Vorbeifahrende U-Bahn

APA/AFP/YURI KADOBNOV

"Ex libris"-Besprechungen

Das Literaturmagazin "Ex libris" bringt Neues aus der Welt der Literatur - Neuerscheinungen, Kritiken, Texte sowie Autor/innen im Porträt.

Martyna Bunda: "Das Glück der kalten Jahre"

Entgiftung wird in der Psychologie auch Resilienz genannt - diese Fähigkeit, das Gift negativer Erfahrungen effektiv abzubauen, Schicksalsschläge wegzustecken, positiv zu denken. Martyna Bunda, 1975 in Danzig geborene Journalistin und Autorin, erforscht in ihrem Debütroman die Heilbarkeit historischer Wunden. Auf mehr als 300 Seiten verarbeitet sie in "Das Glück der kalten Jahre" die Geschichte Polens im 20. Jahrhundert und die ist bekanntlich reich an Traumatisierungen. Vier starke Frauen stellt sie in den Mittelpunkt, autonome Heldinnen der Empfindsamkeit; eine deutliche Unterwanderung des Familienideals der nationalkonservativen polnischen Regierung.

Martyna Bunda, "Das Glück der kalten Jahre", Roman, Übersetzung: Bernhard Hartmann, Suhrkamp Verlag

Günter Kaindlstorfer

Carla Maliandi: "Das deutsche Zimmer"

Zweisprachig aufzuwachsen ist auch ein Privileg, das in Krisenzeiten hilfreich sein kann, die Suche nach dem eigenen Wollen und Wünschen erfolgreich zu gestalten. Man wechselt Sprache und damit das Ich. Die argentinische Autorin und Theaterregisseurin Carla Maliandi lässt die Protagonistin in ihrem Debütroman "Das deutsche Zimmer" den Kontinent wechseln. Von Buenos Aires nach Heidelberg. Sie ist schwanger und sich nicht sicher, wer Vater des Kindes ist. In Heidelberg mietet sie sich unter dem Vorwand, ein Studium absolvieren zu wollen, in einem Studentenwohnheim ein und freundet sich mit Shanice Takahashi an, einer Studentin aus Japan. Doch schon bald, nach einem Karaokeabend, begeht Shanice Selbstmord.

Carla Maliandi, "Das deutsche Zimmer", Roman, Übersetzung: Peter Kultzen, Berenberg Verlag

Carsten Hueck

Andrew Ridker: "Die Altruisten"

Der US-amerikanische Shootingstar Andrew Ridker setzt sich in seinem Debütroman "Die Altruisten" mit einer Familie auseinander, die sich entfremdet hat, weil jeder für sich am Ziel der Aufopferung und Selbstlosigkeit vorbeischrammt. Mit nur 25 Jahren legte er 2015 eine Familiensaga vor, die mittlerweile ins Deutsche übertragen wurde. An Tragikomik und Ironie lässt es der Autor nicht mangeln. Wenn etwa Ethan Alter, der verkorkste Sohn in dieser Geschichte, einmal lapidar feststellt: Ein Katholik fühle sich schuldig, wenn er Gott enttäuscht. Ein Jude, wenn er seine Eltern enttäuscht. Und um Fehler, Schuld und das Generationengemetzel, um die Neurosen der Babyboomer und der Millennials geht es in diesem Werk rund um eine durchschnittlich dysfunktionale Familie: Wie wird man denn ein guter, moralisch solider Vertreter unserer Gesellschaft, dem der Applaus der Mit- und Gutmenschen sicher ist?

Andrew Ridker, "Die Altruisten", Roman, Übersetzung: Thomas Gunkel, Penguin Verlag

Julia Polczer

Felix Philipp Ingold: "Endnoten"

Ein Plädoyer für die Kunst des Lesens hat der Schweizer Schriftsteller, Publizist und Geisteswissenschaftler Felix Philipp Ingold vorgelegt mit seiner Textsammlung "Endnoten: Versprengte Lebens- und Lesespäne". Es ist der Abschluss einer Werkreihe, die der Übersetzer und Slawist vor fast vier Jahrzehnten begann und deren Gesamtumfang mittlerweile einige tausend Seiten umfasst. Tages- und Nachtnotizen zu Literatur und Kunst, Lesefrüchte und tagebuchartige Eintragungen über morgendliche Spaziergänge durch das Schweizer Dorf an der französischen Grenze, in dem Ingold seit seiner Emeritierung als Sankt Gallener Professor den Großteil seiner Zeit verbringt.

