Vorbeifahrende U-Bahn

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Bücher, Menschen, Themen

Das Literaturmagazin "Ex libris" bringt Neues aus der Welt der Literatur - Neuerscheinungen, Kritiken, Texte sowie Autor/innen im Porträt.

Nava Ebrahimi: "Das Paradies meines Nachbarn"

1978 wurde Nava Ebrahimi in Teheran geboren, seit einigen Jahren lebt sie in Graz. Für ihren Erstlingsroman "Sechzehn Wörter" ist die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin 2017 mit dem Debütpreis des Österreichischen Buchpreises ausgezeichnet worden. In ihrem zweiten Roman behandelt sie nicht nur eine Reihe individueller Schicksale, auch die großen Fragen der Weltpolitik werden verhandelt: der "Clash of Civilizations" zwischen Orient und Okzident, die verzweifelte politische Situation im Iran und der Ausländer- und Migrantenhass in weiten Teilen Europas. Wobei das alles in eine packende Geschichte eingebettet ist, in pure, gekonnte Narration.

Nava Ebrahimi, "Das Paradies meines Nachbarn", Roman, btb-Verlag

Günter Kaindlstorfer

Martina Wied: "Das Asyl zum obdachlosen Geist"

"Ich habe den Anspruch, dass ein gutes Buch uns neue Perspektiven aufzeigen und unsere Gewissheiten in Frage stellen muss, dass wir, wenn wir es zuklappen, in gewisser Weise mental woanders landen als da, wo wir angefangen haben zu lesen", sagt Nava Ebrahimi. Das ist, wenn man so will, ein klassischer Anspruch von Literatur, wenngleich ein nicht oft eingelöster, weil Bewusstseinsveränderung sprachlich nicht so leicht herzustellen ist. Geschichtenerzählen reicht nicht, weil Geschichten eine Einheitlichkeit suggerieren, wo keine ist. Erst wenn die Literatur diese Einheitlichkeit und falsche Gewissheiten auflöst, ist sie mehr als die Bügelmaschine der Wirklichkeit, die zwar für feine, sagen wir: knitterfreie Unterhaltung sorgt, uns aber nicht weiter beschäftigt.

So eine Bewusstseinsverändernde Autorin war Martina Wied, geboren 1882 in Wien, die 1936 ihren ersten Roman "Rauch über St. Florian" veröffentlichte. Im englischen Exil ist eine Reihe von Romanen entstanden, für die sie 1952 der großen Staatspreis für Literatur erhielt. Einer dieser Romane liegt nun in einer Neuausgabe vor: "Das Asyl zum obdachlosen Geist". Das Werk taucht ab in den Mikrokosmos einer psychiatrischen Anstalt. John von Kellingrath, ein Intellektueller aus bestem Haus, scheitert an den Anforderungen der bürgerlichen Gesellschaft und an den Ansprüchen an sich selbst.

Martina Wied: "Das Asyl zum obdachlosen Geist", Roman, Milena Verlag

Susanne Schaber

Ulrich Becher: "New Yorker Novellen"

Geboren wurde Ulrich Becher 1910 in Berlin als Sohn Schweizer Eltern. Mit 22 Jahren veröffentlichte er seinen ersten Novellenband "Männer machen Fehler", ein Jahr später allerdings galt seine Literatur als entartet und er durfte in Deutschland nicht mehr publizieren. Er heiratete die Tochter des als K.-und-k.-Humoristen berühmten Alexander Roda Roda und wurde österreichischer Staatsbürger. 1938 musste er dann auch Wien verlassen. Zuerst hoffte er, in der Schweiz als Schriftsteller leben zu können, doch in den Augen der Schweizer Behörden verstieß seine antifaschistische Haltung gegen das Neutralitätsprinzip. Er emigrierte nach Brasilien, dann in die USA. Sein wichtigster Roman ist "Murmeljagd", in dem er seine wechselhafte Lebensgeschichte, aber auch seine Kämpfe nach der Rückkehr aus dem Exil verarbeitet hat. Nun erscheinen seine "New Yorker Novellen". In New York landete Becher auf seiner Exilodyssee 1944, als Schriftsteller konnte in den USA literarisch allerdings nicht reüssieren. 1948 kehrte er nach Wien zurück.

