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"Ex libris"-Besprechungen

Das Literaturmagazin "Ex libris" bringt Neues aus der Welt der Literatur - Neuerscheinungen, Kritiken, Texte sowie Autor/innen im Porträt.

Olga Tokarczuk: "Die Jakobsbücher"

Die polnische Schriftstellerin Olga Tokarczuk, Jahrgang 1962, hat am 10. Dezember neben Peter Handke ebenfalls den Nobelpreis entgegengenommen. "Für ihre narrative Vorstellungskraft", wie es in der Begründung heißt, "die, in Verbindung mit enzyklopädischer Leidenschaft, für das Überschreiten von Grenzen als eine neue Form von Leben steht". Schön zu sehen an ihrem neuen Roman "Die Jakobsbücher". Dieser führt in die Mitte des 18. Jahrhunderts, in die damalige polnisch-litauische Adelsrepublik, in Gegenden also, die heute in Polen, der Ukraine, Rumänien liegen; und das Osmanische Reich kommt als unmittelbarer Nachbar in den Blick. Es ist ein schier unüberschaubares Panorama von Personen, beinahe wie in einem russischen Roman des 19. Jahrhunderts, das das fast 1.200 Seiten umfassende Buch entwirft. Historische Detailtreue - in einem Nachwort nennt Olga Tokarczuk ihre wichtigsten Quellen - und die Aufladung der Figuren mit einer Sprache und einem Bewusstsein von heute beschädigen einander keineswegs, sondern machen die faszinierende Einzigartigkeit des Romans aus.

Olga Tokarczuk, "Die Jakobsbücher", Roman, übersetzt von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein, Kampa Verlag

Cornelius Hell

Mircea Cartarescu, "Solenoid"

Der rumänische Autor Mircea Cartarescu, Jahrgang 1956, hat jahrzehntelang in innerer Opposition zur Ceausescu-Diktatur gelebt. Das hat sein Selbstverständnis als Autor und sein Werk geprägt. Der Roman "Solenoid" beruht auf einer Fiktion: Er will gar kein Roman sein, sondern das trotzige Ergebnis einer lebensentscheidenden Kränkung, die dem Ich-Erzähler in seiner Jugend widerfahren sei. Nur für sich (so die Fiktion) schrieb er seither ein privates Journal, um sich selbst sein Leben und seinen Geist zu erklären, "die Geschichte der Anomalien meines Lebens". "Solenoid" - das sind mehr als 900 sprachmächtige Seiten überhitzter und manierierter Prosa voll exaltierter Metaphern, bizarrer Allegorien und apokalyptischer Bilder. Alles wird bildstark narrativ aufbereitet. Das sorgt für ein Lese-Erlebnis, das an Intensität kaum seinesgleichen hat.

Mircea Cartarescu, "Solenoid", Roman, Übersetzung: Ernest Wichner, Zsolnay Verlag

Peter Zimmermann im Gespräch mit Sigrid Löffler

Sibylle Lewitscharoff, "Von oben"

Im Gewölk oberhalb der Stadt Berlin, zwischen Himmel und Erde, schwebt in Sibylle Lewitscharoffs neuem Roman eine Wesenheit mit unklaren Konturen: der Ich-Erzähler. Selbst nicht sichtbar, verfolgt er das Geschehen in der Stadt. Von oben - einem keineswegs schlechten Aufenthaltsort, denn unten, das wäre, ganz klassisch, die Hölle. Dort also ist der Verstorbene, ein gewesener Philosophieprofessor, nicht zu verorten, noch nicht jedenfalls. Er schwebt in die Fußgängerzone, fliegt an den Stadtrand, wo er in früheren Jahren die Westberliner Seen umrundet hatte. Er beobachtet aufmerksam, mit stiller Anteilnahme, Menschen und Geschehen, eingreifen kann er nicht. Dieser mit scharfem Blick und Eloquenz begabte Erzähler befindet sich in einem Zwischenzustand. Nach irdischen Maßstäben tot, vom Körper befreit, driftet er als empfindsame Seele durch's Purgatorium. Ahnungslos, wann und wohin es gehen soll. Und das macht ihm mächtig zu schaffen. Sibylle Lewitscharoff hat eine tragische Figur geschaffen. Sie berichtet von grenzenloser Einsamkeit, von Schwäche und Schwermut. Von aussichtsloser Kontaktsuche.