Felix Philipp Ingold, "Endnoten - Versprengte Lebens- und Lesespäne", Ritter Verlag

Erich Klein

Jugendbuch von Susan Kreller: "Elektrische Fische"

"Ich bin in einem Deutsch gelandet, in dem ich mich immer wieder verlaufe." Als ihre Mutter nach der Trennung vom Vater mit den Kindern zurück nach Deutschland zieht, ist es nicht nur die Sprache, in der sich Emma, wiewohl in Dublin zweisprachig aufgewachsen, verloren fühlt. - Susan Kreller, die über deutsche Übersetzungen englischsprachiger Kinderlyrik promoviert hat, setzt sich seit Jahren mit den Implikationen von Sprache auseinander - eine feste Basis, auf der sich ihr neuer Jugendroman sicher und leicht bewegt. Er handelt von Menschen, die ihr Zuhause verloren haben. Von Erwachsenen, die es freiwillig hinter sich lassen. Oder von jungen Menschen, die im nicht örtlichen Sinn heimatlos werden, wenn die Familie auseinanderbricht. Außergewöhnliche sprachliche Präzision und Tiefe, hohe Empathie mit den Figuren ohne Schuldzuweisungen, dichte Spannung durch den Plotmotor der geplanten Flucht - "Elektrische Fische" ist einer der Höhepunkte der aktuellen jugendliterarischen Saison.

Susan Kreller, "Elektrische Fische", Hamburg: Carlsen

Annette Kolb

FISCHERVERLAGE

Annette Kolb: "Ich hätte dir noch so viel zu erzählen"

Cornelia Michél, Großnichte der Autorin, hat gemeinsam mit dem Schweizer Germanisten Albert Debrunner den umfangreichen Nachlass von Annette Kolb mit Tausenden von Briefen gesichtet und unter dem Titel "Ich hätte dir noch so viel zu erzählen" nun jene ediert, die an Schriftstellerinnen und Schriftsteller gerichtet waren. Sie erstrecken sich über sechs Jahrzehnte - von 1906 bis 1967, Kolbs Todesjahr. Der Band versammelt Briefe an Rolland, Rilke und Hofmannsthal, an Tucholsky und Zuckmayer, an Klaus, Erika und Thomas Mann, an Carl Jacob Burckhardt und Erich Kästner. Hermann Hesse fragt sie, ob er sich nicht neben ihrem Häuschen im Schwarzwald niederlassen möchte, Gerhart Hauptmann schickt sie einen ihrer Artikel, mit Berta Zuckerkandl bespricht sie ein Übersetzungsprojekt und gegenüber Thomas Mann echauffiert sie sich darüber, was die Nazis "an Österreich verbrochen" hätten. Es geht um Buchprojekte, Verlagskontakte und Lektüren, um Verabredungen, Reise- und Exilpläne, um gesundheitliche Probleme, Geldsorgen, Schicksalsschläge und immer wieder um das Zeitgeschehen.

Annette Kolb, "Ich hätte dir noch so viel zu erzählen": Briefe an Schriftstellerinnen und Schriftsteller, S. Fischer Verlag

Wolfgang Seibel

Paul Nizon: "Canto"

1963 gelang Paul Nizon mit dem Prosatext "Canto" der Durchbruch, ohne seither je ein Autor für ein breites Publikum geworden zu sein. Zum 90. Geburtstag Paul Nizons hat der Suhrkamp eine Neuauflage von "Canto" herausgebracht. Und das Erstaunliche ist, dass man dem Text nicht seine 56 Jahre anmerkt. "Canto" hat an seiner Wortmächtigkeit und seiner eigenwilligen Sinnenhaftigkeit nichts eingebüßt. "Canto" ist einfach Sprachkunst. Allerdings ist Paul Nizon mit "Canto" und auch mit seinen anderen Prosatexten der ganz große Durchbruch bislang versagt geblieben. Österreich hat sich dabei nichts vorzuwerfen. Denn 2010 erhielt Nizon den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur.

Paul Nizon, "Canto", Suhrkamp Verlag

Andreas Puff-Trojan

Botho Strauß: "zu oft umsonst gelächelt"

Als Botho Strauß Ende der 1970er Jahre Stücke wie Prosa schreibend auf den Plan trat, waren alle Verdikte über den Epochenbruch der Deutschen Geschichte und deren ästhetische Umsetzung ausgereizt: Es war, als sollte, als könnte, ja müsste jetzt noch einmal von Neuem begonnen werden. Der Erzähler Strauß tat dies nach kurzen zögerlichen Anfängen sogleich mit eleganter Larmoyanz und Verve. Die großen Fragen ins Kleine verpackt und mit unübersehbarer Meisterschaft im Verfassen von Miniszene und Dialogen, die Grenze zum absurden immer spürbar, doch ohne den Ballast aller politischen - sogenannter engagierter - Rede. Die zirka dreihundert Prosastücke von "zu oft umsonst gelächelt" halten sich an dieses Rezept: Text- und Erzählsplitter, die sich bisweilen zu mehrseitigen kurzen Erzählungen zusammenfügen.