Ulrich Becher: "New Yorker Novellen - Ein Zyklus in drei Nächten", Schöffling & Co

Jens Malte Fischer: "Karl Kraus"

Ulrich Bechers Schwiegervater, dem Humoristen Alexander Roda Roda, wurde von Karl Kraus ein "humorvoller Kasinoton" vorgeworfen, der ihm nicht angemessen schien, um der Denkweise des K.-u.-k.-Militärs gerecht zu werden, vor allem nicht, als es dieses nicht mehr gab. Roda Roda hingegen polemisierte gegen den "Fackelkraus", den er für einen "engstirnigen Straßenkehrer" hielt. Politisch korrekt waren die Debatten unter Schriftstellern Anfang des 20. Jahrhunderts nicht. Man beleidigte einander möglichst elegant, das heißt: sprachlich virtuos. Meistens jedenfalls, und nicht selten wurde ein Witz auf Kosten der jüdischen Abstammung gemacht. Auch unter Juden wie Roda Roda und Kraus. Letzterer war, ideologisch gesehen, ein unzuverlässiger Zeitgenosse, einmal hierhin, einmal dahin tendierend und doch immer darauf beharrend, nirgendwo hinzugehören. Nur mit dem Krieg beliebte er nicht zu spaßen. Wer glaubt über Karl Kraus sei schon alles gesagt, der hat nicht mit dem Theaterwissenschaftler Jens Malte Fischer gerechnet, der soeben eine umfangreiche Biografie veröffentlicht hat. Ein Gespräch mit dem Autor.

Jens Malte Fischer, "Karl Kraus - Der Widersprecher", Biografie, Zsolnay Verlag

Günter Kaindlstorfer

Edgar Lee Masters: "Die Toten von Spoon River"

Edgar Lee Masters, ein Zeitgenosse von Karl Kraus, hielt sich sein Leben lang im amerikanischen Mittelwesten auf, arbeitete als Journalist, publizierte Theaterstücke und Gedichtbände, doch in die amerikanische Literaturgeschichte ging er als "one-book-wonder" ein. Die "Spoon River Anthology" machte ihn 1915, als man noch Gedichte las, bekannt, was wohl an der besonderen Form dieser Lyrik lag. Das Buch ist nun in der Übersetzung von Claudio Maira erschienen. Unzweifelhaft ein Klassiker.

In Japan gibt es die Tradition des "Todesgedichts". Das heißt jemand, der seinem Tod nahe ist oder über seinen Tod hinaus etwas Lebenskluges hinterlassen möchte, schreibt rechtzeitig ein Gedicht - die Zen-Mönche tun dies oft in Form eines Haikus. Edgar Lee Masters hatte bei seiner "Spoon River Anthology", die 1916 erstmals komplett erschien, ein anderes Vorbild. Es ist die "Anthologia Graeca", eine Sammlung antiker Epigramme und Grabinschriften. Masters Anthologie ergeben aber doch 244 eigenwillige Epitaphe: Sie sind nicht von der Hand Hinterbliebener auf den Grabstein gesetzt, sondern vom Grab aus sprechen die Toten zu den Lesern. Und diese Toten eint eines: Sie alle haben einst in der Ortschaft "Spoon River" gewohnt.

Edgar Lee Masters: "Die Toten von Spoon River", Jung & Jung Verlag

Andreas Puff-Trojan

Trockener Boden

APA/AFP/Martin BERNETTI

Oskar Roehler: "Der Mangel"

Es muss an einem Nachmittag im Jahr 1964 gewesen sein, als wir das erste Mal in die Grube hinabstiegen, erinnert sich der Erzähler in diesem Roman - ungefähr in der Mitte der Geschichte. Besagte Grube liegt auf einer Anhöhe in der fränkischen Provinz, genannt die Hut: ein karges, tristes, vor kurzem erst erschlossenes Siedlungsgebiet mit ein paar wenigen, noch unfertigen Häusern. Hier stehen in mehreren Metern Tiefe fünfjährige Buben in Matsch und Brackwasser, um aus dem schwarzen Loch Lehmbrocken nach oben zu schleudern. Ein absurder Kinderzeitvertreib, eine sinnlose Sisyphostätigkeit? Offenbar nicht. Unermüdlich geben sich der Erzähler und seine Freunde ihrer anstrengenden Aufgabe hin, einen ganzen Sommer lang. Oskar Roehler erzählt in seinem mit parabelhaften ebenso wie mit autobiografischen Zügen ausgestatteten Roman - der Autor ist gleichaltrig mit dem Erzähler und hat wie dieser einst in der fränkischen Provinz gelebt - eine beklemmende Kindheitsgeschichte, die in eine fast tragische Schriftstellerexistenz mündet, und er erzählt sie ohne Scheu vor Pathos, Übertreibung und verbalen Attacken, die nichts anderes verraten als eine große Verletzbarkeit - und vielleicht auch: Verletztheit.