Sibylle Lewitscharoff, "Von oben", Roman, Suhrkamp Verlag

Carsten Hueck

Karl-Heinz Ott: "Hölderlins Geister"

Es ist keine Dichter-Biografie, keine Sammlung von Werkinterpretationen, keine ehrfürchtige Verneigung des schwäbischen Schriftstellers vor seinem berühmten Landsmann, wie man sie vielleicht anlässlich des bevorstehenden 250. Geburtstags von Hölderlin im kommenden Jahr erwarten könnte. "Hölderlins Geister" ist ein weitausgreifender, fundierter und differenziert argumentierender Essay, bei dem die erstaunliche Rezeptions- und Wirkungsgeschichte des Dichters im Zentrum steht, die wiederum nur verständlich wird, wenn man die "Geister" Hölderlins kennt: seinen geistigen Kosmos, seine geschichtsphilosophischen Ideen. Es ist ein souverän erzähltes, assoziativ strukturiertes und auf sympathische Weise paradoxes Buch: Es beschreibt den ideologischen Ballast, der Hölderlin beschwerte, und will ihn zugleich entsorgen. Denn Poesie, so Ott, lebe von der Sprachmusik. Und Hölderlins Poesie sei "überwältigende Sprachmusik".

Karl-Heinz Ott, "Hölderlins Geister", Hanser Verlag

Wolfgang Seibel

Eduard von Keyserling: "Feiertagskinder"

Eduard von Keyserling war ein freischwebender Geist der deutschen Literatur, ein ewig Unbehauster. Der baltendeutsche Graf, der von 1855 bis 1918 lebte, war nicht geschaffen für die Verwaltung der elterlichen Güter im Kurland, eine Gegend, die im heutigen Lettland liegt. Ihn zog es zur Kunst, was eine gewisse Verarmung zur Folge hatte, und es zog ihn zur Boheme, zuerst in Wien, dann in München. Seine Romane und Erzählungen spielen in der Zeit seiner Kindheit, unter Adligen in Herrenhäusern, wo der Alltag vor allem eine Verkettung von Ritualen ist. Die Kunst Keyserlings besteht darin, sich ganz nahe an Gegenstände und Körper heranzuschreiben, die Details wahrzunehmen und ein sprachliches Geflecht aus Farben und Stimmungen über Menschen zu legen, die mehr oder weniger hoffnungslos den Versuch unternehmen, als Individuen wahrgenommen zu werden. Moralisch ist hier gar nichts, wenn Regeln gebrochen werden, während Blumen duften und Seide knistert. Er beschreibt lebende Tote, die sich für unsterblich halten und zugleich die ewige Ruhe herbeisehnen. In knapper, klarer Sprache, die nichts vom Niederganspathos Thomas Manns hat, sondern eher vom Gleichmut und der Distanz Robert Walsers. Seine späten Romane der Jahre 1911 bis 1919 sind nun im Band "Feiertagskinder" erschienen.

Peter Zimmermann

Peter Rosei: "Die große Straße"

Eine luxuriöse Art der Unbehaustheit ist das Reisen, also die freiwillige Konfrontation mit dem Fremden, bei der sich die Anstrengungen in Grenzen halten, weil man ja früher oder später wieder zuhause ankommt. Peter Rosei ist seit vielen Jahrzehnten auf Reisen, in ferne Länder, aber auch im vertrauteren Umland. Seine frühen Bücher aus den siebziger Jahren tragen Titel wie "Landstriche", "Wege" oder "Von hier nach dort". Weniger um das Ankommen geht es, sondern um den Aufbruch, die Bewegung, den Fluss der Veränderung. Nun sind eine Auswahl seiner Reiseaufzeichnungen quer durch die fünf Jahrzehnte seines Schaffens erschienen. Der Begriff "Reisaufzeichnungen" ist bewusst allgemein gehalten. Aufzeichnungen sind ein offenes Genre, sie können Notizen, aber auch etwas Elaboriertes, etwas zutiefst Poetisches sein, wie man das von einem anderen großen Reisenden der österreichischen Literatur, von Peter Handke, kennt. Die Quellenangabe im Buch klärt darüber auf, dass "fast alle Texte für sich und allein zuerst im Feuilleton diverser Zeitungen" erschienen. Mag es sich hier auch um Reisefeuilletons handeln: Peter Rosei ist kein Reisejournalist. Er ist Schriftsteller, er muss seine Eindrücke nicht in blumige Wochenendbeilagen-Prosa packen, er kann sich treiben lassen.

