Vorbeifahrende U-Bahn

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Bücher, Menschen, Themen

Das Literaturmagazin "Ex libris" bringt Neues aus der Welt der Literatur - Neuerscheinungen, Kritiken, Texte sowie Autor/innen im Porträt.

F. M. Dostojewski: "Aufzeichnungen aus einem toten Haus"

Fjodor Michailowitsch Dostojewski gehörte als Mittzwanziger zu einer Gruppe Frühsozialisten. Die Mitglieder waren gebildet und einige von ihnen - wie Dostojewski - von adeliger Herkunft. Man wollte das starre Herrschaftssystem des Zaren Nikolaus I. reformieren, debattierte leidenschaftlich in Diskussionsrunden. Die zaristische Geheimpolizei bekam Wind von davon und am 23. April 1849 wurde Dostojewski und die anderen verhaftet - und schließlich zum Tode verurteilt. In letzter Sekunde, schon vor dem Exekutionskommando stehend, wurde das Todesurteil in eine vierjährige Haftstrafe umgewandelt. "Katorga" lautet der Schreckensbegriff und hieß für Dostojewski: Verbannung und Zwangsarbeit in Fußketten im Militärgefängnis von Omsk. Im Geheimen machte der junge Schriftsteller Aufzeichnungen von seinem Gefangenendasein. Von Anfang an plante er, nach der Entlassung seine Notizen in literarisierter Form zu publizieren. Das beschriebene Leid und die existenziell-humane Sichtweise gegenüber sinnloser Strafgewalt machen Dostojewskis "Aufzeichnungen aus einem toten Haus" heute noch zu einem Leseerlebnis erster Güteklasse - die Neuübersetzung von Barbara Conrad macht dies deutlich.

Fjodor M. Dostojewski, "Aufzeichnungen aus einem toten Haus", Roman, Übersetzung: Barbara Conrad, Hanser Verlag

Andreas Puff-Trojan

Fritz Rosenfeld: "Johanna"

Warum können viele Menschen ihre Stärken nur bedingt zur Geltung bringen, ihr Glück in die Hand nehmen? Vielleicht weil sie nur zwei Hände haben, das Schicksal aber ein Krake ist? Weil Selbstoptimierung und Resilienz reizvoll sind für Marketing, Wirtschaft und Politik, aber leidvoll fürs Individuum? Weil es gesellschaftliche Strukturen gibt, die wie Bollwerke die Straße des Erfolgs und der Selbstverwirklichung absperren? Fritz Rosenfeld, Redakteur der Wiener "Arbeiter-Zeitung", entwarf 1924 ein Frauenporträt in Romanform. Johanna wird als kleines Waisenmädchen armer Taglöhner widerwillig von ihrer Heimatgemeinde aufgenommen und bei einer Häuslerin in Pflege gegeben, die selbst eine von der Dorfgemeinschaft Ausgegrenzte ist. Johannas Schicksal vereint in sich alles, was in der entbehrungsreichen Zwischenkriegszeit zum Lebensmuster der Erniedrigten und Beleidigten gehört hat.

Fritz Rosenfeld, "Johanna", Roman, Edition Atelier

Gudrun Braunsperger

Jugendbuch des Monats: "Roadtrip mit Lasergirl und Beyoncé"

Online-Kommunikation und Naivität können eine riskante Kombination ergeben. Diese Erfahrung macht auch der dreizehnjährige Ate in Tyibbe Veldkamps neuem Jugendroman "Roadtrip mit Lasergirl und Beyoncé". Das im Original "Katvis" heißt, also niederländisch für "Catfish", was so viel wie "Internet-Betrüger" bedeutet. Denn auf so einen fällt Ate rein. Seit einem halben Jahr schreibt er auf WhatsApp täglich zwei Mal mit Baptiste. Nichts Besonderes, meistens besprechen sie YouTube-Kanäle, aber er freut sich den ganzen Tag drauf. Schließlich ist er der festen Überzeugung, in Baptiste seinen einzigen Freund gefunden zu haben. Dass er selbst Niederländer ist und Baptiste ohne Papiere chronisch pleite in Belgien lebt, ist genauso unwichtig wie ihre unterschiedliche Hautfarbe. Als Ate die Nachricht "Ich habe Schulden, muss mein Handy verkaufen" bekommt, muss er handeln, damit die Kommunikation nicht abbricht.

