Harriet Krijgh

Harriet Krijgh - NANCY HOROWITZ

Musikfestivals mit dem ORF RSO Wien

Wenn in den Sommermonaten die Kulturtempel der Metropolen Atem schöpfen, wenn die Abonnementzyklen pausieren, dann schlägt die große Stunde der Festivals. Kulturhungrige Urlauber/innen genießen die besondere Atmosphäre von Konzerten, die nicht im Korsett großstädtischer Konzertkalender stecken. Und das sinnliche Licht des Sommers mag sich dann auch im Klang des Orchesters widerspiegeln.

Im August und September 2019 - am Vorabend seines 50. Geburtstages - besucht das ORF Radio-Symphonieorchester Wien wie jedes Jahr ausgewählte Festivals im europäischen Musikkalender.

Salzburger Festspiele mit Jonathan Nott

Den Anfang machen traditionell die Salzburger Festspiele, die mit großen Schritten auf ihr hundertjähriges Bestehen 2020 zugehen. Die Dirigenten der beiden RSO-Konzerte gehören zwei Generationen an: Der eine, Jonathan Nott, zählt zu den erfahrensten Dirigenten Europas. Der gebürtige Brite wirkte in Frankfurt und Wiesbaden, leitete anschließend das von Pierre Boulez gegründete Ensemble intercontemporain, bevor er dann als Chefdirigent den Bamberger Symphonikern einen Spitzenplatz unter den Orchestern der Welt sicherte.

Der andere, Gabor Kali, steht erst am Anfang seiner Laufbahn, hat aber schon ein Ass im Ärmel: Im Vorjahr gewann der Ungar den Nestlé and Salzburg Festival Young Conductors Award. Man muss kein Hellseher sein, um vorauszusagen, dass auch diesem YCA-Gewinner - wie seinen Vorgänger/innen Mirga Grazinyte-Tyla oder Lorenzo Viotti - eine Laufbahn in den Musikmetropolen der Welt bevorsteht.

"Ich bin dreifach heimatlos"
Gustav Mahler

Beide dirigieren Musik von Gustav Mahler. Wenn Mahlers Popularität nicht abreißt, ja wenn seine Relevanz immer dringlicher wird, dann deshalb, weil seine Klang gewordene Suche nach Heimat so gut in unsere Gegenwart passt. In Mahlers eigenen Worten: "Ich bin dreifach heimatlos; als Böhme unter den Österreichern, als Österreicher unter den Deutschen, und als Jude unter der ganzen Welt."

Gabor Kali interpretiert die "Lieder eines fahrenden Gesellen" (gesungen von Andrè Schuen), ein Werk, in dem Wanderschaft noch romantisiert wird. In der zeitgleich entstandenen Ersten Symphonie, die Jonathan Nott mit dem RSO Wien aufführt, verwendet Mahler zwar Melodien aus den "Liedern eines fahrenden Gesellen", lässt aber bereits Fremdheit und Geborgenheit aufeinanderprallen - etwa, indem Volksmusik, Militärmärsche und Naturlaute in die vormals geschlossene Welt klassischer Symphonik eindringen. Was Mahler in den 1880er Jahren seinem Publikum zumutete, wurde erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verstanden und geschätzt.

Gabor Kali

Gabor Kali

LUDWIG OLAH

Dvorak, Dusapin, Mahler und Berio

Ein anderer musste auf den Erfolg seiner Symphonik nicht so lang warten: Antonin Dvoraks Symphonie "Aus der Neuen Welt", geschrieben 1892/93 während seines Amerika-Aufenthaltes, sicherte den Ruf des Komponisten auf ewig. Im Salzburger RSO-Konzert steht dieser weltberühmten Komposition ein Werk eines anderen Amerika-Besuchers zur Seite. Drei Generationen nach Dvorak bereiste der französische Komponist Pascal Dusapin die USA. In der halbstündigen Orchesterfantasie "Morning in Long Island" lässt der von Olivier Messiaen und Iannis Xenakis ausgebildete Komponist seinen USA-Aufenthalt in schillernden Farben wiederaufleben.

Jonathan Nott wiederum kombiniert seinen Mahler mit Luciano Berio, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg als erster der Avantgarde-Komponisten auf Mahler berief. In "Voci" (den ausgedehnten Solopart spielt Bratschist Antoine Tamestit) widmet sich der Italiener ein Jahrhundert nach Mahlers Erster Symphonie der Volksmusik seines Landes, genauer: sizilianischem Liedgut. Arbeits-, Wiegen-, Liebes- und Volksgesänge werden in die Musiksprache der Gegenwart überführt.

Tänzerinnen, Festspiele Mecklenburg-Vorpommern

Festspiele Mecklenburg-Vorpommern

MONIKA LAWRENZ

Mit Harriet Krijgh in Deutschland

Erstmals gastiert das RSO Wien in diesem Sommer bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern, mit mehr als 180 Konzerten und über 90.000 Besucher/innen eines der größten Klassikfestivals in Deutschland. Abseits der großen Musikzentren begegnen die Musikerinnen und Musiker hier einem abenteuerlustigen und gut gelaunten Publikum in alten Gutshäusern, Scheunen, Fabrikhallen, Schlössern und Kirchen oder unter freiem Himmel.

Dabei freut sich das RSO Wien auf ein Wiedersehen mit Harriet Krijgh. Die Cellistin ist hier "Preisträgerin in Residence", Matthias Schorn, seines Zeichens Soloklarinettist der Wiener Philharmoniker und ehemals Soloklarinettist beim RSO Wien, war es bereits 2013. Auf dem Programm stehen zwei der schönsten Werke der Klassik: Tschaikowskys "Rokoko-Variationen" und Mozarts Klarinettenkonzert.

Bukarest mit Leonskaja & Andreescu

Ebenfalls zum ersten Mal besucht das RSO Wien das George-Enescu-Festival. Alle drei Jahre dreht sich in Bukarest alles um den bedeutendsten Komponisten Rumäniens. Für die symphonisch dimensionierte Orchestersuite Nr. 3 steht mit Dirigentenlegende Horia Andreescu beim RSO Wien ein Enescu-Interpret erster Güte am Pult. Als österreichisches Orchester ergänzt das RSO sein Programm mit einem Orchesterwerk des heuer 60. Geburtstag feiernden Komponisten Richard Dünser, "The Waste Land", und mit einem Gast aus Wien: Elisabeth Leonskaja, die Grande Dame des Klaviers, spielt Beethovens Fünftes Klavierkonzert.

Ein sommerliches Gipfeltreffen, zunächst in Bukarest, danach beim Festival Herbstgold. Und wenn hier, in Eisenstadt, die ersten Töne erklingen, weiß man: Der Sommer geht zur Neige.

Text: Christoph Becher, Intendant des RSO Wien

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