Leïla Slimani

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Tonspuren

Die Autorin Leïla Slimani

Die Schriftstellerin, die zum Popstar wurde.

Leïla Slimani wird 2016 für ihren Roman "Dann schlaf auch Du" mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Da ist sie 35 Jahre alt. Der Roman spielt im linksliberalen Milieu in Paris, im lebendigen, weltoffenen zehnten Arrondissement. Dort leben Paul und Myriam mit ihren beiden Kindern. Sie finden die perfekte Kinderfrau: Louise, die Stück für Stück Wohnung, Haus und Kinderherzen erobert, unabkömmlich wird. Und dann wird sie zur Mörderin, tötet ihre kleinen Schützlinge.

Leïla Slimani mutet ihren Leser:innen viel zu. Sie rührt an Urängste. Der Roman wird ein Riesenerfolg. Er wird allein in Frankreich mehr als eine Million Mal verkauft und in 40 Sprachen übersetzt. In Paris kann Slimani sich kaum noch auf die Straße wagen, so groß ist der Hype um sie. Der Rummel ist seitdem nicht weniger geworden. Denn all ihre Bücher sind Bestseller. Heute lebt sie in Lissabon.

Stimmen der einfachen Frauen

Slimani gilt als eine der wichtigsten Stimmen Frankreichs. Der französische Präsident, Emmanuel Macron, wollte sie zur Kultusministerin machen - doch sie lehnte ab. Slimani fühlte sich nicht kompetent. Sie will ihre Stimme den einfachen Frauen geben, jenen, deren Geschichten sonst nie erzählt würden.

Etwa ihrer französischen Großmutter, die als junge Frau der Liebe wegen mit einem marokkanischen Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg nach Marokko ging ("Das Land der Anderen"), oder ihrer Mutter, die für ein freies Leben in Marokko kämpft ("Schaut, wie wir tanzen"), oder der sexsüchtigen Arztfrau Adele ("All das zu verlieren"), oder eben dem mordenden Kindermädchen Louise. Slimani interessiert sich für die düsteren, die obskuren Seiten der Menschen, die Abgründe. Ihre Romane sind spannend und schockierend, klug komponiert. Stets wahrt sie die Distanz zu ihren Protagonist:innen, urteilt nicht.

Egoistin sein dürfen

Sie hat sich nie ein schlechtes Gewissen einreden lassen, weil sie sich viel Zeit zum Schreiben nimmt und manchmal zu wenig Zeit für die Familie, die beiden Kinder hat. Sie habe, so sagt sie, ihren inneren Engel getötet - also frei nach Virginia Woolf das, was in allen Frauen steckt, dieser Wille, angenehm zu sein, versöhnlich, sanft, die Frau zu sein, die eine Art Engel im Inneren des Hauses ist, die nie verärgert ist, die immer versuchen wird, die Dinge in Ordnung zu bringen. Und nachdem sie diesen inneren Engel erdrosselt hat, merkte sie, dass sie deswegen nicht weniger respektiert und geliebt wird.

Ein großes Thema in ihren Romanen ist die weibliche Sexualität. Diese hat bei ihr auch eine politische Dimension, die Unterdrückung, die Tatsache, dass noch lang nicht alle Frauen frei über ihren eigenen Körper bestimmen können. Slimani sieht sich als Existenzialistin in der Tradition von Simone de Beauvoir und Albert Camus. Nichts sei naturgegeben, jede und jeder habe die Freiheit, das Leben selbst zu gestalten. Sie möchte unabhängig sein, keiner Gruppe zugehören. Sie möchte in ihrem Zimmer am Schreibtisch sitzen und eine Egoistin sein dürfen.

Gestaltung

  • Simone Hamm