Eine Figur des Papstes.

MARKUS VEINFURTER

Zum 100. Geburtstag von Johannes Paul II

Auf weltpolitischer Ebene hat Papst Johannes Paul II. zweifelsohne seinen Beitrag zur Überwindung des Sowjet-Kommunismus geleistet. In Österreich hat er durch seine bischöfliche Personalpolitik tiefe Spuren hinterlassen. Denn Krenn und Groer, Küng und Eder haben ebenso zweifelsohne „Geschichte geschrieben“ – österreichische Kirchengeschichte.

„An diesem Abend gehöre ich Euch!“ Zehntausende Jugendliche bereiten Johannes Paul II. am 10. September 1983 einen begeisterten Empfang im damaligen Wiener „Praterstadion“. 37 Jahre später, zu seinem 100. Geburtstag, ist die ungeteilte Begeisterung von damals kaum noch nachvollziehbar. Im Rückblick ist sein Pontifikat im besten Sinn des Wortes zwiespältig.

"Johannes Paul II. war in seinen Handlungen unheimlich parteiisch."

„Ich habe für mich das Wort ‚parteiisch‘ gefunden“, sagt Luitgard Derschmidt, 18 Jahre lang Präsidentin der Katholischen Aktion Salzburg und neun Jahre Präsidentin der Katholischen Aktion Österreich: „Johannes Paul II. war in seinen Handlungen unheimlich parteiisch. Er hat unterschieden zwischen bestimmen Gruppen: Er hat gewisse Gruppen forciert – und gewisse Gruppen haben für ihn gar nicht existiert oder er hat sie bekämpft.“ Aber: Ein Papst sollte aber für alle da sein.

Das „Drei-Päpste-Jahr“ 1978

Als Papst „aus einem fernen Land“ hatte sich Johannes Paul II. am 16. Oktober 1978 der wartenden Menge auf dem Petersplatz in Rom präsentiert. Es ist schon das zweite Konklave des Jahres – nach dem Tod von Paul VI. und nach dem überraschenden Tod von Johannes Paul I. nach nur 33 Tagen im Amt. Zum ersten Mal seit 456 Jahren kommt er neue Papst nicht aus mehr Italien – und noch dazu aus einem Land, das hinter dem damaligen "Eisernen Vorhang" liegt.

Karol Jozef Wojtyla – so sein bürgerlicher Name – wurde am 18. Mai 1920 in Wadowice bei Krakau geboren. Am 2. April 2005 stirbt er - nach mehr als 26 Jahren als Bischof von Rom und Papst. Historisch belegt war nur Pius IX. länger im Amt als er. Eine ganze Generation ist herangewachsen, ohne einen anderen Papst gekannt zu haben. Keine zehn Jahre später - im Jahr 2014 - wird Johannes Paul II. bereits heiliggesprochen.

Konservative Wende

1983 ist katholische Welt in Österreich auf jeden Fall noch in Ordnung: Der Erzbischof von Wien heißt noch Kardinal Franz König, Menschen treten wegen Papst Johannes Paul II. wieder in die Kirche ein. So viel Begeisterung wie beim „Katholikentag“ 1983 wird der Papst aus Polen in Österreich nie mehr auslösen. Den Stimmungsumschwung besorgt er selbst - durch seine bischöfliche Personalpolitik.

Zuerst wird 1986 der ehemalige Religionslehrer und nunmehrige Wallfahrtsdirektor von Maria Roggendorf (im Weinviertel) Hans Hermann Groer zum Erzbischof von Wien ernannt. Ein Jahr später wird ihm Kurt Krenn, davor Professor für Systematische Theologie an der Universität Regensburg, als Weihbischof zur Seite gestellt. 1991 wird er dann zum Diözesanbischof von St. Pölten befördert.

Dreiervorschlag ohne Wahlmöglichkeit

In Salzburg ist zur gleichen Zeit die Regelung der Nachfolge von Erzbischof Karl Berg längst überfällig. Doch in diesem Fall hat der Papst kein freies Ernennungsrecht, das Domkapitel kann aus einem römischen Dreiervorschlag wählen. Und der trifft – unter strengster Geheimhaltung – Ende 1988 in Salzburg ein.

Die zwölf geistlichen Herren des Salzburger Domkapitels (alle in Führungspositionen der Erzdiözese tätig) sind angesichts des Dreiervorschlags ratlos – denn von den drei genannten Herren scheint ihnen keiner „wählbar“.

Sie fassen daher einen kühnen Plan: Angeführt von Kardinal König und Erzbischof Berg wollen sie noch einmal in Rom vorsprechen – doch von dort kommt umgehend eine schroffe Absage: Die Reise wäre sinnlos, es gebe nichts zu besprechen, ein Dreiervorschlag liege am Tisch – die Herren des Domkapitels mögen wählen. Und sie entscheiden sich für das „kleinere Übel“ aus dem Dreier-Vorschlag – für den Pfarrer von Altenmarkt im Pongau: Georg Eder.