Tjibbe Veldkamp, "Roadtrip mit Lasergirl und Beyoncé", Übersetzung: Andrea Kluitmann, Carlsen Verlag

Karin Haller

Drei Bildschirme: a) Juroren, b) virtuelle Lesung von Helga Schubert, c) Bachmannpreis-Logo

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Ingeborg-Bachmann-Preis: Ein Resümee

Nicht aus der Welt zu schaffen ist er, der Ingeborg-Bachmann-Preis, allen Schmähungen zum Trotz, die ihn seit den Anfängen begleiten, trotz einiger fragwürdiger Preisträger und Preisträgerinnen, trotz der unglücklichen Vorgabe, die der Fernsehästhetik geschuldet ist, wonach Kritiker zu Kritikerdarstellern mutieren, die eitel, professoral, langweilig und unterhaltsam gleichzeitig sein sollen. Vielleicht stellt man sich Kritiker dort, wo keine sind, so vor. Ja, und sogar trotz des Versuchs der Veranstalter, sich der Veranstaltung zu entledigen. Nicht einmal Covid 19, das Virus, das den Planeten wochenlang und nachhaltig weitgehend lahmgelegt hat, war in der Lage, den Bachmannpreis auf dem Friedhof der österreichischen Kulturgeschichte zu entsorgen. So wurde er denn zum 44. Mal vergeben, nicht ganz erwartungsgemäß an Helga Schubert. Wie es dazu kam, erzählt Peter Zimmermann.

Jhumpa Lahiri: "Wo ich mich finde"

Jhumpa Lahiri, die in London geborene Tochter bengalischer Einwanderer, lebt seit einigen Jahren mit ihrer Familie in Rom. Sie hat Italienisch gelernt und diesen Roman auch auf Italienisch geschrieben. Die Sätze sind meist kurz, vermitteln aber eine ganz entschiedene Klarheit und fast traumwandlerische Poesie. Was für eine Welt, in die uns dieses Buch führt! Wie reich im Kleinen, wie anregend, wie aufregend. Wenn man nur geduldig hinschaut. Denn die Kulisse ist völlig unspektakulär: Eine gewöhnliche Stadt in Italien, immerhin groß genug, um sich eine Universität zu leisten, an der die Ich-Erzählerin arbeitet, eine allein lebende, namenlose Frau um die Vierzig. "Im Büro" heißt eines der sechsundvierzig kleinen Kapitel, jedes für sich eine magisch aufgeladene Prosaminiatur, meistes nur drei oder vier Seiten lang.

Jhumpa Lahiri, "Wo ich mich finde", Roman, Übersetzung: Margit Knapp, Rowohlt Verlag

Carsten Hueck

Helen Wolff: "Hintergrund für Liebe"

Die als berühmte Verlegerin 1994 verstorbene Helene Wolff war Jahrgang 1906 und nicht nur eine in der Verlagsbranche weltweit anerkannte Ausnahmeerscheinung des 20. Jahrhunderts, sie war auch eine Person, die ihrem eigenen ethisch geeichten Kompass folgte. Wolffs Großnichte, Marion Detjen, hat nun begonnen ihr schriftstellerisches Werk einer größeren Öffentlichkeit vorzustellen. Detjen zeichnet dabei auch in einem langen klugen Essay ein genaues geographisch-seelisches Europa-Panorama, das auch historisch bedeutsam ist und sowohl die Entstehung des Romans, die in ihm verborgene wahre Liebesgeschichte mit Kurt Wolff in Südfrankreich als auch die Zeit des beginnenden Nationalsozialismus mitbedenkt. Helen Wolff hat ausgerechnet in dieser Zeit der Barbaren ihre Erzählerin mit etwas ausgestattet, das gewiss auch ihr geholfen hat, der Lautstärke dieser von Gewalt durchdrungenen Welt nicht anheimzufallen - bei der empfundenen Liebe und der Treue zu sich selbst zu bleiben.

Helen Wolff: "Hintergrund für Liebe", Roman, Weidle Verlag

Hubert Achleitner: "flüchtig"

Die beiden zentralen Protagonisten von Hubert Achleitners Debütroman, der Gymnasiallehrer Herwig und die Bankangestellte Eva Maria Magdalena, genannt Maria, sind glaubhafte, plastisch gezeichnete Figuren, deren Schicksale einem nahegehen. Maria, eine Älplerin von "kratzbürstiger Wildheit", wie wir erfahren, kommt im Jänner 1962 in einer sturmumtosten Seilbahngondel zur Welt. Achleitner nennt keine Ortsnamen, aber man kann die Region, in der "flüchtig" hauptsächlich spielt, unschwer als den reizvollen Landstrich zwischen Dachstein und Wolfgangsee identifizieren, namentlich Bad Ischl - so erfasst der Kenner der Region nach wenigen Zeilen - darf als einer der zentralen Schauplätze des Geschehens betrachtet werden. Die junge Maria verliebt sich in Herwig und die beiden heiraten. Die Handlung des Romans beginnt Fahrt aufzunehmen, als Herwig, inzwischen fast schon sechzig, sich in eine um 33 Jahre jüngere Frau verliebt und Maria davon erfährt. Der Debütroman des Bad Goiserers ist - abgesehen von den sprachlichen Schwächen - versiert konstruiert, er weist einen komplexen Subtext auf und hat eine existenzielle Tiefendimension, die nach der Lektüre noch eine Weile nachhallt. Und last but not least ist das Buch spannend zu lesen.