Peter Rosei, "Die große Straße", Reiseaufzeichnungen, Residenz Verlag

Wolfgang Straub

Tauben

DPA/ARMIN WEIGEL

Bettina Balàka: "Die Tauben von Brünn"

Bettina Balàka mag es gern historisch: Ihr Erfolgsroman "Eisflüstern" führte zurück ins bitterarme Nachkriegs-Wien der frühen 1920er, in ihrem Erzählband "Auf offenem Meer" erweckte sie, unter anderem, das stalinistische Terrorsystem der frühen 1940er Jahre auf beklemmende Weise zu neuem spukhaftem Leben. In ihrem aktuellen Buch, dem Roman "Die Tauben von Brünn", entführt Balàka, reale Geschehnisse aufgreifend, ihr Publikum ins Wien des 19. Jahrhunderts. Im Zentrum der Handlung steht eine reale Figur: der Bankier und Großhändler Johann Carl von Sothen, der das Wiener Geschäftsleben der Gründerzeit mit windigen Transaktionen aufgemischt hat. Auf nicht mehr als 190 Seiten zeichnet sie das Porträt eines Bluffers und Blenders; wie nebenbei malt die Autorin aber auch ein Panoramabild des alten Wien. Es ist eine harte und brutale Stadt, trotz dann und wann aufschäumender Walzerseligkeit, in der Balàka ihren Roman angesiedelt hat. Nicht zuletzt dieser scharfe Blick für soziales Unrecht und klassengesellschaftliche Dysfunktionalitäten macht die "Tauben von Brünn" zu einem starken, auch politisch relevanten Stück Literatur.

Bettina Balàka, "Die Tauben von Brünn", Roman, Deuticke Verlag

Günter Kaindlstorfer

Dirk Stermann: "Der Hammer"

Joseph von Hammer-Purgstall, der polyglotte Orientalist und Diplomat, stieß mit seiner Übersetzung von Hafis "Diwan" und "Tausendundeine Nacht" den Orient-Hype seiner Zeit zumindest indirekt mit an. Dirk Stermann hat diese rührige und hochbegabte Persönlichkeit zu seinem neuen Historienroman "Der Hammer" inspiriert. Herausgekommen ist ein über 400 Seiten starkes Buch voller haarsträubender Details und Begebenheiten aus der politisch brisanten Zeit zwischen den 1770er und 1850er Jahren. Dafür hat Dirk Stermann mehr als vier Jahre recherchiert und lässt zahlreiche Charaktere in seinem Roman auftreten. Der Fixpunkt in diesem Kosmos bleibt aber immer Stermanns Antiheld Joseph von Hammer-Purgstall. Der Autor hält über einen biographischen Zeitraum von mehr als 60 Jahren eine einfühlsame Distanz zu seinem Protagonisten, ohne ihn vorzuführen. Hammer-Purgstall scheitert an sich selbst und an den Umständen. Das ist oft komisch, aber nie forciert. Und manchmal ist es auch tragisch.

