Kabbalah-Buch

AFP/GALI TIBBON

Tao - aus den Religionen der Welt

Die Kabbala - Die mystische Tradition des Judentums

Die Ö1 Sendereihe TAO widmet der Mystik in den Religionen eine vierteilige Reihe, die je eine religiöse Tradition in den Mittelpunkt rückt: Judentum, Christentum, Islam, indische Religionen. Den Beginn macht die Kabbala, die jüdische Mystik.

Von vielen als schillerndes Phänomen, als mysteriöse Geheimlehre wahrgenommen, stellt sie eine Säule der jüdischen Kultur und Religion dar: die Kabbala, die jüdische Mystik. Doch was Kabbala ist, wie alt sie ist, wer sie studieren darf oder soll, darüber scheiden sich die Geister.

Die kabbalistischen Lehren sind durchaus komplex und gerade deshalb mit Vorsicht zu genießen, meint die Judaistin und jüdische Religionslehrerin Ruth Winkler: „Kabbala ist ein Sammelbegriff für verschiedene Traditionen, Bücher, Überlieferungen. Die Gelehrten, die das überliefern, haben es irgendwann einmal empfangen. Ursprünglich ist die Kabbala Teil der Torah, die am Berg Sinai gegeben wurde, aber nicht alle Menschen kannten sie. Nur jene, die ein so hohes spirituelles Niveau hatten, dass sie diese Überlieferung erkennen konnten, weil sie etwa eine göttliche Eingebung hatten.“

„Wie so oft in der Mystik, geht es um die Vereinigung der Seele mit dem Göttlichen.“

Seit Jahrzehnten setzt sie sich mit den Lehren der Kabbala auseinander, studiert sie, versucht echte Einblicke zu erlangen. Kann sie also Auskunft geben, worum es in der Kabbala im Grunde geht? „Ein wesentliches Element ist sicher die Beschäftigung damit, wie Gott die Welt führt und wie er die Welt erschaffen hat. Wie hat Gott die Welt geformt und wie ist unsere Position als Menschen, als jüdische Menschen in der Welt. Mitunter beschäftigt sich Kabbala auch damit, wie sich die Seele zum Körper verhält und wie zum Göttlichen.“

ORF-CD 823
CD & Download & Streaming
Spieldauer: 79 Min.

Der Judaist Klaus Davidowicz ist einer der renommiertesten Kabbala-Forscher im deutschsprachigen Raum. Er erklärt die Kernlehre der Kabbala so: „Es ist eine Erweiterung der jüdischen Tradition: Ganz normale Gebete werden mit einer Ausrichtung auf Gott verbunden, die hin zu einer Vereinigung mit Gott führe soll. Das heißt, man spricht sein Gebet und versucht, seine Seele dabei auszurichten, eine Meditation zu machen, um aufzusteigen in die göttlichen Welten, im besten Fall. Wie so oft in der Mystik, geht es um die Vereinigung der Seele mit dem Göttlichen.“

Alle menschlichen Seelen haben gemäß der Kabbala ihren Ursprung in Gott, im Göttlichen, und jede Seele selbst ist demnach ein göttlicher Funke. Ruth Winkler erklärt dazu: „Im Schöpfungsbericht heißt es, dass Gott, als er den Menschen schuf, ihm die Seele einhauchte, er blies sie hinein. Und das wird so interpretiert, dass ein bisschen etwas von Gott, ein Stück göttlicher Atem, in die menschliche Seele hineingekommen ist.“

Die Wurzeln der Kabbala

Vertreter dieser mystischen Strömung - über Jahrhunderte waren nur Männer zum Studium der Kabbala zugelassen - verorten ihre Wurzeln in der Antike oder gar beim biblischen Adam, dem ersten Menschen, dem sie schon offenbart worden sein soll. Die Wissenschaft sieht das anders – und so gehen auch bei der Datierung der Schriften die Meinungen auseinander, für Kabbalisten sind sie aus der rabbinischen Epoche oder noch älter.

Laut Gershom Scholem, dem Begründer der wissenschaftlichen Erforschung der Kabbala, wird die Kabbala erst ab circa 1200 fassbar. Ihre Anfänge liegen demnach also im Mittelalter in Südfrankreich, in der Provence. Dort gab es große rabbinische Persönlichkeiten, die sich in den Talmud-Akademien mit der jüdischen Tradition beschäftigt haben.

„Sie alle lebten an einem Schnittpunkt der Zeit: Wir haben auf der einen Seite Ketzerströmungen wie die Katharer im Christentum. Dann haben wir die Übersetzungen ins Hebräische der arabisch geschriebenen jüdisch-philosophischen Texte aus Spanien. Dann gab es typisch mittelalterliche Bewegungen wie die sogenannten Abgesonderten, die eine Art jüdisches Mönchstum lebten und die älteren Texte der jüdischen Mystik wie jene über Himmelsreisen bearbeiteten“, so Klaus Davidowicz.

„Lurianische Kabbala“ und Chassidismus

Die zentralen kabbalistischen Texte wie der "Zohar" wurden in Deutschland, Frankreich und Spanien geschrieben bzw. dort endgültig redigiert. Mit der Vertreibung der Juden aus Spanien 1492 verlagerte sich das Zentrum der Kabbala auf das Gebiet des heutigen Israel, in Sfat wurde eine neue mystische Schule gegründet, die sogenannte „lurianische Kabbala“ nach Isaak Luria. Im 18. Jahrhundert in Osteuropa hat sich daraus eine neue, bedeutende Strömung entwickelt, der Chassidismus. Die Chassidim, übersetzt die Frommen, führen sich auf Israel ben Elieser zurück, einen Rabbi, um dessen Leben sich viele Legenden ranken. Er soll Wunder getan und Dämonen ausgetrieben haben. Klaus Davidowicz beschreibt den Chassidismus als eine Art popularisierte Volksmystik.

Immer gab es aber auch Strömungen, die die Kabbala "sehr praktisch" interpretierten und mitunter magische Praktiken anwandten. Talismane, Haussegensschilder als Glücksbringer, Amulette und anderes war lange en vogue - und: „das ist nicht ausgestorben, das gibt es noch. Aber es ist heute wohl nicht mehr so modern wie im 18. Jahrhundert. Für solche Dinge braucht es die Kabbala nicht unbedingt, aber es ist richtig, dass sich manche Leute dafür immer wieder auch kabbalistischer Quellen bedient haben“, schildert Ruth Winkler.

Ultraorthodoxer Jude in Safed, Israel

Die Stadt Safed war lange Zeit geistiges Zentrum der Kabbala.

AP/DAN BALILTY

Bedeutung im Laufe der Zeit gesunken

Heute hat die Kabbala nicht mehr den gleichen hohen Stellenwert wie im ausgehenden Mittelalter. Nur in einigen wenigen Lehrhäusern und in manchen Strömungen, wie eben im Chassidismus, wird sie weiterhin gepflegt. Populäre Phänomene wie das internationale Kabbalah Center der Familie Berg werden von vielen Jüdinnen und Juden skeptisch betrachtet.

Auch im christlichen Spektrum haben bestimmte Strömungen kabbalistische Elemente aufgegriffen. Und die moderne Esoterik bezieht sich ebenfalls immer wieder auf die vermeintlich "magischen" Lehren und Symbole. Ganz abseits davon hinterlässt die mystische Tradition des Judentums seit Jahrhunderten auch in Kunst und Kultur ihre Spuren. Die kabbalistischen Lehren seien Teil des jüdischen Erbes Europas, sagt der Judaist Klaus Davidowicz.

Gestaltung

Übersicht