshalb publizieren wir sie erst, wenn wir hundertprozentig sicher sind."

Mit den gesammelten Daten erstellt die Journalistin auch Sonderberichte, wie: welche Schulen in Rio de Janeiro geraten am öftesten ins Kreuzfeuer, in der Nähe welcher Hauptverkehrsstraßen wird besonders häufig geschossen. Im November 2018 wurde Fogo Cruzado in Rio mit einem Menschenrechtspreis ausgezeichnet.

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