Dirk Stermann, "Der Hammer", Roman, Rowohlt Verlag

Florian Baranyi

Norbert Scheuer: "Winterbienen"

Wir schreiben das Jahr 1944, das siebte Jahr des Kriegs hat begonnen. Doch in der Bergarbeiterstadt Kall an der belgischen Grenze manifestiert sich der Krieg nur als Motorengeräusch der alliierten Bomber, die hoch über der Eifel Richtung Köln fliegen. Die Männer sind an der Front, ihre Ehefrauen sind hier zurückgeblieben. Das ist die Ausgangssituation in Norbert Scheuers Roman "Winterbienen", der heuer unter den Favoriten für den Deutschen Buchpreis war. Im Mittelpunkt der Handlung steht der Außenseiter Egidius Arimond, dessen Tagebuch wir durch einen Zufall zu lesen bekommen. Außer diesem Tagebuch vertraut er sich nur seinen Bienen an. Seit die Nazis Egidius nicht mehr Latein unterrichten lassen, verdient er sein Geld hauptberuflich mit der Imkerei. Und nebenher ist er Fluchthelfer. In maßgefertigten Bienenstöcken bringt er jüdische Flüchtlinge an die belgische Grenze. Er mache diese riskanten Transporte nicht aus hehren Motiven, schreibt er. Er mache sie für das Geld, schließlich müsse er seine Medikamente finanzieren. Denn Egidius Arimond hat erbliche Epilepsie, nach Nazi-Diktion führt er damit ein "unwertes Leben". Norbert Scheuer ist mit "Winterbienen" ein Roman gelungen, der die letzten Kriegsmonate aus einer neuen, anderen Perspektive erzählt. Egidius Arimonds Kampf gegen seine Krankheit - und auf seine Weise auch gegen das Nazi-Regime - hält die Spannung bis zum Schluss.

Norbert Scheuer, "Winterbienen", Roman, C.H. Beck Verlag

Antonia Löffler

Ilse Barea-Kulcsar: "Telefónica"

Madrid ist im Dezember 1936 eine belagerte Stadt. Gerade haben die Republikaner die Schlacht um Madrid gegen die Faschisten gewonnen, zumindest vorerst und mithilfe der Sowjetunion und der internationalen Brigaden. Doch weiterhin stehen Bombardements an der Tagesordnung, und niemand weiß, wie lange man Francos Truppen noch standhalten kann. Ilsa Barea-Kulcsar erzählt von vier Tagen aus diesem Dezember 1936 im Spanischen Bürgerkrieg. Sie öffnet die Türen des damals höchsten Gebäudes der Stadt und führt hinein in einen Mikrokosmos aus Militär- und Zivilverwaltung, verschiedensten linken Gruppierungen, ausländischen Journalisten, geflüchteten Frauen und Kindern, Sekretärinnen und Telephonistinnen, Kommandanten, Verräterinnen, Verliebten und Verzweifelten. Ein riesiges soziales Chaos unter einem Dach - den 14 Stockwerken der Telefónica. Die deutsche Journalistin Anita Adam hat seit kurzem die Leitung der Zensurstelle übernommen. Sie soll herausstreichen, was dem Feind als Anhaltspunkt dienen könnte und aufpassen, dass der Schein nach außen gewahrt bleibt. Anita Adam ist das Alter Ego der österreichischen Journalistin und Übersetzerin Ilsa Barea-Kulcsar, die 1939 diesen Posten innehatte. "Telefónica" ist ein vielstimmiges, in schnellen Sequenzen verfasstes Werk aus Mentalitäten und Motivationen auf der linken Seite des Spanischen Bürgerkriegs. Die Stärke des Romans ist das Fehlen politisch-romantischer Verklärtheiten, die klare Sicht und zugleich atmosphärische Dichte.

Ilse Barea-Kulcsar: Telefónica, Roman, Edition Atelier

Hanna Ronzheimer

Jürgen Egyptien: "Hans Lebert"