Hubert Achleitner, "flüchtig", Roman, Zsolnay Verlag

Günter Kaindlstorfer

Ivan Ivanji: "Hineni"

Ivan Ivanji hat einen historischen Roman über Abraham und seine Nachkommenschaft geschrieben. Und man merkt: Er hat bereits einige historische Romane verfasst, über Kaiser Konstantin oder über Kaiser Diokletian zum Beispiel, er weiß, wie das geht: Der Mangel an Fakten wird aufgefüllt mit Fiktionen, Akteure werden psychologisch ausgeleuchtet, und der Einstieg gelingt am besten über den Seiteneingang, das heißt über eine Nebenfigur. Letzteres gelingt Ivan Ivanji im neuen Roman ausgezeichnet: Die Sklavin Hagar, die zuerst für den Pharao requiriert und von diesem dann Abraham geschenkt wird und ihm den Sohn Ismael gebiert, aber zusammen mit diesem verjagt wird, als Abrahams Gattin Sara in hohem Alter doch noch schwanger wird - Hagar, die gewohnt ist, sich in alles zu fügen, ist eine der stärksten Figuren des Romans „Hineni“; ihre Erwartung des Todes in der Wüste ist eine seiner intensivsten Stellen. Woher Ivan Ivanji die Fakten nahm, mit denen er die biblische Vorlage auffüllt, und was er erfunden hat, darüber gibt er in einer Art Nachwort genau Auskunft. Leider wird dieser Text mit dem Titel „Spurensuche“ aber als letztes Kapitel des Romans präsentiert und weder grafisch von seinem Text abgesetzt noch wird auf andere Weise ausgeschildert, dass man eben nicht mehr im Roman ist, sondern in einem ganz anderen Genre.

Ivan Ivanji, "Hineni", Roman, Übersetzung: Klaus Detlef Olof, Picus Verlag

Cornelius Hell

Fuß und Sachatten eines springenden Kindes

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Abbas Khider: "Palast der Miserablen"

Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren, schloss sich Anfang der neunziger Jahre dem Widerstand gegen Saddam Hussein an und verbrachte drei Jahre in irakischen Gefängnissen. Er floh 1996 nach Jordanien, dann nach Libyen, im Jahr 2000 schließlich fand er in Deutschland Asyl. Seit 2007 ist er deutscher Staatsbürger und als deutscher Schriftsteller sieht er sich auch. Durch die gewisse Distanz der deutschen Sprache als neuer Heimat gelinge es ihm, "Betroffenheitsliteratur" zu vermeiden und das Grauen in Heiterkeit umzudichten, sagte er einmal in einem Interview. Sein neuer Roman, "Palast der Miserablen", handelt vom Erwachsenwerden eines Jungen in den 1980er und 90er Jahren in einem maroden, von Kriegen, Handelsembargo und politischer Verfolgung heimgesuchten Irak.

Abbas Khider: "Palast der Miserablen", Roman, Hanser

Wolfgang Seibel

Juri Andruchowytsch: "Die Lieblinge der Justiz"

Juri Andruchowytsch ist ein Meister der Überblendung von konkreten Fakten und blühenden Fiktionen, er kann alles zur Farce entgleisen lassen. In so gut wie all seinen Romanen, etwa in dem zuletzt auf Deutsch erschienenen "Karpatenkarneval" oder in dem schon länger zurückliegenden "Moscoviada", ist die grelle Absurdität kein um sich selbst kreisendes Spiel, sondern eine Entstellung zur Kenntlichkeit, ein Mittel der Analyse. Das beeindruckt auch an den "Lieblingen der Justiz". Erzählt wird vom "Baum unseres nationalen Banditentums", und als erster Spross daran zeigt sich Samiljo Nemyrytsch aus dem 17. Jahrhundert. Von ihm heißt es schon im ersten Satz, er "zieht vor allem stilistisch die Aufmerksamkeit auf sich, und die außergewöhnliche Schönheit seiner Verbrechen gründet auf absoluter Freiheit". Schon dieser Beginn ist aufgeladen mit der geballten Ironie, zu der der der Autor fähig ist.