Oskar Roehler, "Der Mangel", Roman, Ullstein Verlag

Peter Zimmermann

Helena Adler: "Die Infantin trägt den Scheitel links"

Nach der Lyrik hat sich Helena Adler der Prosa zugewandt - und dass das eine gute Entscheidung war, beweist ihr Debütroman über ein wildes kleines Mädchen, das auf einem Bauernhof aufwächst. Die Familie macht es dem Kind nicht einfach: Der Vater ist ein Trinker mit esoterischen Anwandlungen, die überfromme Mutter hortet Hostien in der Speisekammer und die beiden eiskunstlaufverrückten Schwestern quälen die kleine Erzählerin mit Boshaftigkeiten, sperren sie etwa in einen Käfig, um sie einem neugierigen Publikum gegen Geld zu zeigen. Ein schillernder Text, der unverfroren und mit viel satirischem Witz vom Erwachsenwerden erzählt, vom gar nicht friedlichen Leben auf dem Land und von der Rebellion eines Mädchens gegen Konventionen und gesellschaftliche Zwänge.

Helena Adler, "Die Infantin trägt den Scheitel links", Roman, Jung & Jung Verlag

Irene Binal

Tine Hoeg: "Neue Reisende"

Vor nicht einmal drei Jahren wurde der Roman "Neue Reisende" mit dem Debütantenpreis der Kopenhagener Buchmesse ausgezeichnet. Nun liegt er in deutscher Übersetzung vor und wirkt wie aus einer anderen Zeit. Die 1985 geborene Tine Hoeg beschreibt auf knapp zweihundert Seiten die spontane Anziehung zwischen zwei Menschen, deren Knie sich in einem Pendlerzug zufällig berühren.

Tine Hoeg, "Neue Reisende", Roman, übersetzt von Gerd Weinreich, Droschl Verlag

Ben Smith: "Dahinter das offene Meer"

Von Erich Kästner gibt es dieses ziemlich bekannte Gedicht aus dem Jahr 1930, in dem es heißt: "Und immer wieder schickt ihr mir Briefe, in denen ihr, dick unterstrichen, schreibt: 'Herr Kästner, wo bleibt das Positive?' Ja, weiß der Teufel, wo das bleibt. Noch immer räumt ihr dem Guten und Schönen den leeren Platz überm Sofa ein. Ihr wollt euch noch immer nicht dran gewöhnen, gescheit und trotzdem tapfer zu sein." Wo also bleibt das Positive? Die Schriftsteller sind da wohl genauso überfragt wie Fußballtrainer. Oder Schriftsteller wie der Brite Ben Smith. Dessen Debütroman handelt von einer Zukunft, die unschön ist - was allerdings nicht dem Schicksal anzulasten ist, sondern einzig menschlichen Entscheidungen. In dieser Hinsicht kann Literatur sensibilisieren. Dafür, dass sowohl das Positive als auch das Negative eine Ursache hat, menschliche Entscheidungen nämlich.

Im Auftrag einer Firma warten ein alter Mann und ein Junge einen Windpark in der Nordsee, der sich endlos weit ausdehnt, die Windräder reichen bis zum Horizont. Ihr Lebensmittelpunkt ist eine Plattform im Meer, in großen zeitlichen Abständen werden die beiden von einem Versorgungsschiff mit Lebensmitteln und Ersatzteilen dürftig beliefert, außer dem Schiffsführer begegnen sie keinem einzigen Menschen.