Botho Strauß: "zu oft umsonst gelächelt", Hanser Verlag; "Saul", Rowohlt Verlag

Erich Klein

Christoph W. Bauer: "Niemandskinder"

Paris war die Befreiung aus der Enge Tirols, in Paris wandelte der junge Mann in den 1990er Jahren romantisierend auf den Spuren seiner Dichter und schrieb selbst Gedichte, und in Paris fand er seine unvergessliche Liebe, die aus Marokko stammende Samira. Als sie sich von ihm trennen wollte, ist er zurück nach Innsbruck geflohen. Eineinhalb Jahrzehnte später kommt dieser Mann wieder nach Paris, er hat seine Lyrik aufgegeben, jetzt ist er Historiker und forscht vor allem über die sogenannten Niemandskinder in Tirol. Diese Bezeichnung ist titelgebend für den neuen Roman von Christoph W. Bauer und meint die Kinder jener marokkanischen Soldaten, die zu Kriegsende mit der französischen Armee nach Tirol kamen und dann sehr bald durch weiße Franzosen ersetzt wurden. Der Roman hat ein spezifisches Thema, das einen immer wieder in Erstaunen versetzt. Aber noch mehr beeindruckt, wie es erzählt wird. Da ist zum einen die komplexe Überblendung der Zeitebenen. Man mag da beim Lesen gelegentlich etwas durcheinanderkommen, aber gerade so zeigt der Roman "Niemandskinder" wie kaum ein anderes Erzählkunstwerk der letzten Jahre, wie Erinnerung funktioniert, wie man durch ein aufblitzendes Detail hinauskatapultiert wird aus der Gegenwart und sich plötzlich ohne jede Distanz in einer Situation der Vergangenheit befindet.

Christoph W. Bauer, "Niemandskinder", Roman, Haymon Verlag

Cornelius Hell

Zugvögel

DPA/PATRICK PLEUL

Elizabeth Harrower: "Die Träume der anderen"

1957, im Alter von 23 Jahren, veröffentlichte die Australierin Elizabeth Harrower ihren ersten Roman "Down in the City" in England, kehrte dann nach Sidney zurück und verfasste vier weitere Romane, bevor sie nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter 1970 das Schreiben einstellte. Jahrzehnte später vom kleinen Melbourner Verlag "Text Publishing" wiederentdeckt, erlebte die heute fast 92-jährige Autorin einen späten internationalen Durchbruch. Ihre Texte kreisen um Klasse, Gender und Macht, so auch ihr Meisterwerk, der erstmals 1966 erschienene Roman "The Watch Tower", der unter dem Titel "Die Träume der anderen", übersetzt von Alissa Walser, jetzt im Aufbau Verlag vorliegt. Dabei handelt es sich um einen schlüssig durchkonstruierten Roman über die australische Kriegs- und Nachkriegsgesellschaft, über Machtmissbrauch - und über Empathie.

Elizabeth Harrower, "Die Träume der anderen", Roman, Übersetzung: Alissa Walser, Aufbau Verlag

Gudrun Hamböck

John Burnside: "Über Liebe und Magie"

"Über Liebe und Magie" ist der dritte autobiografische Roman von John Burnside, einem der renommiertesten schottischen Schriftsteller und Lyriker der Gegenwart. Und der Untertitel "I put a spell on you" verrät es bereits - die Lebenserinnerungen sind diesmal eng mit Musik verbunden. Mit "I put a spell on you" - in der Version von Nina Simone - und mit der heimlichen Liebe zu seiner älteren Cousine fängt Burnsides Geschichte über die Liebe an, mit "Its the same old song" von den Four Tops hört sie auf. Der Autor mäandert dabei auf kurzweilige, zugleich tief melancholisch - poetische Weise durch sein Leben. Er setzt sich immer mal wieder hin und betrachtet die Landschaft, er schaut durch fremde Fenster und macht sich Gedanken darüber, warum "sich verirren ein Augenblick des Glücks" ist. Mit ihm kann das Herumirren jedenfalls eine große Freude sein.