Klaus Küng bekommt Feldkirch

Die beiden anderen Namen sind bis heute offiziell geheim: Es sollen Kurt Krenn und Klaus Küng gewesen. Der damalige Leiter des „Opus Dei“ in Österreich wird kurz darauf Bischof von Feldkirch. 16 Jahre später wird er dann Kurt Krenns Nachfolger in St. Pölten (nach dem Skandal um die viel zitierten „Bubendummheiten“ im dortigen Priesterseminar).

Papst Johannes Paul II. rechts und der frühere Wiener Erzbischof Hans Hermann Groer

DPA/APA

Der „Fall Groer“ und das „Kirchenvolks-Begehren“

Die Ära Groer in Wien endet schließlich 1995 mit dem „Fall Groer“: Gerüchte kursieren zwar schon lange – aber schließlich berichtet auch das Magazin „profil“ über sexuelle Übergriffe des nunmehrigen Erzbischofs in seiner Zeit als Religionslehrer in Hollabrunn.

Als Krisenmanager muss der junge Weihbischof Christoph Schönborn einspringen. Die Kirchenaustritte schnellen in seit Jahrzehnten nicht gekannte Höhen. Die Plattform „Wir sind Kirche“ sammelt mehr als 500.000 Unterschriften für ihr „Kirchenvolks-Begehren“. Die Reformforderungen – etwa nach Abschaffung der verpflichtenden Ehelosigkeit für Priester - sind bis heute unerfüllt.

Im Rückblick kann sich die ehemalige Präsidentin der Katholischen Aktion Salzburg, Luitgard Derschmidt, nur ein Auswahlkriterium für diese Personalpolitik erkennen: die „ideologisch-doktrinäre Haltung“ zu Fragen der Sexualität und der Empfängnisregelung. Johannes Paul II. hatte noch als Kardinal und Erzbischof von Krakau federführend an der Enzyklika „Humanae Vitae“ mitgearbeitet – mit ihrem klaren "Nein" zu jeder Form „künstlicher“ Empfängnisverhütung. Luitgard Derschmidt: „Ich glaube, das war sein großes Anliegen, das umzusetzen.“

Ein “wichtiger Faktor“ in der Weltgeschichte

Papst Johannes Paul II. hat das Leben vieler Menschen verändert. Er hat aber auch den Lauf der Weltgeschichte beeinflusst: „Nicht direkt, aber indirekt“, sagt der Politologe Anton Pelinka. „Er war ein wichtiger Faktor, der den Zusammenbruch der kommunistischen Systeme erklärt.“

Die Wahl eines polnischen Kardinals habe in der sich ihrem Ende zuneigenden Ära des Sowjet-Führers Leonid Breschnew einen hohen Symbolwert gehabt – und habe gerade in der stark katholisch geprägten, polnischen Dissidentenbewegung „hoch motivierend“ gewirkt, erklärt Anton Pelinka.

Ein Papst "aus einem fernen Land"

Aus dem zutiefst katholisch geprägten Land kommend, musste Papst Johanne Paul II. eine moderne, säkularisierte Gesellschaft westlichen Zuschnitts gefährlich "ver-weltlicht" oder "ent-kirchlicht" erscheinen. Als Pole Jahrgang 1920 hatte er sein Leben ausschließlich in autoritären, teilweise extrem repressiven Systemen verbracht. Eine liberale Demokratie kannte er tatsächlich nur "aus der Ferne".

Seine marianische Frömmigkeit ist wiederum vielen im „aufgeklärten Westen“ fremd. Sein Wahlspruch lautet "Totus tuus" ("ganz dein") - und bezieht sich auf die "Muttergottes", die er mit einem großen M auch in seinem Wappen führt. Dass er das Attentat am 13. Mai 1981 überlebt, glaubt er ganz konkret der Muttergottes von Fatima zu verdanken zu haben. Johannes Paul war schon davor ein Mann mit "Sendungsbewusstsein", zweifelsohne -
der Angriff auf sein Leben, so meinen viele, bestärkt ihn noch in seiner Mission.

  Papst Johannes Paul II. bricht am 13.Mai 1981 in seinem offenen Fahrzeug verletzt zusammen.

ANSA

Soziale Gerechtigkeit und Kapitalismus-Kritik

Außer Streit steht bei Johannes Paul II. sein Einsatz für soziale Gerechtigkeit. Seine grundsätzliche Kritik am Kapitalismus fand viel Beifall – auch von unerwarteter Seite. Für den Politologen Anton Pelinka steckt dahinter aber doch auch ein grundlegendes Problem:

„Die katholische Soziallehre ist gegenüber Fragen der persönlichen Freiheit und der Demokratie weitgehend blind. Es geht immer um Verteilungsgerechtigkeit. Soziale Gerechtigkeit wird betont, individuelle Freiheit und Demokratie werden vernachlässigt. Und das ist natürlich in einer gewissen Hinsicht auch der dramatische Fehler im Marxismus-Leninismus gewesen. Das beginnt aber nicht mit Johannes Paul II. – das beginnt eigentlich schon mit Leo XIII. und Pius XI.“

Gestaltung

  • Markus Veinfurter