Ben Smith, "Dahinter das offene Meer", Roman, Übersetzung: Werner Löcher-Lawrence, Liebeskind Verlag

Gudrun Braunsperger

Christian Saalberg: "In der dritten Minute der Morgenröte"

Der 2006 verstorbene Christian Udo Rusche, der sich als Dichter Christian Saalberg nannte, ist trotz 25 publizierter Gedichtbände ein heute weitgehend Unbekannter der deutschsprachigen Lyrik. Wer je einen Gedichtband von Christian Saalberg in die Hand bekommen hat, war sofort von der Originalität und unverwechselbaren Bildwelt dieser Lyrik überzeugt. Es waren halt nur sehr wenige, die zu seinen Lebzeiten - Christian Saalberg starb im Jahr 2006 - einen solchen Band in die Hand bekommen beziehungsweise in die Hand genommen haben. Umso wichtiger ist es, dass der Schöffling Verlag jetzt eine Auswahl seines über zwanzig Bände umfassenden Lebenswerkes vorlegt.

Christian Saalberg, "In der dritten Minute der Morgenröte", Ausgewählte Gedichte; herausgegeben von Mirko Bonné und Viola Rusche, mit einem Nachwort von Jürgen BrȏcanSchöffling & Co.

Cornelius Hell

Jugendbuch des Monats

"Es ist Unsinn, sagt die Vernunft. Es ist Unglück, sagt die Berechnung. Es ist aussichtslos, sagt die Einsicht. Es ist was es ist, sagt die Liebe" lauten einige Zeilen aus Erich Frieds berühmtem Gedicht. Es kann passieren, dass man an sie denkt, wenn man David Yoons jugendliterarisches Debüt "Frankly in love2 liest. Verhandelt der wenngleich sicher nicht lyrische Roman nicht nur das Erwachsenwerden, Identität, Diversität und die Zerrissenheit zwischen zwei Kulturen, sondern eben vor allem auch die Liebe in ihren verschiedenen Spielarten und Nuancen.

David Yoon, "Frankly in Love", übersetzt von Caludia Max, cbj

Karin Haller

Eine Illustration von Büchern im Bücherregal

S.FISCHER VERLAG

Ingo Schulze: "Die rechtschaffenen Mörder"

Der wendungsreiche Roman führt uns nach Ostdeutschland zu einem belesenen Rebellen, der zum Reaktionär wird; in die Zeit vor und nach 1989, eine Zeit lange bevor Algorithmen die Buchwelt in Besitz genommen haben und der gute Buchhändler als Connaisseur Autorität genoss. "Im Dresdner Stadtteil Blasewitz lebte einst ein Antiquar, der wegen seiner Bücher, seiner Kenntnisse und seiner geringen Neigung, sich von den Erwartungen seiner Zeit beeindrucken zu lassen, einen unvergleichlichen Ruf genoss." So lautet der Einstiegssatz. Ingo Schulze, 1962 in Dresden geboren, mit vielen Preisen geehrt, gilt als eines der großen Erzähltalente Deutschlands. Er debütierte 1995 mit der Kurzgeschichtensammlung "33 Augenblicke des Glücks ". 2005 folgte der Roman "Neue Leben", zuletzt erschien "Peter Holtz. Sein glückliches Leben, erzählt von ihm selbst". Einem breiteren Publikum bekannt wurde Schulze mit seinem Erzählband "Simple Storys". Den roten Faden in seinem Werk bildet das Erkunden der gesellschaftlichen, politischen und seelischen Folgen der deutschen Wiedervereinigung.

Ingo Schulze, "Die rechtschaffenen Mörder", Roman, S. Fischer Verlag

Brigitte Neumann

Benjamin Quaderer: "Für immer die Alpen"

Es ist ein umfangreicher, verspielter Roman, den der 1989 geborene Autor als Debüt vorlegt. "Für immer die Alpen" ist die Geschichte einer dubiosen Figur, eines gewissen Johann Kaiser, der seine Biografie und alle in ihr versammelten Zufälle niederschreibt. Zur Zeit der Niederschrift - wir befinden uns im Jahr 2019 und Kaiser ist vierundfünfzig Jahre alt - erscheint uns dieser Autobiograf als Verfolgter. Nirgends kann er lange bleiben, er fühlt sich ständig verfolgt und wie der Leser rasch erfährt ist er jemand, der der Macht in seinem Herkunftsland Lichtenstein gefährlich nahegekommen ist und als Konsequenz eines Verrats - alle Hinweise deuten auf einen Datendiebstahl hin - untergetaucht ist. In fünfzehn als "Bücher" bezeichneten Kapiteln berichtet Kaiser nun, wie er zu dem wurde, der er ist. Er erweist sich dabei vor allem als eines: Als tragisch-komischer Antiheld eines pikaresken Romans, der mit einer Fülle von erzählerischen Einfällen aufwartet.

