Metaverse, Metaversum, Gucci-Werbung

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Salzburger Nachtstudio

Beziehungen als Triple-Rating?

Bereits Aristoteles sprach von einer „Nutzenfreundschaft“. Demnach gehen Menschen Beziehungen ein, um daraus einen gewissen Vorteil zu ziehen. Dieser kann durchaus beiderseitig sein. Fällt der Nutzen weg, ist die Freundschaft allerdings meist auch Geschichte. In Zeiten von digitalen Freundschaftsplattformen und Dating-Portalen, wo Beziehungen jeder Art via Wisch gefunden und auch wieder beendet werden, ganz bequem von der Couch aus, bekommt dies noch eine neue Dimension.

Apropos neue Dimension: Konzerne wie Facebook arbeiten derzeit emsig an einer „neuen Form des mobilen Internets“. Ihr Name: Metaversum. In diesem Metaversum sollen sich Menschen künftig nur mehr virtuell begegnen. Sei es zum Rendezvous, zum Geschäftsessen oder zum Feierabendbier.

Nur dass Liebende dann eben ihre digitalen Ersatzkörper - Avatare genannt - zum Kuss ansetzen lassen. Nur dass Kolleginnen und Kollegen allein in ihren Homeoffices sitzen. Nur dass Kameradinnen und Kameraden sich kilometerweit voneinander entfernt „Prost“ zurufen. Und während der eine schon trinkt, ist die Nächste bildhaft eingefroren und der Dritte in einer Dauerschleife des „Proooooo“ gefangen. Internetverbindung sei Dank.

Metaversum-Erfahrung, Virtuelle Realität

APA/PATRICK T. FALLON

Leben in und mit digitalen Ersatzkörpern

Bis 2030 sollen eine Milliarde Menschen auf diese Art zu Avataren werden. Diese geplante Revolution hat Vor- und Nachteile. Menschen können sich per Knopfdruck miteinander vernetzen und interagieren. Dabei sind ihnen keinerlei physische Grenzen gesetzt. Gleichzeitig verleiht genau diese Physis Beziehungen erst ihre Stabilität und auch Qualität. Direkte Berührungen sind sowohl für unser Wohlempfinden als auch unsere Gesundheit überlebensnotwendig. Außerdem: Wer sagt mir, dass mich da gerade meine Chefin aus dem Avatarkörper heraus anlächelt und nicht irgendein Betrüger?

Ready Player One (USA 2018), Regie: Steven Spielberg

Ready Player One (USA 2018), Regie: Steven Spielberg

ORF/WARNER BROS.

Wie ist dein Rating?

An der Börse wurde das „Metaversum“ aber auf jeden Fall gefeiert. Im Finanzsektor bestimmen Bonitätseinschätzungen von Ratingagenturen über Ruf und damit auch Erfolg der Marktteilnehmer. Unternehmen wie Staaten sind dann im besten Fall „Triple As“, also „zuverlässige und stabile Schuldner“, im schlechtesten Fall „Ds“, sprich Hochrisikofälle im Sinne eines möglichen Zahlungsausfalls.

In Zeiten eines neuartigen Virus bekommt die Risikoeinschätzung des Gegenübers auch im täglichen Miteinander noch mehr Brisanz. Physische Begegnungen finden zunehmend unter dem Aspekt der viruslastigen Gefahreneinstufung statt - oder eben auch nicht. Der Gedanke „Könnte mein Sitznachbar Corona haben?“ begleitet uns durch den Alltag. Man kann ihn nur selten ausblenden, man kann sich ihm kaum entziehen, wird man doch bei jedem Restaurantbesuch, am Arbeitsplatz, im Fitnesscenter, beim Friseur und neuerdings auch auf der Straße jederzeit nach seinem Drei-, Zweieinhalb-, Zwei-, Zwei-plus - kurz nach seinem G-Status gefragt.

Begegnungen werden zur Kalkulation

An der Börse gibt es Ratings von AAA bis D, in der Covid-19-Pandemie Grüne-Pass-Zertifikate samt Zahlen- Countdown. Ein Zusammentreffen verschiedener Gs wird allein schon durch die verordneten Maßnahmen immer schwieriger.

Aber auch schon vor der Pandemie hat der Tag nur 24 Stunden gehabt. Ohne Rücksicht darauf darf in Österreich seit 2018 pro Woche bis zu 60 Stunden gearbeitet werden. Zeit wird immer mehr zur Mangelware, Begegnungen zur Kalkulation.

Ist der Kapitalismus in unser Beziehungsgeflecht vorgedrungen? Verkommt der zwischenmenschliche Kontakt mehr und mehr zu Triple-Ratings?

Gestaltung: Daphne Hruby