Im Jänner 2019 jährte sich der Geburtstag des österreichische Schriftstellers Hans Lebert zum hundertsten Mal. Der Literaturwissenschaftler Jürgen Egyptien hat aus diesem Anlass eine Biografie geschrieben - oder eigentlich eine biografische Silhouette, so nennt er sein Buch im Untertitel. Denn eine umfangreiche Biografie zu verfassen ist ebenso unmöglich, wie die Neuauflage der Werke Leberts oder die Publikation seines Nachlasses. Seine Witwe verhindert beharrlich den Zugang zum Material sowie die Erteilung der Rechte zur Neuveröffentlichung der Erzählungen und der Romane "Die Wolfshaut" und "Der Feuerkreis". Mit der "Wolfshaut" wurde Lebert 1960 bekannt. Dieser sprachmächtige Roman über tödliche Machenschaften in der österreichischen Provinz und über das Überleben des Nationalsozialismus nach 1945 gehört zu den Grundbüchern der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts und hat etwa Elfriede Jelinek maßgeblich beeinflusst. Dennoch ist Leberts Werk allmählich in Vergessenheit geraten, bis Jürgen Egyptien Anfang der neunziger Jahre die beiden Romane neu herausgegeben hat. Nach Hans Leberts Tod 1993 geschah wenig, um diesen österreichischen Beitrag zur Weltliteratur, wie Jürgen Egyptien betont, in Erinnerung zu halten. Vielleicht kann dessen biografische Silhouette daran etwas ändern.

Jürgen Egyptien, "Hans Lebert - Eine biografische Silhouette", Sonderzahl Verlag

Peter Zimmermann im Gespräch mit dem Autor

Zeitgenössische Darstellung von Hölderlin

DPA

Hölderlin: "Sämtliche Werke und Briefe in drei Bänden"

Im März 2020 feiert Friedrich Hölderlin seinen 250. Geburtstag. Aus diesem Anlass hat der Hanser Verlag seine längst vergriffene Ausgabe "Sämtliche Werke und Briefe" in neuem Gewand herausgebracht. Die drei Bände umfassen alle Gedichte in allen Fassungen - die wunderbaren Oden und Elegien wie "Brod und Wein", "Hymne an die Freiheit", "Der Zeitgeist" oder "Wie wenn am Feiertage …". Man kann im Briefroman "Hyperion" lesen und seine Entstehung genau verfolgen. Und wer Hölderlins philosophische wie poetologische Texte liest oder seine Übersetzungen von Homer, Ovid, Euripides und Sophokles, der lernt den Dichter in seinem ganzen Tun und Denken kennen. Dazu kommt noch die recht umfangreiche Briefkorrespondenz etwa mit Hegel, Schiller - und mit Hölderlins großer Liebe Susette Gontard. Die von Michael Knaupp edierte Werkausgabe bietet auch Dokumente zu Hölderlins Zeit, etwa Briefe von Schiller und Goethe zu Hölderlins Erscheinungsbild. Das kommentierte Namensverzeichnis enthält auch die Personen, die in Hölderlins Texte vorkommen - so etwa "Diotima" als weibliche Seherin bei Platon. Eine sehr genaue Zeittafel schließt die Werkausgabe ab.

Friedrich Hölderlin, „Sämtliche Werke und Briefe“, Hanser Verlag

Andreas Puff-Trojan

Rüdiger Safranski: "Hölderlin"

Der Autor im Gespräch über den großen unbekannten Dichter.

Rüdiger Safranski, "Hölderlin. Komm! ins Offene, Freund!", Hanser

Gudrun Braunsperger

Lukas Bärfuss: "Malinois"

Lukas Bärfuss ist einer der bekanntesten Autoren der Schweiz. Seine Romane sind in mehr als 20 Sprachen übersetzt, seine Theaterstücke werden weltweit gespielt. Am 2. November erhielt der Autor für sein Gesamtwerk in Darmstadt den Georg-Büchner-Preis, die renommierteste literarische Auszeichnung im deutschsprachigen Raum. Passend zu dem feierlichen Anlass hat der Wallstein Verlag, in dem die Romane und zwei Essaybände von Lukas Bärfuss erschienen sind, nun auch einen Erzählband herausgebracht. "Malinois" versammelt Geschichten, die in einem Zeitraum von über 20 Jahren entstanden sind. Einige dieser Erzählungen muten wie Skizzen für die Romane an, die Bärfuss veröffentlich hat. Implizit schwingt in ihnen immer wieder auch die Frage mit, wie sich überhaupt von unserer Gegenwart und dem gelebten Leben - und um beides geht es diesem Autor - erzählen lässt.