Benjamin Quaderer, "Für immer die Alpen", Roman, Luchterhand Verlag

Florian Baranyi

Birgit Birnbacher: "Ich an meiner Seite"

Hinaus in die Welt, möglichst weit weg! Wer am Land aufgewachsen ist, mag diesen Drang kennen. So auch die Salzburger Autorin Birgit Birnbacher. Vergangenen Sommer, 2019 wurde sie für ihre Erzählung "Der Schrank" mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Jetzt liegt nach "Wir ohne Wal" der zweite Roman der 34-jährigen ehemaligen Sozialarbeiterin und Soziologin vor: "Ich an meiner Seite". Das Thema Sozialarbeit hat sie auch dabei nicht losgelassen. Im Zentrum des Geschehens steht ein 22-jähriger junger Mann namens Arthur, der wegen Internetbetrugs zu 26 Monaten Gefängnishaft verdonnert wird. Frisch aus der Haft entlassen, versucht Arthur wieder Fuß zu fassen im zivilen Leben. Erfinden habe sie ihre Hauptfigur nicht müssen, berichtet Birnbacher.

Birgit Birnbacher, "Ich an meiner Seite", Roman, Zsolnay Verlag

Günter Kaindlstorfer

Inès Bayard: "Scham"

Eine gedemütigte Frau wird zur Mörderin. In ihrem Debütroman erzählt die Französin Inès Bayard die Geschichte einer Vergewaltigung und ihrer Folgen und zerlegt dabei die selbstzerstörerische Logik der Scham. Er beginnt mit "Dem kleinen Thomas war keine Zeit geblieben, das Kompott aufzuessen." Ohne erzählerische Umwege erfahren wir, dass eine Mutter ihr Kind, ihren Mann und sich selbst vergiftet hat. Warum, entblättert sich mit der Lektüre dieses Buches. In einem Interview sagte die 1992 in Toulouse geborene, in Berlin lebende Schriftstellerin, sie habe überhaupt nichts dagegen, wenn ihr Roman als brutal bezeichnet würde. Das bedeute nämlich, dass ihr Schreiben "genau diese Gewalt nachahmt, die gegen Frauen ausgeübt wird".

Inès Bayard, "Scham", Roman, Übersetzung: Theresa Benkert, Zsolnay Verlag

Gudrun Hamböck

Peter-André Alt: Erste Sätze der Weltliteratur ...

"Der Anfang ist die Hälfte des Ganzen". Welch Einstiegszitat. Danke, Aristoteles. Denn um Erste Sätze der Weltliteratur und was sie uns verraten geht es hier. Und damit auch um Ursprung und Schöpfung. Mit dem ersten Satz ist die Unschuld dahin; das Blatt beschrieben, das Dokument gespeichert, das Kind sprich Buch in der Welt. Die Neugier geweckt oder aber zerstört. Auf seinem minimalistischen Streifzug durch die Literaturgeschichte erläutert der deutsche Literaturwissenschaftler Peter André Alt rund 250 eröffnende Beispielsätze. Eine der literarischen Einstiegs-Ikonen "Jemand musste Josef K. verleumdet haben …" machte er zum Titel seines Essays. Und beginnt ihn selbst mit der Feststellung: "Am Beginn jeder Erzählung steht ein Verführungsversuch."

Peter-André Alt, "Jemand musste Josef K. verleumdet haben ... - Erste Sätze der Weltliteratur und was sie uns verraten", C.H. Beck Verlag

