Sylvie Rohrer

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Sylvie Rohrer, Schauspielerin des Jahres

Die Virtuosität der Sylvie Rohrer in der Stille der Sprache.

Vor knapp einem Jahr haben wir zusammen die Elegie für und nach Hertha Kräftner produziert: "Weil immer das Meer vor der Liebe ist", nach dem gleichnamigen Theatertext von Jürg Amann. Die dramaturgische Verdichtung ihres schmalen Werks als Hörspiel zu gestalten, das war unsere Aufgabe. Den Monolog einer vor der Welt und sich langsam verstummenden jungen Frau.

Stimme und Ohren unter sich

Vor den eigentlichen Studioaufnahmen haben wir uns zum Proben getroffen, wir wollten wissen, wohin uns die Reise durch die Sprachwelten der jungen Dichterin führen wird. Viel haben wir reflektiert über Öffentlichkeit und das Intime, auch über die Legitimität, so tief zu einer Seele vorzudringen, die sich auslöschen wird. Wir waren uns sicher, dass es im Stück Passagen gibt, die durchaus für ein breites Publikum gedacht sind, aber es wuchs in uns auch Scham gegenüber den kleinen, leisen Stellen, die Hertha nur ihrem Tagebuch anvertraut hatte.

Wir waren im Zweifel, ob diese für die Allgemeinheit gedacht waren. Wo beginnt akustischer Voyeurismus? Wir waren uns einig, das Hörspiel so gestalten zu wollen, dass es zwischen Stimme, Sprache und Zuhörer/in möglichst keine Distanz gibt. Dass Stimme und Ohren unter sich bleiben.

Ungeahnte Kraft der Betonung

Ein paar Tage später treffen wir uns im schallarmen Aufnahmeraum des Hörspielstudios im Funkhaus. Nur wir zwei. Ein Mikrofon, zwei Kopfhörer und ein Aufnahmegerät. Um uns die Stille. Dann ein erster Soundcheck: Könntest du noch etwas näher zum Mik? Noch etwas? Und noch etwas, dafür noch ein bisschen leiser?

So geht das immer weiter, bis Sylvie Rohrer fast im Mikrofon drin ist - mit kaum mehr Stimme. Ich sitze einen halben Meter von ihr entfernt, wenn ich die Kopfhörer abstreife, kann ich sie nicht mehr verstehen, habe ich sie auf, sitzt sie mir nicht an den Ohren, aber im Kopf. Wir flüstern, wenn wir Szenen besprechen, die Welt kommt uns langsam abhanden, wir vergessen, essen zu gehen, und der Kräftner’sche Horizont weitet sich plötzlich gewaltig. Kleinste Betonungen entfalten ungeahnte Kraft.

Wir sind Hertha plötzlich ganz nahe

Herthas Sprache glüht im Pianissimo der Sylvie Rohrer, mit unendlicher Ruhe auf dieser Bruchlinie zwischen Lautlosigkeit und Stimmklang. Die Buchstaben werden Teil des Wortes, die Wörter Teil der Sätze, und diese schweißen die Gedanken der Hertha Kräftner zusammen, werden eins mit der Ausweglosigkeit ihres Lebens. So unüberhörbar genau gesprochen, nein gespielt unter dem akustischen Mikroskop.

Wir sind Hertha plötzlich ganz nahe: Sylvie Rohrer gräbt in diesen Welten mit archäologischer Akribie, mit feinsten Pinselputzstrichen legt sie die Seele der jungen Dichterin frei, genau und bescheiden, mit Demut, Respekt und Liebreiz. Und Stolz.

Landschaften im Gesicht

Der Text scheint sich in der Sprach- und Stimmgestaltung Sylvie Rohrers neu zu schreiben. Hertha hört uns zu. Ihr Leben, ihre Anklagen, ihre Wut und Angst werden uns greifbar. Ihr plötzlicher Tod auch. Einzige, letzte Befreiung. Die Frage nach der Öffentlichkeit stellt sich nicht mehr. Es gibt sie nicht mehr. Alles fernab von irgendeiner Bühne. Und das ist auch für die Gattung Hörspiel gut so.

P. S.: Mein Theatervater hat mir vor 35 Jahren geraten: "Schauen Sie, dass Sie mit zunehmendem Alter Landschaften in Ihr Gesicht kriegen." Ein paar Furchen - der Freude - sind entstanden. Herzlichen Dank und laute Gratulation, liebe Sylvie!

Text: Stefan Weber, Autor, Regisseur und Sounddesigner für Hörspiele und Features - Dieser Artikel entstammt der aktuellen Ausgabe des Ö1 Magazins "gehört".