Eine bleiche Frau blickt in den Himmel.

AFP/ERIC FEFERBERG

... und vor Lust zu sterben

Es gibt sie, die weiblichen Vampire, auch wenn der männliche Vampir, allen voran der melancholische Aristokrat „Dracula“, prominent und aufdringlich alle filmischen wie literarischen Varianten des Blutsaugers in sich aufzusaugen scheint.

Dabei ist das Vampirische zunächst nicht männlich, sondern weiblich in Szene gesetzt; weiblich, verführerisch und gefährlich. Oder umgekehrt ausgedrückt:

Das Weibliche ist verführerisch, gefährlich und darum vampirisch.

Die Angst vor dem Gefressenwerden beim Küssen, die Angst vor dem Tod durch die Frau, sind in Film- und Literatur auf den ersten Blick mit dem Mann verbunden. Es ist der Mann, der als Vampir auftritt, als verführerischer Blutsauger, der seine Lippen ansetzt, der die Zähne zeigt, zubeißt, saugt und sich die Frau einverleibt und damit unschädlich macht. Das ist der bekannte Topos. Und das ist zugleich die Projektion, mit der männliche Autoren ihre Angst-Lust vor der Frau, ihrem Körper und Eros kunstvoll zu bannen versuchen: Von Goethe über Heine bis zu Le Fanu in der Literatur; und von „Nosferatu“ bis hin zu „True Blood“ in all den Filmen, ist das so.

Weiblichkeit und Tod, das gehört zusammen

Weibliche Sexualität, die gesamte weibliche Physiognomie, wird in diversen Fantasien oft zu einer Gefahrenzone. Mit dem weiblichen Vampir begeben wir uns also auf Expedition in einen „dunklen Kontinent“, wie Sigmund Freud bereits über das Rätsel des Weiblichen schrieb und sich fragte, „Was will das Weib?“ 1897 nahm er seine Arbeit zur „Traumdeutung“ auf. Er sprach von Verdichtung, Entstellung und Verschiebung latenter, uns unbewusster Wünsche im Traum.

Biss - in alle Ewigkeit

Aussaugen, Beißen, Begehren, Lieben, Hassen, Angst und Lust, Macht und Ohnmacht, das zeichnet den Vampirismus aus. Dabei treten Blut, Zähne und der Mundraum auf die Bühne und zeigen im Vampirischen, wie der Kreislauf der Liebe funktioniert; einer Liebe, die über alle Grenzen geht und sogar den Tod zu überwinden sucht.

Das Orale; Die Infektion durch den Liebesbiss

Initialzündung dieser entgrenzten Begegnung ist das Orale. Dabei geht es immer um eine Infektion, denn einer steckt den anderen an. Goethe, Le Fanu und erst recht Bram Stoker haben die oralsadistischen und oral-sexuellen Konnotationen des Vampirismus verstanden, noch vor Sexualwissenschaft und Psychoanalyse. Monogamie, Genderordnung, Familiensinn, das alles wird ausgehebelt und stattdessen eine Welt des Sadomasochistischen und Homosexuellen, eine Welt der androgynen Perversion entfaltet.

In dieser Sendung gehen wir also der Vorstellung nach, an einem weiblichen Biss „vor Lust zu sterben“ und folgen „Carmilla“, der lesbischen Vampirin, die der irische Autor Sheridan Le Fanu 1872 komponiert hat.

Diese Vampirin ist das Sinnbild der Nacht und der Ewigkeit, vor allem das Symbol des Unheimlichen, das Blutspuren der Gier hinterlässt und selbst zwischen Gefühllosigkeit und Hingerissenheit schwankend, eine Frau verführt und in den Tod mitreißen muss.

Ein literarischer Mythos also, der mit der schwarzen Romantisierung der Welt einhergeht und überraschender Weise schon 1797 mit Goethe beginnt. Goethe selbst bezeichnet seine Ballade „Die Braut von Corinth“ sogar ausdrücklich als vampirisches Gedicht : Ein Jüngling bemerkt nicht, dass er gerade Sex mit einer Un-Toten treiben will. Doch erst als er das erfährt, traut er sich schließlich, das leblose Mädchen mit feuriger Rede zu erwecken.

Schwellenexistenz Vampir: nicht lebend, nicht tot

Ist also diese Schwellenexistenz des weiblichen Vampirs, nicht lebend und nicht tot zu sein, also irgendetwas Dazwischen, etwas Komatöses, nur darum so genussvoll, weil diese Variante Frau angstlösend wirkt? Angstlösend für den Mann, der sich ja sonst bedroht fühlt vom Weiblichen? Er könnte ja verschluckt und vernichtet werden im gegenseitigen Begehren, zermalmt von der „vagina dentata“.

Die Kulturwissenschaftlerin Gloria Withalm, sieht die Vampirin, wie überhaupt alle gefährlich verführerischen Frauen in Literatur und Film, als verdichtete Zeichen und deutet mit dem Semiotiker Ferrucio Rossi Landi auf die sozialen Ebenen dieses affirmativen Mythos der Moderne hin.

Die gierige Frau ist die interessante, aber auch oft ausgegrenzte Frau. Ob Hexe, Femme Fatale oder Vampirin. Die Art, wie sie gezeichnet wird, ist basal und grundlegend körperlich.

Die Zeichen, der Körper, die Semiotik

Und dass sogar die Zeichentheorie selbst wie auch die Sprache, mit denen wir die Vampire ausstatten, direkt mit dem Körper und den Körperempfindungen zusammenhängen, ist für die Wissenschaft der Semiotik gar nicht so überraschend. Das zeigen die Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme und Gloria Withalm gleichermaßen.

Die alles beherrschende Farbe in diesem Spiel der Zeichen ist jedenfalls rot: Rote Lippen, Mund, Vagina, Blut. Der orale Effekt, der auf dieses Signal antwortet ist das Saugen und Aussaugen. Es ist der Liebesbiss durch den weiblichen Vampir, er in der Kunst als Angst vor dem Weiblichen gefasst wird; um dann, wenigstens in der Fantasie "vor Lust zu sterben", wie es im Filmtitel (1960) des in Szene gesetzten Romanstoffes "Carmilla" heißt.

Gestaltung: Katrin Mackowski