Gespräch mit dem Autor

Gudrun Braunsperger

Donau-Au

APA/ROBERT JÄGER

Common Ground

Konservative Regierungen in Ungarn oder Polen haben einen über weite Strecken verlogenen Liberalismus gegen einen offenen Antiliberalismus getauscht, um den dann der eigenen Bevölkerung als selbstbewusstes Gegenkonzept aufzudrängen, heißt es in "Das Licht, das erlosch" von Ivan Krastev und Stephen Holmes. Nun stellt sich die Frage: ist dieser Antiliberalismus aus Enttäuschung eine Grundlage für einen Common Ground, für einen gemeinsamen Identifikationsraum der ostmitteleuropäischen Länder? Oder ist so ein Common Ground nicht wieder ein westliches Konstrukt, um alles was Osten und damit irgendwie kompliziert ist, unter einen Hut zu bringen? "Common Ground" nennt sich der Schwerpunkt der Leipziger Buchmesse, die kurzfristig abgesagt wurde. Der COVID-19-Notfallmodus macht‘s möglich. Da der Schwerpunkt aber auf drei Jahre angelegt ist, bleibt er aktuell. Die Literatur, so die Idee, könnte so ein gemeinsamer Identifikationsraum sein. Was heißt: sie könnte, bei der Buchmesse sagt man: sie ist es. In der Behauptung liegt die Kraft!

Erich Klein

David Albahari: "Heute ist Mittwoch"

Fast alle Bücher des in Kanada lebenden serbischen Schriftstellers handeln von Jugoslawien, von Serbien, vom Einwirken der Vergangenheit in die Gegenwart, von abgerissenen und nie wieder aufgebauten Brücken. Die Grundkonstellation seines neuen Romans: Ein Mann und sein Vater machen Spaziergänge am Donauufer in Belgrad; der Vater hat Parkinson. "Nichts ist schwieriger, als den eigenen Vater zu lieben, vor allem, wenn seine Geduld infolge der Krankheit blass und dünn geworden ist", muss sich der Sohn einmal eingestehen. Und vor allem ist es schwierig, diesen Vater zu lieben. Denn er hat seine Familie tyrannisiert und sich während der Krebserkrankung seiner Frau wie ein Scheusal benommen.

David Albahari, "Heute ist Mittwoch", Roman, Übersetzung: Klaus und Mirjana Wittmann, Schöffling & Co

Cornelius Hell

Peter Balko: "Zusammen sind wir unbesiegbar"

Peter Balko, geboren 1988 im Mittelslowakischen Lucenec, hat in seinem Leben andere Erfahrungen gemacht: "Ich war ein kleiner, molliger Junge inmitten einer intakten Familie", erzählt er, "ich liebte Action-Filme mit Jean-Claude Van Damme und Bruce Lee, sehnte mich nach Abenteuern und wollte ein Ninja sein." Seinen Debütroman "Zusammen sind wir unbesiegbar" bezeichnet er als eine Mischung aus seinen Erinnerungen, seiner Phantasie, seinen Träumen und den Erzählungen seiner Großeltern. Was Wirklichkeit und was Fiktion sei, könne er nicht mehr unterscheiden. Balko ist kein Ungar, aber Menschen seiner Generation werden wohl im Nachbarland eine ähnliche Sozialisation durchgemacht haben. Weshalb die Zukunft des Orbanismus in keiner Weise gesichert ist.

Peter Balko: "Zusammen sind wir unbesiegbar", Roman, Übersetzung: Zorka Ciklaminy, Zsolnay Verlag

Julia Polczer

Ottessa Moshfegh: "Heimweh nach einer anderen Welt"

Nachdem die US-amerikanische Autorin Ottessa Moshfegh mit ihren Romanen "McGlue", "Eileen" und "Mein Jahr der Ruhe und Entspannung" geradezu Kultstatus erlangt hat, liegt nun ein Erzählbar in deutscher Übersetzung vor. Wie schon in den Romanen, sind auch in den Erzählungen die Menschen eigensinnig, überheblich und boshaft. Und doch bleiben sie in ihrem Tun nachvollziehbar, denn ihr oft absurdes Verhalten hat immer auch etwas zutiefst Menschliches, genau wie ihre pathetischen Illusionen, durch die sie sich ständig selbst im Weg stehen. Egal, welchen Alters sie sind und welcher Schicht sie angehören, sie sind Versehrte und Vereinsamte. Einige von ihnen haben bereits resigniert, andere suchen noch verzweifelt den Kontakt zu ihren Mitmenschen. Lesend verfolgt man ihr scheitern, wird man Zeuge, wie die Suche nach ein bisschen Zuneigung verlässlich in obsessives Verhalten umschlägt. Weil sie keine Vorstellung von einem besseren Leben haben, und weil sie oft nicht wissen, was Liebe und Empathie überhaupt bedeuten. Dabei ist Moshfegh nie humorlos. Der beste Humor, weiß die Autorin, entspringt immer der Verzweiflung. Und so spürt sie der abseitigen Komik nach, die sich noch aus den ausweglosesten Konstellationen ergeben kann, in denen sich ihre Figuren verstricken.

