Ein Notenständer und eine Violine

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"Löwenchor" von György Dragomán

Zwanzig Novellen hat der ungarische Schriftsteller und Übersetzer György Dragomán in seinem Band "Löwenchor" zusammengestellt. Wer schon seine Romane "Der weiße König" und "Der Scheiterhaufen" gelesen und als Leuchttürme der gegenwärtigen, an Talenten wahrlich nicht armen ungarischen Literatur registriert hat, kann sich sicher sein: Wo György Dragomán draufsteht, ist pure Literatur drin.

Über die Novelle, was sie ausmacht und wodurch sie sich von einer Erzählung unterscheidet, ist viel Kluges gesagt und sind ganze Bücher geschrieben worden. Googelt man den Begriff "Novelle", so findet man als erstes folgende Kurzdefinition: "Erzählung kürzeren oder mittleren Umfangs, die von einem einzelnen Ereignis handelt und deren geradliniger Handlungsablauf auf ein Ziel hinführt." Die zwanzig Novellen, die György Dragomán unter dem Titel "Löwenchor" versammelt, sind damit recht präzise charakterisiert.

Ein atemloser Strom von Sätzen

Vor allem das stringente Zulaufen der Handlung auf ein Ziel, das oft durch einen geradezu atemlosen Strom von Sätzen in Szene gesetzt wird, prägt diese Texte. Nie ist dieses Ziel von Anfang an zu erkennen oder auch nur zu erahnen, oft ist es verblüffend, manchmal schockierend. Hat man eine dieser Novellen gelesen, muss man erst einmal durchatmen; man kann sich nicht gleich in den nächsten Text stürzen, man kann dieses Buch nicht in einem Zug lesen.

Musikalischer Perfektionismus

György Dragománs Novellen spielen zu unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen Ländern. Was sie verbindet und zusammenhält, ist vor allem die Musik, die in nahezu jedem Text eine tragende Rolle spielt. Bedrängend und unausweichlich ist diese Musik schon im ersten Text mit dem Titel "Der eiserne Bogen". Ein Junge kann kaum mehr essen und schlafen, weil er von seinem Vater ständig zum Üben auf der Geige genötigt wird, denn er muss den schwarzen Geiger besiegen, sonst wird dieser ihm mit seinem eisernen Bogen alle Finger brechen; doch wenn der Junge siegt, wird der schwarze Geiger für immer verschwinden.

Diese Novelle mit den Zügen eines düsteren Märchens, das nach psychologischen Deutungen eines obsessiven musikalischen Perfektionismus geradezu schreit, macht schon klar, dass die Musik im Novellenband "Löwenchor" nichts mit einer Behübschung des Lebens zu tun hat, sondern brennende Fragen menschlicher Existenz auslöst oder verdichtet.

Alle Register der Erzähltechnik

Es ist sehr verschiedenartige Musik, die hier literarisch zum Tragen kommt: Von den Liedern der ersten Novelle über den titelgebenden Jazz-Song "Cry me a River" des zweiten Textes und das ebenfalls titelgebende "Heavy Metal" des fünften über lateinamerikanische Lieder des darauffolgenden und die Wagner-Arien eines weiteren Textes werden unterschiedlichste Musikstile in ganz verschiedenen Funktionen präsent gesetzt.

Gerade der hochironische Text "Heavy Metal" zeigt, wie György Dragomán auch die Sprache des Erzählers an den Musikstil anzupassen imstande ist. Dieser Autor verfügt über alle Register der Erzähltechnik, ein bedrängendes Stück Rollenprosa wie „Posthumanes Date“, das den Horizont zukünftig möglicher digitaler Durchleuchtung des Körpers wie der Psyche des Menschen aufscheinen lässt, gelingt ihm genauso gut wie eine distanzierte Erzähl-Stimme.

Kompromisslos und konsequent

Manche Novellen sind fast ort- und zeitlos, andere fokussieren genaue Zeit- und Lebensumstände wie etwa "Puerta del Sol", wo ein Mann auf einem Hotelbalkon darüber nachdenkt, was aus ihm geworden wäre, wenn die Behörden des kommunistischen Rumänien einen Eltern nicht die Hochzeitsreise nach Spanien verweigert hätte und sein Vater nicht in einer siebenbürgischen Schlucht verunglückt wäre. Und auch das geschieht unter dem Einfluss suggestiver Musik: "Tanzmusik, Freudenmusik und Trauermusik", so heißt es, schlägt ihm von unten, von der Straße entgegen.

Die zweite Novelle, "Cry me a river", verknüpft das ganze Leben einer Frau mit diesem Song, den sie erstmals als kleines Mädchen auf der Bühne singt, dann in dramatischen Situationen der Liebe und des Verlassen-Werdens und am Ende im klaren Bewusstsein ihres bevorstehenden Todes. Wie in allen Texten lässt der Erzähler die zentralen Situationen nur kurz aufblitzen, immer wird man plötzlich in Ereignisse hineingestoßen, die sich während des Lesens erst langsam ordnen und zu einem Ganzen fügen. Nichts an diesen Texten ist jemals behäbig, Unerwartetes geschieht auf kleinstem Raum, und immer muss man lesend ganz bei der Sache sein, um nichts zu versäumen. György Dragománs Literatur ist kompromisslos und konsequent, eigensinnig und unbeirrbar, voller unvergesslicher Situationen und in einer Sprache geschrieben, die das Erzählte verwandelt, aber auch immer ganz dem adäquat ist, was sie erzählt.

Service

György Dragomán, "Löwenchor - Novellen", Suhrkamp Verlag

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