John Burnside, "Über Liebe und Magie", Übersetzung: Bernhard Robben, Penguin Verlag

Annie Ernaux: "Eine Frau"

Eine Frau lebt, bekommt Kinder, arbeitet und spiegelt mit ihrer Arbeit das Jahrhundert und die Zeit, in denen sie lebt. Dann stirbt sie. Und dazwischen ereignet sich viel auf die immer gleiche Weise, bevor ihr Gedächtnis sie im Stich lässt und sie von einer Krankheit bestimmt und niedergestreckt wird, die wir heute unter dem Namen Alzheimer kennen. Annie Ernaux erzählt ohne irgendeine Sentimentalität die Geschichte ihrer Mutter, die um die Jahrhundertwende in der Normandie zur Welt kam. Dreizehn Tage nach ihrem Tod beginnt sie das Buch zu schreiben, Jahrzehnte später erscheint es nun in der klaren und schönen Übersetzung von Sonja Finck im Suhrkamp Verlag. Annie Ernaux, die mit ihren Büchern lange vor ihrer Entdeckung im deutschen Sprachraum, schon eine Kultautorin und stilprägend in Frankreich war, geht sparsam mit Gefühlen um. Auf 88 Seiten hat die Autorin beides vollbracht: Ein Jahrhundert auf dichtesten Raum gebannt und ein Leben zu beschreiben, in dem die Stimme, die Worte, die Hände, die Gesten, der Gang und der Klang eines Menschen den Tod im eigenen Gedächtnis überdauern, weil die Tochter sagen kann: "Ich habe die letzte Brücke zur der Welt, aus der ich stamme, verloren."

Annie Ernaux, "Eine Frau", übersetzt von Sonja Finck, Suhrkamp Verlag

Marica Bodrozic

Clarice Lispector: "Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau"

Was hat man ihr nicht alles angedichtet: Clarice Lispector, so jubelten Kritik und Leser, sei die brasilianische Antwort auf Kafka, Joyce und Virginia Woolf, sie sei sogar besser als Jorge Luis Borges, der Säulenheilige der südamerikanischen Literatur.1925 wurde Clarice Lispector in der Ukraine geboren. Die jüdischen Eltern emigrierten bald darauf nach Brasilien. Dort, das heißt eigentlich in ganz Lateinamerika ist die russisch-jüdische Autorin eine Ikone. Sie starb 1977 in Rio de Janeiro. Ihr Porträt ziert heute Briefmarken. Luxuseigentumswohnungen werden mit ihrem Namen beworben und in der U-Bahn kann man ihre Werke an Automaten erstehen. Eine Autorin, die den Sprung in die literarische Moderne mit ihrer bildhaften Sprache vollzog, die in ihren Geschichten "das Unwirkliche des Wirklichen" auslotet und fühlbar macht. "Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau" ist die erste einer auf zwei Bände angelegten Sammlung der Erzählungen. Sie wird zur Einladung, die schöpferische Entwicklung Lispectors durch mehrere Schaffensphasen hindurch zu verfolgen.

Clarice Lispector, "Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau", Übersetzung: Luis Ruby, Penguin Verlag

Susanne Schaber

Dino Buzzati: "Die Tatarenwüste"

Was bedeutet es denn, den Tag zu nützen und so intensiv oder so erfüllt wie möglich zu leben? Auch Giovanni Drogo, die Hauptfigur in Dino Buzzattis Roman, stellt sich diese Frage, zweifelt aber nicht daran, dass er die Antwort schon bald finden wird. Zu Beginn des Romans fühlt er sich nach freudlosen Jahren an der Militärakademie endlich am Beginn seines wirklichen Lebens angelangt, das er in vollen Zügen auszukosten gedenkt. Als frischgebackener Leutnant legt er noch vor Sonnenaufgang die neue Uniform an und begibt sich an seinen ersten Einsatzort, eine ihm noch unbekannte Festung namens Bastiani. Je länger Giovanni Drogo in der Festung bleibt, desto mehr fühlt er sich inmitten der feindlichen Umgebung geborgen. Das strenge Reglement verleiht dem Leben Sinn und Struktur. In prägnanten, elegant nüchternen Sätzen und mit unerbittlicher Konsequenz lässt der Erzähler, der seinen Kafka gelesen hat, Drogo jedoch in die Falle laufen … Der unmittelbar vor dem Kriegseintritt Italiens erschienene Roman wurde auch als Kritik am Zustand der unzureichend vorbereiteten italienischen Armee gelesen und enthusiastisch aufgenommen.

