Mozartkugeln

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Fake und Fiktion

Thomas Strässles großer Essay über die Erfindung von Wahrheit.

Fiktion ein wesentliches Merkmal literarischer Texte, aber Fake, also Fälschung, ist ein Begriff, der im politischen und medialen Diskurs gerade hoch im Kurs steht, Stichwort "Fake News". Thomas Strässle, Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Zürich und Leiter des transdisziplinären Y Instituts an der Hochschule der Künste Bern, versucht in seinem Buch mit dem Rüstzeug des Literaturwissenschaftlers Fake und Fiktion auseinanderzuhalten. Im Gespräch mit Peter Zimmermann erklärt er warum.

Täuschungsabsichten

Technisch gesehen sind Fake und Fiktion zwei verschiedene Dinge, auch wenn beide Begriffe Wirklichkeitsabweichungen bezeichnen. Es ging ihm jedoch nicht allein darum, die Begriffe zu erklären, so Thomas Strässle, sondern die anhaltende Diskussion um eine zusätzliche Dimension zu erweitern.

Jeder Fake ist eine Form von Fiktion oder hat zumindest Anteile am Fiktiven, aber nicht jede Fiktion ist wiederum ein Fake.

Es braucht also auch eine Perspektive, die den Fake aus dieser Richtung betrachtet. Eine passende Aufgabe also für die Literaturwissenschaft, die für alle Fragen der Fiktion zuständig ist, so der Autor. Fiktiv ist im Grunde jeder Text, der als literarisch ausgewiesen ist. Eine Spiegel-Reportage von Claas Relotius, die gut geschrieben sein mag, aber kein explizit literarischer Text ist, muss man eher als Fake bezeichnen. Weil der Vorsatz einer Täuschung vorliegt.

Woran erkennen Sie bei einem Text, ob jemand vorsätzlich täuscht oder nicht? Es ist eben dem Text schwer anzusehen, man muss schon den Autor kennen, man muss seine Intention kennen, um das beurteilen zu können.

Das Problem beginne damit, so Strässle, dass die Erzähltheorie eigentlich keine Kriterien definiere, wie man einen fiktionalen von einem faktionalen Text unterscheiden könne. Das Fehlen solcher Kriterien sei ein Lücke, die es zu schließen gelte, meint Strässle. Daher habe er sich in seinem Buch ausgiebig mit der Unterscheidung von Fiktionalem und Faktionalem unter dem Aspekt des Fakes beschäftigt.

Das Fatale ist, man sieht es diesen Texten eigentlich nicht an. Wieso man jetzt Mozart im sogenannten Realbewusstsein lesen soll, wie das jetzt literaturwissenschaftlich heißen würde, und den anderen Text, nämlich "Marbot", im Fiktionalbewusstsein. Und das ist doch eine etwas ernüchternde Feststellung für die Möglichkeiten der Erzähltheorie.

Wellenstriche, Buchumschlag

HANSER VERLAG

Erfundene Wahrheit

In der Literatur gehört es zum Spiel mit der Fiktion, die Leserschaft zu verunsichern. Thomas Strässle erwähnt in seinem Buch zum Beispiel Wolfgang Hildesheimers Buch "Marbot", eine Biografie, die keinen Zweifel über die Wahrhaftigkeit des Beschriebenen aufkommen lässt - und doch Fiktion ist. Während die Nebenfiguren historisch verbürgt und die im Buch vorkommenden Daten historisch belegt sind, ist die Titelfigur, nämlich der junge, englische Landadelige, frei erfunden. Vor "Marbot" schrieb Wolfgang Hildesheimer eine auf Tatsachen beruhende Mozart-Biografie.

"Marbot" ist nur ein Beispiel dafür, welche Möglichkeiten Erzählstrategien haben, um uns eine Wirklichkeit vorzutäuschen. Thomas Strässle, ist davon überzeugt, dass die Literatur in der aktuellen Debatte ein Gebiet ist, von dem man lernen kann, fiktionale und faktionale Texte zu unterscheiden.

Service

Thomas Strässle, "Fake und Fiktion", Hanser Literaturverlag

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