Ottessa Moshfegh, "Heimweh nach einer anderen Welt", Erzählungen, Übersetzung: Anke Caroline Burger, Liebeskind Verlag

Antonia Löffler

Marion Messina: "Fehlstart"

Im selben sozialen Biotop wie Ottessa Moshfegh hat auch Marion Messina ihre Angel ausgeworfen, um für ihren ersten Roman "Fehlstart" das passende Personal zu fischen: Vereinsamte und Versehrte eben. Das hat ihr bei der französischen Kritik den Ruf eingebracht, die "Erbin Michel Houellebecqs zu sein". Was immer man darunter verstehen mag. Messina berichtet vom jugendlichen Prekariat in Frankreich, dem modernen Lumpenproletariat. Es geht nicht um die Generation Praktikum, sondern um die darunter, die Generation Minijob. Um junge Frauen und Männer aus aller Welt, die Träume haben, Träume vom Künstlerleben, von einer gerechten Welt, von der Liebe und allesamt stranden sie. Im Mittelpunkt des Buches steht Aurélie, Tochter von Arbeitern aus der Banlieue von Grenoble.

Marion Messina, "Fehlstart", Roman, Übersetzung: Claudia Steinitz, Hanser Verlag

Brigitte Neumann

Mariam Kühsel-Hussaini: "Tschudi"

Jeder für sich und Gott gegen alle: das ist der Common Ground im christlichen Europa gegenwärtigen Zuschnitts. Und manchmal stemmt sich einer gegen Gott oder was sich dafür hält. Der in Österreich geborene und aufgewachsene, aus eine Schweizer Familie stammende und in Deutschland zu Berühmtheit gelangte Kunsthistoriker Hugo von Tschudi etwa. Der war zwar kein politischer, aber ein ästhetischer Widerständler. Und weil er sich dadurch mit dem Kaiser anlegte, war die Kunst dann doch wieder politisch. Die aus Afghanistan stammende deutsche Schriftstellerin Mariam Kühsel-Hussaini hat über den Mann einen Roman geschrieben.

Mariam Kühsel-Hussaini, "Tschudi", Roman, Rowohlt Verlag

Holger Heimann

Frau und Deutsche Dogge

APA/AFP/OLI SCARFF

Sigrid Nunez: "Der Freund"

Das Schriftstellerdasein, der Abschied und eine riesige 80 kg schwere Dogge namens Appollo spielen im Buch der US-amerikanischen Autorin Sigrid Nunez ihre Rollen. Es erzählt von einer Frau, die um ihren verstorbenen Freund trauert. Dabei ist sie nicht allein, denn sein Hund trauert nicht minder. Tiere können vielleicht keinen Suizid begehen, aber - so heißt es in dem Roman "ihre Herzen können brechen, und sie tun es". Nunez, 1951 in New York (als Tochter einer Deutschen und eines chinesisch-panamaischen Vaters) geboren, Dozentin für Creative Writing (an diversen Ivy Leage Universitäten) hat seit ihrem Debüt 1995 sieben Romane veröffentlicht. Drei davon erschienen auch in deutscher Übersetzung - bei drei verschiedenen Verlagen. Trotzdem blieb Nunez hierzulande unter dem Aufmerksamkeitsradar. Das könnte sich mit ihrem neuen, vielgelobten und ausgezeichneten Roman "Der Freund" ändern.

Sigrid Nunez, "Der Freund", Roman, Übersetzung: Anette Grube, Aufbau Verlag

Holger Heimann

Anna Burns: "Milchmann"

Über das Aufwachsen im katholischen Belfast der blutigen 1970er Jahre erzählt ein 18-jähriges Mädchen, die namenlose Hauptfigur im Buch von Anna Burns, einer weitgehend unbekannten Autorin aus Belfast. Es basiert auf eigenen Jugenderfahrungen und schildert eine Gesellschaft, die unter enormem Druck steht und von Überwachung, Gewalt und Gerüchten deformiert wird, so Burns. Sie habe interessiert, wie geschlossene Gesellschaften funktionieren und wie sich Restriktionen in den kollektiven Alltag einschleichen und irgendwann als normal wahrgenommen werden. Mit 56 Jahren wurde Burns zur Überraschungssiegerin in London: Mit ihrem dritten Roman "Milchmann" gewann sie 2018 den renommierten Man Booker Preis, als erste Schriftstellerin aus Nordirland überhaupt.

