Eine Frau sitzt in einem Park am Boden und liest.Sie hat ihr Rad dabei.

APA/HERBERT P. OCZERET

Öffentlicher Raum: Ruf nach Strukturwandel

Der öffentliche Raum in den Städten ist zu knapp - das hat die Coronakrise gezeigt. In Wien etwa gehören 67 Prozent des öffentlichen Raumes den Autos. Mit neuen Radwegen und Baumpflanzungen sollen Teile der Fahr- und Parkstreifen für alle Stadtbewohner zugänglich gemacht werden. Und: Wie wirkt sich die Krise auf die Dörfer aus? Die Nachteile der Globalisierung sind unübersehbar geworden und viele wünschen sich jetzt ein Zurück zur Regionalwirtschaft. Wie also umgehen in Stadt und Land mit dem Raum, der allen gehört?

Zwei Drittel des öffentlichen Raumes in einer Großstadt wie Wien werden von Autos okkupiert. Dieser Platz müsse für alle Stadtbewohner und Bewohnerinnen rückgewonnen und neugestaltet werden, meinen viele nach den Erfahrungen der letzten Wochen. Die Voraussetzung dafür wäre, die parkenden Autos vom Straßenraum in die Parkhäuser zu verfrachten, denn Parkhäuser stehen etwa zu 30 Prozent leer.

Parken in Straßen muss teurer werden

Markus Reiter, der grüne Bezirksvorsteher des 7. Bezirks hat seiner Bevölkerung bereits Stellplätze in Parkhäusern zum günstigen Tarif von 100 Euro pro Monat angeboten, das hatte aber nicht den gewünschten Effekt. Reiter sagt: "solange das Parkpickerl auf der Straße nur ein Zwölftel kostet, werden viele Menschen das Auto lieber auf der Straße stehen lassen. Daher brauchen wir ein neues Parkraum-Bewirtschaftungskonzept. Außerdem müssen wir auch über Einfahrtsbeschränkungen für bezirksferne Personen nachdenken."

"Historische Siedlungen waren wesentlich dichter verbaut und boten eine wesentlich höhere Lebensqualität." Roland Gnaiger

Chance für Strukturwandel

Die Pandemie sieht der Stadtplaner Reinhard Seiß als Chance für einen Strukturwandel. Nicht nur in den Städten, auch in den ländlichen Regionen, meint Seiß: "Ich glaube, durch die Coronakrise hat bei vielen Menschen eine gedankliche Öffnung stattgefunden - sie können sich jetzt auch vorstellen, dass andere Lebensstile möglich wären. Damit hätte Corona den Boden aufbereitet für unsere Politik, die jetzt die Entscheidungen für einen gesellschaftlichen Wandel treffen könnte. Man könnte jetzt sofort strukturelle Änderungen durchführen, um wieder regionalere Wirtschaftskreisläufe zu erzeugen - und damit eine Stärkung der Dörfer."

Pro Tag werden in Österreich 13 Hektar versiegelt

Denn das Selbstversorgungspotential im Argrarbereich ist in den letzten Jahrzehnten radikal gesunken. Weil 13 Hektar in Österreich täglich der Siedlungsentwicklung zum Opfer fallen - damit ist Österreich Spitzenreiter unter den europäischen Staaten. Um die Jahrhundertwende habe es in Vorarlberg vier- bis fünfgeschossige Webereien und Stickereien gegeben, betont Architekt Roland Gnaiger. Heute werde jeder Supermarkt ebenerdig gebaut - damit habe sich der Flächenverbrauch seither etwa verzehnfacht.

"Wenn sich in den letzten 50 oder 60 Jahren in einem Dorf oder in einer Kleinstadt die Bewohneranzahl verdoppelt hat, dann ist dort der Flächenverbrauch um das Acht- bis Zwölffache gestiegen. Historische Siedlungen waren wesentlich dichter verbaut und boten eine wesentlich höhere Lebensqualität", so Gnaiger.

In der Klimakrise gibt es kein Ausweichen in die Quarantäne

Gnaiger fügt an: Die Klimakrise werde weit schlimmer als Coronakrise. Da gebe es dann kein Ausweichen in die Quarantäne mehr. Immerhin war der April 2020 der zweitsonnigste der Messgeschichte und einer der 15 trockensten seit 1767.

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