Friedrich Achleitner

APA/HERBERT NEUBAUER

In memoriam Friedrich Achleitner

Friedrich Achleitner, Doyen der österreichischen Architekturkritik und Hauptvertreter der "Konkreten Poesie", ist tot. Wie der Zsolnay Verlag gegenüber der APA bekannt gab, verstarb er am heutigen Mittwoch im 89. Lebensjahr in Wien. Achleitner, der Architektur studiert, aber nie gebaut hat, ging gemeinsam mit u.a. H.C. Artmann und Oswald Wiener als "Wiener Gruppe" in die Literaturgeschichte ein.

Sein Lebenswerk in Sachen Architektur hatte er kurz nach seinem 80. Geburtstag vollendet. Danach wendete sich Friedrich Achleitner, Doyen der österreichischen Architekturtheorie, wieder seinem zweiten Standbein zu: der Literatur.

Der "Achleitner"

Die mehrbändige Dokumentation "Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert" hat der wortmächtige, architekturbesessene Publizist im Jahr 2010 mit Erscheinen des letzten von drei Wien-Bänden abgeschlossen. Einzig Niederösterreich fehlte in dem seit 1980 erschienenen Oeuvre noch. Das müssten, so sagte er damals, andere übernehmen. "Das schaffe ich nicht mehr. Da müsste ich hundert Jahre alt werden", so Achleitner 2010 im APA-Gespräch.

"Der Achleitner", wie die ausführliche Dokumentation unter Architekten heißt, machte den Architekturhistoriker zur kritischen Instanz. An seinem "Opus magnum", der umfassenden aktuellen Bestandsaufnahme der heimischen Architektur, arbeitete er seit 1965.

1980 erschien im Residenz Verlag der erste Band, in dem Bauwerke in Oberösterreich, Salzburg, Tirol und Vorarlberg dokumentiert wurden. Der zweite Teil (1983) umfasst Kärnten, Steiermark und das Burgenland, während sich Band drei der Bundeshauptstadt widmen sollte. Aufgrund des Umfangs entschloss sich Achleitner aber dazu, Wien in drei eigene Abschnitte zu gliedern: 1990 kam die Beschreibung des ersten bis zwölften Bezirks heraus, 1995 folgten die Bezirke 13 bis 18. Im Herbst 2010 erschien schließlich 19 bis 23.

Zurück zur Literatur

In den vergangenen Jahren arbeitete Achleitner wieder vermehrt als Literat. Schließlich sei er damals des Schreibens wegen, nicht der Architektur, nach Wien gekommen, sagte er einmal. Im Zsolnay Verlag erschienen "wiener linien" (2004), "und oder oder und" (2006), "der springende punkt" (2009) und der Dialektgedichte-Band "iwahaubbd" (2011). Zuletzt veröffentlichte er im März den Band "wortgesindel": ein ironisches Aufzeigen des allgegenwärtigen sorglosen Umgangs mit der Sprache.

Buch und Hand von Achleitner

ORF

Jahrgang 1930

Achleitner wurde am 23. Mai 1930 in Schalchen, Oberösterreich, geboren, und besuchte die Höhere Bundesgewerbeschule in Salzburg und studierte danach Architektur bei Clemens Holzmeister in Wien. 1957 trat er gemeinsam mit H.C. Artmann, Gerhard Rühm, Oswald Wiener und Konrad Bayer als legendäre "Wiener Gruppe" zum ersten Mal an die Öffentlichkeit. 1959 veröffentlichte Achleitner gemeinsam mit Artmann und Rühm den Dialekt-Band "hosn rosn baa", ein Jahr darauf publizierte er "schwer schwarz".

Friedrich Achleitner

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Friedrich Achleitner, 2009

Nach dem Zerfall der "Wiener Gruppe" wandte Achleitner sich vor allem der Architekturkritik zu. Nach einer einjährigen anonymen Tätigkeit bei der "Abendzeitung" (1961) wechselte er zur "Presse", für die er bis 1972 regelmäßig über die Qualität der österreichischen Baukunst schrieb. Als Vater der heimischen Architekturkritik trat er energisch gegen Abbruchspekulation und unkünstlerisches Bauen auf. 1968 erhielt Achleitner nach mehrjähriger Lehrtätigkeit eine provisorische Professur für Geschichte der Baukonstruktion an der Akademie der bildenden Künste, bevor er 1972 ein einjähriges Literaturstipendium in Berlin antrat. Dort nahm er seine schriftstellerische Tätigkeit wieder auf und verfasste seinen "quadratroman" (1973).

Von 1983 bis 1998 stand Achleitner der Lehrkanzel für "Geschichte und Theorie der Architektur" an der Wiener Hochschule für angewandte Kunst vor. Ausgezeichnet wurde der in Wien lebende Architekt und Autor unter anderem mit dem Theodor Körner Preis (1957), dem Preis für Architekturpublizistik der Österreichischen Gesellschaft für Architektur, dem Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik (1984), der Goldenen Ehrenmedaille der Stadt Wien (1995), dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien (2002) und dem Ehrenring der Universität für angewandte Kunst Wien (2007). Im Jahr 2009 wurde er siebentes Ehrenmitglied der Wiener Secession, 2011 erhielt er den Watzlawick-Ehrenring. Damals sagte der Geehrte, er habe sich stets weder nur als Kritiker, Schriftsteller oder Sprachkünstler noch ausschließlich als Dokumentator gesehen, "sondern als jemand, der Mauern des Unverständnisses niederreißen möchte sowie Fantasie, Ratio und emotionale Wissenschaft in einen Diskurs bringen wollte".

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