Ein Schädel aus der Sammlung Goethes

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Goethe - die Aktualität eines Unzeitgemäßen

Johann Wolfgang von Goethes schriftstellerisches Werk, das von den rebellischen Sturm-und-Drang-Gedichten wie "Prometheus" bis zu den mythologisch aufgeladenen Szenen der Tragödie "Faust II" reicht, gilt als einer der Höhepunkte europäischer Literatur.

Als Säulenheiliger der Klassik war Goethe nicht unumstritten. Schriftsteller/innen und Philosoph/innen bezeichneten ihn als saturierten Kleinbürger, als "Fürstenknecht" und talentlosen Vielschreiber. Übersehen wurde dabei, dass Goethe zahlreiche drängende Probleme der Gegenwart thematisierte.

Zerstörerische Dynamik

So findet sich in Goethes Tragödie "Faust II" etwa Kapitalismuskritik, die - lange vor Karl Marx - die Schattenseiten des rücksichtslosen Wirtschaftswachstums beschrieb. Darin schildert der Dichter die magische Qualität des Geldes, die eine zerstörerische Dynamik in Gang setzt. Er spricht vom "Veloziferischen" - von der Beschleunigungstendenz, die alle Lebensbereiche dem Diktat eines hemmungslosen Fortschrittsfurors unterwirft. Die Jagd "nach immer mehr" macht aus dem Stubengelehrten Faust einen Großindustriellen, dessen Ziel darin besteht, möglichst viel Eigentum zu erwerben. Er lässt das Wattenmeer trockenlegen, um die Herrschaft über ganze Landstriche zu erlangen.

Das neue Zauberwort des Frühkapitalismus heißt: "Kolonisieren!" Dabei schreckt auch Faust vor Gewalt nicht zurück. Er gibt den Auftrag, die Hütte des alten Ehepaars Philemon und Baucis von Söldnern des Kapitals niederbrennen zu lassen. Faust ist mit der brutalen Vorgangsweise nicht einverstanden, aber wo gehobelt wird, da fallen auch Späne. Die Hütte des Ehepaars ist ein Symbol für die alte Ordnung des bürgerlichen Zeitalters, die nunmehr liquidiert wird. Diese Zerstörung traditioneller Strukturen hat später Karl Marx im "Kommunistischen Manifest" als charakteristisches Merkmal des Kapitalismus bezeichnet.

Wissenschaft & Natur

Das Element des Veloziferischen ist auch in den Wissenschaften zu beobachten. Auch hier zeigt sich Goethe als Visionär, der die künstliche Schaffung eines menschlichen Wesens schildert, die Fausts gelehriger Schüler Wagner vornimmt. Auf chemischem Weg erzeugt er in einer Phiole aus anorganischem Material einen menschlichen Organismus: "Ein Mensch wird gemacht!", kommentiert Wagner sein Experiment. Dem zum Anthropotechniker avancierten Wagner ist es gelungen, "ein artig Männlein in zierlicher Gestalt" zu erzeugen. Er verwirklicht ein Projekt, das als fantastische Utopie angesehen wurde.

"Für Sorgen sorgt das liebe Leben, und Sorgenbrecher sind die Reben"
Goethe

Die Aktualität von Goethe zeigt sich auch in seiner Auffassung der Natur. Er sieht in ihr eine "Fülle der Wirklichkeit", die von einem "freundlichen Geist" geleitet wird. Goethe betrachtete die Natur als einen lebendigen Organismus. Dieses einfühlsame, ganzheitliche Verständnis steht im krassen Gegensatz zur Verwertungslogik der Industriegesellschaften, der zufolge die Natur nur Objekt der Profitmaximierung ist. Goethe bekämpfte aber auch den kalten Objektivismus der Naturwissenschaften, der den lebendigen Gesamtzusammenhang der Natur negiert. Diese Sichtweise macht Goethe zu einem Vordenker der Ökologiebewegung.

Goethes dichterisches Werk ist facettenreich. Er befasste sich nicht nur mit gesellschaftskritischen Themen, sondern wusste auch die angenehmen Seiten des Lebens zu schätzen. Das kommt speziell im Gedichtzyklus "West-östlicher Divan" zum Ausdruck. Darin wird ein Loblied auf die Liebe, die Lebensfreude, die Heiterkeit und den Weingenuss gesungen: "Für Sorgen sorgt das liebe Leben, und Sorgenbrecher sind die Reben."

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Mehr dazu in:
science.ORF.at - Goethes Faust als Global Player

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