Anna Burns: "Milchmann", Roman, Übersetzung: Anna-Nina Kroll, Tropen Verlag

Peter Zimmermann im Gespräch mit Sigrid Löffler

Josef Haslinger: "Mein Fall"

Seit unzählige Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche bekannt geworden sind, ist die Entscheidung auszutreten leichter geworden - eine verstörende, nicht enden wollende Geschichte von sexueller Gewalt, von Ohnmacht und Vertrauensbrüchen hat ihren Schatten auf eine der wirkmächtigsten Institutionen der vergangenen 2.000 Jahre geworfen. Eigentlich ist es kein Schatten, sondern ein Graben, ein tiefer Riss. Verantwortliche und Täter sind konkrete Personen. Josef Haslinger nennt sie beim Namen in seinem dokumentarischen Bericht "Mein Fall ". Der renommierte Schriftsteller - Verfasser von Bestsellern wie "Opernball" und "Das Vaterspiel" - beschreibt auf 140 Seiten, wie er in den 60er Jahren als Konviktszögling in Stift Zwettl mit brutalen Erziehungsmethoden gefügig gemacht und von mehreren Lehrern sexuell missbraucht worden ist.

Josef Haslinger, "Mein Fall", S. Fischer Verlag

Günter Kaindlstorfer

Peter Handke: "Das zweite Schwert"

Dass er den Medien, ihren Vertretern und -Vertreterinnen gegenüber mehr Skepsis denn Vertrauen empfindet, war schon vor dem Literaturnobelpreis-Trubel bekannt. Seit Beginn seiner Karriere im Jahr 1966 pflegt Peter Handke öffentlich seinen Jähzorn. Und das sowohl außer- als auch innerhalb der Buchdeckel. Sein poetischer Anspruch und seine fantastischen Anmaßungen, sein Widerstandsgeist und sein Verachtungsfuror, seine zärtliche Hingabe und seine Ambivalenz - all das zeichnet diesen Erzählkosmonauten aus. In seinem ersten Roman seit Aufnahme in den Stockholmer Literaturolymp entwirft er eine Geschichte vom Sieg der Literatur über Hass und Rachegelüste - "Das zweite Schwert".

Peter Handke, "Das zweite Schwert", Suhrkamp Verlag

Andreas Puff-Trojan

Léon Bloy: "Diesseits von Gut und Böse"

Seine Hingabe an den katholischen Glauben und zugleich seine ungebremste Wut auf alles Klerikale wie auf das satte Bürgertum sind beispiellos. Der Franzose Léon Bloy (1846 bis 1917) zählt bis heute zu den nahezu vergessenen Figuren der frühen Moderne. In seinen Schriften wie "Der Verzweifelte" oder "Das Blut der Armen" 1909 tritt er für eine radikale Erneuerung des katholischen Glaubens ein. Sein privates Heilsprogramm, das er in bitterster Armut in zahllosen Schriften zum Ausdruck brachte, blieb in seiner Zeit weitestgehend ungehört. Immer wieder jedoch wurden einige seiner bekanntesten Werke ins Deutsche übertragen. So hat der Wiener Karolinger Verlag "Das Blut der Armen" und andere Schriften herausgebracht. Beim Berliner Verlag Matthes & Seitz sind Blutschweiß, verstörend-grausame Erzählungen aus dem deutsch-französischen Krieg der Jahre 1870/71 erschienen. Dort ist 2019 auch eine opulente Anthologie mit Auszügen aus Schriften, Tagebüchern und Briefen herausgekommen: Unter dem Titel "Diesseits von Gut und Böse" hat der Herausgeber und Übersetzer Alexander Pschera ein biblio-biografisches Mosaik des Skandalautors vorgelegt.

Léon Bloy: "Diesseits von Gut und Böse", Übersetzung: Alexander Pschera, Matthes & Seitz Verlag

Sven Ahnert