Dino Buzzati, "Die Tatarenwüste", Roman, übersetzt von Percy Eckstein und Wendla Lipsius, Die Andere Bibliothek

Georg Renöckl

Ein Portrait einer unbekannten Frau ohne ihr Gesicht

ZSOLNAY VERLAG

George Eliot: "Middlemarch"

"Middlemarch" gilt als eines der besten Werke der englischen Literatur; bei einer Umfrage der BBC aus dem Jahr 2015 rangierte es gar auf Platz Eins. Es ist ein Gesellschaftsroman, angesiedelt in der titelgebenden, fiktiven Kleinstadt. Die Autorin (George Eliot war der Künstlername von Mary Ann Evans) erzählt Episoden aus dem Leben zahlreicher Bewohner/innen von Middlemarch, getreu dem Untertitel "Eine Studie über das Leben in der Provinz". Das Buch, das 1871/72 als Fortsetzungsroman erschienen ist, ist in acht Bücher unterteilt und hat mehr als eintausend Seiten - die genaue Anzahl variiert je nach Ausgabe. Das Besondere an diesem Monumentalwerk ist, dass bis zu seinem Erscheinen kein anderer ein so lebendiges Bild einer englischen Kleinstadt vermitteln konnte. George Eliot schafft es, sich derart in ihre Charaktere hineinzuversetzen, dass man als Leser/in selbst für die unsympathischsten Figuren Empathie entwickelt. 2019 jährte sich der Geburtstag der Schriftstellerin zum 200. Mal, weshalb gleich zwei neue Übersetzungen von „Middlemarch“ herausgekommen sind.

George Eliot, "Middlemarch", Roman, Rowohlt Verlag (Übersetzung: Melanie Walz) sowie dtv (Übersetzung: Rainer Zerbst)

Julia Reuter

Oskar Jan Tauschinski: "Talmi"

Talmi, das falsche Gold. Ein Ausdruck für alles, was trügerisch glänzt und sich bei näherer Prüfung als schöner Schein und wertloser Tand entpuppt. Oskar Jan Tauschinski verwendet "Talmi" als sprechenden Titel für seinen Roman über einen charmanten Hochstapler. Ein Buch über Täuschung und Selbstbetrug, über Liebe, Freundschaft und Opportunismus in Zeiten des Krieges und darin auch ein historisches Dokument. Der Autor taucht ab in das Wien des aufkeimenden Faschismus, der Deportationen und Verleumdungen, der Bombennächte des Frühlings 1945 und jener Monate, da die Häuser zu Ruinen verkommen und die Menschen nur mehr ein Schatten ihrer selbst sind. In seinem ab 1952 in Fortsetzungen in der "Arbeiter Zeitung" und 1963 als Buch erschienenen Roman hat Oskar Jan Tauschinski der 1942 von den Nazis ermordeten, jüdischen Schriftstellerin Alma Johanna Koenig ein literarisches Denkmal gesetzt, mit der Figur der Bildhauerin Aglaia: Er entwirft das Porträt einer hochbegabten Frau, die im Buch ein ähnliches Schicksal ereilt, wie es Alma Johanna Koenig in der Realität widerfahren ist. Und auch er selbst tritt auf, als Aglaias jugendlicher Freund. "Talmi" vereint also das Andenken an sie beide, was nicht das einzige Verdienst des Romans ist. Er lässt sich aus vielerlei Gründen zu Recht neu entdecken.

Oskar Jan Tauschinski, "Talmi", Edition Atelier

Susanne Schaber

Fontane lesen

In den Romanen Theodor Fontanes geht es um die Beherrschung der Gefühle, aber auch um die vorsichtig gestellte Frage, wem denn diese Beherrschung nütze. Am 30. Dezember jährte sich der Geburtstag von Theodor Fontane zum 200. Mal. Sein bekanntestes Werk "Effi Briest" ist feinstes Gewebe aus Kolportageroman, Geistergeschichte und Gesellschaftskritik. Theodor Fontane packte in sein Schreiben so ziemlich alles, was er ob seiner Tätigkeit als Auslandskorrespondent, Reise- und Kriegsschriftsteller sowie als Theaterkritiker über seine Zeit und Kaiser Wilhelms Kaiserreich kannte und konnte. Bürgerlicher Realismus mit gewiefter Feder. "Effi Briest" ist wie Theodor Fontanes umfangreiches Werk in unterschiedlichsten Ausgaben erhältlich, ebenso wie Biografien und Werkanalysen. Er ist vermutlich neben Thomas Mann der bestedierte Autor deutscher Sprache.

Erich Klein