Das Buch Freuds Dinge von Lothar Müller

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Freuds Dinge

Lothar Müllers Biografie der Psychoanalyse aus einer völlig neuen Blickrichtung

Auf Sigmund Freuds Werk sind in den letzten achtzig Jahren ganze Bibliotheken von Sekundärliteratur getürmt worden. Angesichts dieser Text-Gebirge: Sind da originelle Perspektiven, überraschende Entdeckungen, unerhörte Neudeutungen überhaupt noch möglich? Dem Berliner Kritiker und Literaturwissenschaftler Lothar Müller ist das Unerwartbare gelungen.

Peter Zimmermann im Gespräch mit Sigrid Löffler - "Ex libris" | 07 04 2019

Unser Zeug arbeitet mit

Freuds Schlüssel-Metapher für seine Erforschung des Unbewussten ist bekanntlich die Archäologie, die Arbeit in der Vertikale, im Hinabsteigen in seelische Tiefen, im Ausgraben und Zutage-Fördern des Verschütteten. Lothar Müller hingegen ersetzt die vertikale durch eine horizontale Freud-Lektüre: Seine Modell-Disziplin ist nicht die Archäologie, sondern die Philologie. Er fragt: Mit welchen sprachlichen Mitteln, aus welchen Sprachbildern wird bei Freud das Unbewusste konstruiert? Und welche Rolle spielen bei der Entdeckung und Formulierung der Gesetze des Unbewussten die Dinge, die realen Gegenstände, mit denen die Lebenswelt Freuds und seiner Patienten ausgestattet war?

Lothar Müllers Grundidee ist es, den bekannten Nietzsche-Satz ("Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken") auf die Ding-Welt insgesamt auszuweiten: "Unser Zeug arbeitet mit an unseren Gedanken." Er untersucht den Anteil, den die Requisiten der bürgerlichen Lebenswelt an der Entwicklung der Psychoanalyse hatten - banale Alltagsdinge, neueste technische Erfindungen und Markenartikel aus der zeitgenössischen Warenwelt genauso wie Kunstobjekte und Freuds berühmte Antiken-Sammlung.

Verkehrte Psychoanalyse

Lothar Müllers eigenes Recherche- und Schreibverfahren ist gleichfalls archäologisch geprägt: Akribisch gräbt er seine Fundstücke nicht zuletzt aus den Kleinanzeigen und Inseraten der damaligen Tagespresse aus, von den nicht-tropfenden Apollokerzen aus Stearin bis zum berühmten "Wunderblock". Müller zielt damit auf die Geschichtlichkeit des Unbewussten, indem er den Fokus auf die zeitgenössische Ding-Welt richtet, auf deren Inventarien und Reservoirs die junge Psychoanalyse zugriff, um ihren "Gleichnis- und Metaphernhunger" zu stillen.

Müller führt uns diese konkreten Dinge als Statisten und Stichwortgeber für die Entwicklung des psychoanalytischen Verfahrens vor Augen und zeigt, wie sie dabei mit Bedeutung aufgeladen und in Symbole verwandelt werden. Diese Prämisse ist ebenso originell wie produktiv, indem sie es Müller ermöglicht, anhand exemplarischer realer Gegenstände die Psychoanalyse vom Kopf auf die Füße zu stellen.

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Geburtshelfer

Als Schüler des französischen Neurologen Charcot kommt der Mediziner Freud von der Gehirnanatomie her. Sein Bezugsfeld waren anfangs die Laboratorien, die Kliniken, die Instrumente der Elektrotherapie, mit denen im 19. Jahrhundert an der Pariser Salpêtrière seelische Krankheiten wie die Hysterie behandelt wurden. Apparaturen wie das Mikrotom und die Influenzmaschine zählen zu den Geburtshelfern der Psychoanalyse.

Doch im Zuge der Entwicklung seines neuartigen Heilverfahrens bei psychischen Erkrankungen, der Gesprächskur auf Basis von Träumen, Erinnerungen und freien Assoziationen, entfernt sich Freud immer mehr von den Experimental- und Naturwissenschaften. Er entwickelt seine eigenständige Disziplin der Psychoanalyse als Abspaltung aus der Neuropathologie, indem er sie aus den Kliniken und Labors der zeitgenössischen Medizin auslagert, ohne jedoch die Rückbindung an diese völlig aufzugeben.

Vom Labor auf die Couch

Die Kamera, namentlich die Galtonsche Mischphotographie, dient Freud anfangs als Modell der Traumarbeit. Das ändert sich um 1890. Die Psychoanalyse verlässt das Labor und siedelt sich im bürgerlichen Alltag an. Sie verortet ihre Ordination nun im bürgerlichen Interieur, namentlich in Freuds Praxis in der Wiener Berggasse 19, dieser Einheit von Behandlungs-Couch, Arbeitszimmer und Antiquitäten-Sammlung. Damit öffnet sich die Psychoanalyse neuen Ding-Welten - mit der Couch als zentralem Kraftfeld, das "alle Orte, Figuren und Gegenstände des alltäglichen Lebens" in sich hineinsaugt.

Der orientalisierende Zeitgeschmack bei der Möblierung der bürgerlichen Wohnung prägt auch Freuds Deutungsarbeit. Der analytische Diwan mit seinem darüber gebreiteten Qashk’ai-Teppich und dem Smyrna-Teppich als Wandbehang ist selbst ein Sinnbild für Freuds Kunst, in der Traumdeutung alles zu verknüpfen, um letztlich alle Knoten im Seelenleben des Patienten aufzulösen.

Ein neues Standardwerk

Die materiellen Dinge sind einerseits das Material der Träume, Phobien und Zwangsneurosen. Andererseits dienen sie Freud als Metaphern und Gleichnisse für seine Deutungsstrategien und Begriffsbildungen. Mit Haus und Interieur integriert er "Hauptschauplätze und Zentralmetaphern der symbolischen Ordnung des bürgerlichen Lebens in sein Projekt".

Anhand von "Freuds Dingen" erzählt Lothar Müller nicht nur die Geschichte der Psychoanalyse neu; er beschreibt auch die Entwicklung Sigmund Freuds vom neurologischen Experimentalwissenschaftler mit Fokus auf Gewebeschnitten vom Gehirn über den Theoriebilder, Namensfinder, Rätsellöser und Meistererzähler seiner Fallgeschichten bis hin zum bedeutendsten Kulturanthropologen seiner Zeit. All dies macht Müllers Groß-Essay schon jetzt zu einem Standardwerk für die Freud-Lektüre.

Service

Lothar Müller: "Freuds Dinge - Der Divan, die Apollokerzen und die Seele im technischen Zeitalter", Die Andere Bibliothek

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