Juri Andruchowytsch: "Die Lieblinge der Justiz", Roman, Übersetzung: Sabine Stöhr, Suhrkamp

Zsófia Bán: "Weiter atmen"

Um Liebesversuche und Familienkatastrophen geht es in den Erzählungen von Zsofia Ban, der weltläufigen ungarischen Autorin, die in Brasilien geboren und aufgewachsen ist, in den USA gelebt hat und nunmehr in Ungarn daheim ist. Die Erzählungen in ihrem neuen Band sind bis auf eine mit Engeln realistisch. Und doch steht alles in ihnen Spitz auf Knopf. Báns Geschichten „Weiter atmen“ lassen Gegensätze so zusammenprallen, dass sich blitzartig die Erkenntnis eines zuvor verborgenen Zusammenhangs einstellt und einem der Atem wegbleibt. Dann gilt es, weiter zu atmen. Meist sind die von Bán hergestellten Zusammenhänge ungewöhnlich. Flüchtlinge und Kinderlose fügt sie in einer Geschichte zusammen, Zirkusartisten und Sülze, Ausländerhass und Rock’n-Roll-Seligkeit. Und Frösche und Menschen.

Zsófia Bán, "Weiter atmen", Erzählungen, Übersetzung: Terézia Mora, Suhrkamp

Jörg Plath

Maxim Biller: "Sieben Versuche zu lieben"

Er würde gern einmal in Interviews weniger über sein Jüdisch-Sein sprechen, als über Autofiktion, sagte Maxim Biller sinngemäß kürzlich in einem Gespräch mit Volker Weidermann in der Online-Reihe "Spiegel liest". Dieser vielleicht schon länger bestehende Wunsch mag mit ein Grund gewesen sein, den Band "Sieben Versuche zu lieben" herauszubringen, eine Zusammenstellung von Texten aus den ersten drei Erzählbänden Billers. Diese ausgesuchten 13 Familiengeschichten - entstanden im Zeitraum von 30 Jahren -, bedienen sich nicht nur des Verfahrens der Autofiktion, sondern machen diese auf indirektem Weg selbst zum Thema. Denn ist Erinnerung nicht auch eine Form von Autofiktion? - Wenn auch eine meist unbewusste. Und um Erinnerungen bzw. um deren dann wieder etwas bewussteren Tradierung geht es in diesen Geschichten.

Maxim Biller, "Sieben Versuche zu lieben - Familiengeschichten", Kiepenheuer & Witsch

Gudrun Hamböck

Andrea Camilleri: "Kilometer 123"

Mit den Lieblingen der Justiz, der italienischen, kannte sich Andrea Camilleri aus, der sizilianische Schriftsteller, der im Sommer 2019 gestorben ist und dessen bekannteste literarische Figur Commissario Montalbano ist. Camilleri war ein unglaublich produktiver Autor, mehr als hundert Bücher hat er veröffentlich, viele, aber längst nicht alle, sind ins Deutsche übersetzt. "Kilometer 123" nennt sich der Roman, der soeben erschienen ist, es ist das letzte Buch, dessen Veröffentlichung Camilleri noch erlebt hat. Er war nicht nur Romanautor, sondern auch Theaterregisseur und Drehbuchautor, und das merkt man bei diesem Buch ganz deutlich: Es hat keine erzählte Handlung wie eben die Montalbano-Romane, sondern es setzt sich aus Dialogen, aus Gesprächen der Figuren, aus Telefonaten, aus Zeitungsartikeln und Polizeiberichten zusammen - es ist so etwas wie die moderne Form eines Briefromans. Und es gibt auch keine prominente Ermittlerfigur, es gibt im Grunde gar keine richtige Hauptfigur. Es gibt viele verschiedene Figuren, und aus deren Zusammenspiel, also ihrer Äußerungen oder Nachrichten, ergibt sich dann die Handlung. Ein Bauunternehmer hat einen Autounfall auf der Via Aurelia, genau bei Kilometer 123, und wird dabei schwer verletzt. Durch diesen Unfall geraten die Dinge in Bewegung. Denn Giulio hat eine Geliebte, die ihm mehrere SMS geschrieben hat. Als das Krankenhaus Giulios Frau seine Sachen, darunter das Handy, ausgehändigt, erfährt sie von der Geliebten.

Andrea Camilleri, "Kilometer 123", Roman, Kindler Verlag