Fluglotse

APA/DPA/BORIS RÖSSLER

Positionen in der Kunst

Wie verändert Kunst unsere Sicht auf die Welt? Wie interagieren Künstler/innen mit der Welt? Was sind die künstlerischen Ausdrucksformen des 20. und 21. Jahrhunderts?

Die Radiokolleg-Langzeitserie Positionen in der Kunst will Kristallisationspunkte in der Entwicklung der Kunst der letzten 50 Jahre aufzeigen: Momente, in denen sich eine neue Dringlichkeit, mediale Sensibilität oder auch politische Durchschlagskraft auf eine Weise manifestierte, die man bis dato so noch nicht gekannt hatte. Eine Kunst, die traditionelle Genres transzendiert und im intermedialen Diskurs neue ästhetische Sprachen zwischen Sinn und Sinnlosigkeit, zwischen Traum und Trauma zur Debatte stellt.

Irritationen im Netz - Das digitale Duo Ubermorgen

Seit Mitte der Neunziger Jahre sorgt das in Österreich und der Schweiz beheimatete Künstler/innen-Duo Ubermorgen für Irritationen im Netz. Die zuletzt mit dem Austrian Outstanding Artist Award ausgezeichneten Medienkünstler/innnen Hans Bernhard und lizvlx alias Elisabeth Haas verstehen ihre Interventionen auf virtuellem Terrain auch als Fortsetzung eines politischen Aktivismus mit anderen Mitteln.

Mit Christoph Schlingensief realisierten sie 2001 ein digital unterstütztes Resozialisierungs-Projekt für Neonazis, mit ihrer EKMRZ-Trilogie von 2005 präsentierten sie eine Serie von konzeptuellen Hacks, die die Kommerzialisierung des Internets 2.0. anprangern - die Website "GWEI - Google Will Eat Itself" stellt etwa die freundliche Übernahme des Suchmaschinen-Giganten mittels gefakter Online-Inserate in Aussicht.

Neben Netzkunst, Video-Art und Code Poetry hat sich das Kollektiv bislang auch etablierteren Kunstformen zugewandt. Im Rahmen der Langzeit-Aktion "The PsychOS Cycle" erweitert Hans Bernhard seine mentalen Fähigkeiten mithilfe von synthetischen Drogen und knüpft damit an die Traditionen von Wiener Aktionismus und Body-Art an, mit dem am Körper ansetzenden Selbstversuch verbindet sich jedoch auch eine Kritik an einer netzförmig verfassten Gegenwart.

John Bock: Bühne und Versuchslabor

In seinen Installationen und Filmen schafft der deutsche Künstler John Bock rätselhafte Welten, die verstören und faszinieren. Im Salzburg Museum zeigt Bock ab 26. Juli eine Arbeit, die neue Blickachsen auf den "Jedermann" freisetzen soll. Versatzstücke aus Text, Kostüm, Requisite und Bühnenbild verwebt der Künstler zu einer theatralen Inszenierung, die das Phänomen "Jedermann" hinterfragt.

Sprengstoff und bewegte Bilder - Roman Signer

Roman Signer gehört zu den bekanntesten zeitgenössischen Künstlern in der Schweiz. Populär wurde er vor allem durch Arbeiten mit Sprengstoff, die buchstäblich explosive ästhetische Wirkungen entfalteten: Signer ließ unter großer Lärm- und Rauchentwicklung Skulpturen in die Luft fliegen, er tastete sich entlang brennender Zündschnüre durch die Appenzeller Landschaft bis nach Sankt Gallen und er legte für die Aktion "Im steirischen Wald" auf einem Holzlagerplatz eine Doppelspirale aus Bohrlöchern an, die er in einer ziemlich spektakulären Aktion zur Explosion brachte.

Doch Roman Signer ist nicht an der Sprengung per se interessiert, sondern an den Veränderungen, welche die Explosion auslöst. Deshalb lehnt er die Bezeichnung ´Sprengkünstler` ab. Signer verortet sich selbst und seine Kunst in einem erweiterten Skulpturbegriff: Es geht um eine Neudefinition des Mediums, bei dem Zeit, Beschleunigung, Veränderung und Zufallsprozesse Teil des skulpturalen Prozesses werden und so die Möglichkeiten, Erweiterungen, Begrenzungen und Transformationen des Mediums auf neuartige Weise ausloten.

Da die Arbeiten des Künstlers oft vergänglich sind und sich in kurzen Zeitabläufen vollziehen, ist er dazu übergegangen, sie in Fotoserien, Filmen oder Videoaufnahmen zu dokumentieren.

Christoph Schlingensief: Der Universalkünstler

Er gehört zu den prägenden Kunstschaffenden der Nullerjahre und überschritt in seiner Arbeit sämtliche Genregrenzen. Der 1960 in Oberhausen geborene Künstler startete seine Karriere im Undergroundfilm und wurde später zu einem der bedeutendsten Theatermacher seiner Generation.

An der Berliner Volksbühne setzte er neue Akzente, arbeitete mit Laien und baute ein inklusives Ensemble auf, das in bei seinen Kunstaktionen begleitete. In Österreich sorgte er nach der umstrittenen schwarz-blauen Regierungsbildung für Aufsehen, als er im Mai 2000 in Anlehnung an die damals beliebte Fernsehsendung "Big Brother" einen Container mit Asylbewerbern vor der Wiener Staatsoper aufstellen ließ. Die Bewohner wurden gefilmt, die Aufnahmen ins Internet live übertragen. Jeden Tag mussten dann zwei der "Asylwerber" nach einer Internet- und Telefonabstimmung ausscheiden und wurden "abgeschoben".

2004 inszenierte Schlingensief den "Parsifal" in Bayreuth. 2011 wurde er posthum mit dem Goldenen Löwen bei der Kunstbiennale in Venedig ausgezeichnet. Schlingensief galt als einer der umstrittensten Vertreter des deutschsprachigen Kulturbetriebs.

Gestaltung: Thomas Mießgang und Christine Scheucher