Ein Mann geht durch Mali

ELISA ODDONE

Ö1 Feature von Franziska Dorau gewinnt CIVIS Audio Award

Die Ö1 Journalistin Franziska Dorau wurde beim heute (2. Oktober) verliehenen CIVIS Medienpreis für Integration und kulturelle Vielfalt in Europa für ihr Feature „Der Tod des Soumayla Sacko“ mit dem CIVIS Audio Award in der Kategorie „Lange Programme“ ausgezeichnet. Ö1 wiederholt die prämierte Produktion am Samstag, den 10. Oktober um 9.05 Uhr in den „Hörbildern“.

Die Jury begründete ihre Wahl von „Der Tod des Soumayla Sacko. Erntearbeiter, Gewerkschafter, Afrikaner in Kalabrien.“ so: „Eine außerordentlich sorgfältig recherchierte, durchgehend informative aber nie belehrende, ganz und gar fesselnde Geschichte über Sklaverei mitten in Europa. Empathisch und doch unaufgeregt erzählt, voller ungewöhnlich offener, bestürzender O-Töne, handwerklich perfekt produziert.“

Der CIVIS Medienpreis gehört zu den wichtigsten Auszeichnungen in Europas Medienlandschaft: Jedes Jahr werden die besten Beiträge zu den Themen Integration und kulturelle Vielfalt aus den Sparten Film, Fernsehen, Radio, Internet und Kino prämiert. Über 900 Programme aus 22 EU-Staaten und der Schweiz nahmen am Wettbewerb 2020 teil.

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Franziska Sophie Dorau berichtet uns heute u.a. wie sie zu ihrem Feature 🔴Hörbilder: Der Tod des Soumayla Sacko🔴 inspiriert wurde. ➡️Die Idee zu dieser Sendung hatte ich, als ich in einer italienischen Tageszeitung einen Artikel über den Mord an Soumayla Sacko gelesen habe und ich begann, mich eingehend mit den (in deutschsprachigen Medien wenig thematisierten) Lebens- und Arbeitsbedingungen von Erntehelfern in #Italien auseinanderzusetzen. Zur Recherchereise nach #Kalabrien brach ich sehr spontan auf, nachdem ich erfahren hatte, dass die Gewerkschaft Unione sindacale di base zum Gedenken an Soumayla Sacko eine große Demonstration in Reggio Calabria plante, die ich nicht verpassen wollte. ➡️Die größte Herausforderung war, mich als alleinreisende #Journalistin in Kalabrien zu bewegen, zumal mein Thema - die #Ghettoisierung und de facto Versklavung von ausländischen Erntearbeitern - eng mit der kalabrischen Mafia, der N´drangheta, verknüpft ist. Zu Beginn meiner Reise war es für mich schwierig, einzuschätzen, wem ich vertrauen konnte und wie ich die Erntearbeiter, zum Beispiel auf der Straße, ansprechen konnte, ohne sie in Schwierigkeiten zu bringen. Die der N´drangheta angehörenden Caporali, welche die Arbeiter rekrutieren, sehen es nicht gerne, wenn diese mit JournalistInnen sprechen - und die Konsequenzen einer Übertretung der ungeschriebenen, mafiösen Gesetze waren für mich nicht eindeutig absehbar. ➡️Für die Zukunft wünsche ich mir, dass #Soumayla #Sacko und seine Angehörigen #Wahrheit und #Gerechtigkeit erfahren. Dass Arbeits- und Menschenrechte in der EU ausnahmslos geltend gemacht werden. Dass die Industrienationen als Verursacher des menschengemachten Klimawandels sich ihrer Verantwortung für die Millionen von Klimaflüchtlingen stellen werden, die in den kommenden Jahrzehnten die Überfahrt nach Europa antreten werden, wie Soumayla Sacko es getan hat. #civis2020 @orf @orfdrei @oe1

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Der Tod des Soumayla Sacko

In Mali war Soumayla Sacko Landwirt. Er verließ seine Heimat 2015, weil der Klimawandel seine Lebensgrundlage zunichtemachte. Nach einer Reise durch die Wüste und über das Mittelmeer gelangt er nach Kalabrien, wo er drei Jahre lang in der „Baraccopoli“ von Rosarno lebt, einem Slum, der während der Erntezeit der Zitrusfrüchte bis zu 4.000 Menschen beherbergt - vorwiegend schwarzafrikanische Männer. Für zwei bis drei Euro Stundenlohn pflückt Sacko in den umliegenden Hainen Orangen und Mandarinen.

Am 2. Juni 2018 geht Soumayla Sacko mit seinen Freunden, Drame Madiheri und Fofona Madoufane, in eine nahegelegene, stillgelegte Fabrik. Sie wollen dort ein paar alte Wellbleche abmontieren, um in der „Baraccopoli“ eine neue Baracke zu bauen. Was die drei jungen Männer aus Mali bei ihrem Aufbruch nicht wissen, ist, dass die Fabrik „La Fornace“ 2008 konfisziert wurde, weil dort 135.000 Tonnen Giftmüll illegal entsorgt wurden. Und dass jene, die dafür verantwortlich waren, es nicht gerne sehen, wenn jemand das Gelände betritt. Nachdem sie etwa eine Stunde gearbeitet haben, fährt ein Mann in einem weißen Fiat Panda vor und schießt aus einem Jagdgewehr auf sie. Er tötet Soumayla Sacko durch einen Kopfschuss. Soumayla war nicht nur Erntearbeiter. Er war auch ein sehr aktives und geschätztes Mitglied der Gewerkschaft USB, „Unione sindacale di base“, die sich für die Rechte der Saisonarbeiter in Italien einsetzt. Das Feature begleitet seine Kollegen bei ihrem Versuch, Wahrheit und Gerechtigkeit für ihn zu erwirken.