Lukas Bärfuss, "Malinois", Wallstein Verlag

Holger Heimann

Arthur Machen: "Die drei Häscher" und "Der geheime Glanz"

Als Arthur Machen, der Meister des mythologisch verbrämten Schreckens, 1947 starb, war er nahezu vergessen. Jahrzehnte später entdeckten ihn Stephen King, und Motive seiner Erzählung "The Terror" dürften auch Alfred Hitchcocks "Die Vögel" inspiriert haben. Erst spät wurden Machens unheimliche Geschichten auch im deutschsprachigen Raum rezipiert: Machens Romane Erzählungen wurden in den 1980er Jahren in Suhrkamps Phantastischer Bibliothek und bei Piper veröffentlicht. Dann wurde es wieder still um den Verfasser eigenwilliger Geschichten, die um kultische und mythische Themen kreisen. Nun startet der Berliner Elfenbein-Verlag eine sechsbändige Werkausgabe, die auf die Übersetzungen von Joachim Kalka zurückgreift. Zwei Romane sehr unterschiedlicher Färbung machen den Anfang: "Die drei Häscher", ein in verschachtelte Rückblenden eingebettete Schauerstück und "Der geheime Glanz", ein unheimlicher Kadettenroman, der das viktorianische Schulsystem als blanken Horror darstellt.

Arthur Machen, "Die drei Häscher" und "Der geheime Glanz", Übersetzung: Joachim Kalka, Elfenbein Verlag

Sven Ahnert

Günter Kunert: "Zu Gast im Labyrinth"

Am 21. September starb der deutsch Schriftsteller Günter Kunert im Alter von neunzig Jahren. Er war ein gebürtiger Berliner, wuchs nach dem Krieg im Ostteil der Stadt auf, machte sich seit 1950 als Lyriker und Erzähler einen Namen, solidarisierte sich in den Siebzigern mit Wolf Biermann und nahm ein Reisestipendium zum Anlass, um ab 1979 in der BRD zu bleiben. Kunerts Werkverzeichnis ist ohne Übertreibung unüberblickbar. Es gibt nicht viele, die fast ein dreiviertel Jahrhundert lang so produktiv waren wie er. Wenige Tage nach seinem Tod ist mit dem Gedichtband "Zu Gast im Labyrinth" sein letztes Buch erschienen. Darin wird er auch sehr privat, wenn er an Tod und Vergänglichkeit denkt. Romantische Motive kommen ihm gelegen, um über Umwege das Unvermeidliche zur Sprache zu bringen. Geister und Wiedergänger treten auf, Wesen aus einer Jenseits-Welt, die anklopfen, um anzuzeigen, dass es an der Zeit ist, abzutreten. "Heute Nacht", so endet eine Gedicht, "heute Nacht/stieg ein Mann vor mir her/die Treppe hinauf und verschwand/in der Tapete. Ein Vorläufer/im allerschrecklichsten Sinne." Kunerts Todesfantasien neigen dazu, mit Beschwörungen von Vergangenheiten einher zu gehen: der eigenen Erinnerung, der großen Geschichte der Menschheit und jener, die aus der Literatur und den Büchern stammt.

Günter Kunert, "Zu Gast im Labyrinth - Neue Gedichte", Hanser Verlag

Anton Thuswaldner

Militär im Gelände

AP

Sherko Fatah: "Schwarzer September"

Als Sherko Fatah 2001 seinen Debütroman "Grenzland" veröffentlichte, der nach Kurdistan führte, waren deutschsprachige Schriftsteller, die wie er in verschiedenen Sprachen und Kulturen heimisch waren, hierzulande noch eine Seltenheit. Auch dank Fatah sind die Bücher von Einwanderern beziehungsweise Einwandererkindern, die Lesern oft einen anderen Blick auf die Welt ermöglichen, mittlerweile zur spannenden Selbstverständlichkeit geworden. Fatah wurde 1964 im Ostteil Berlins als Sohn eines Kurden und einer Deutschen geboren und wuchs in der DDR auf. Später siedelte er mit seiner Familie in den Westteil der Stadt über, heute lebt er in Kreuzberg. Sein aktueller, sechster Roman "Schwarzer September" rückt abermals eine uns fremde, ferne Region ins Blickfeld. Schauplatz ist Beirut. Die libanesische Hauptstadt, einstmals als Paris des Nahen Ostens gerühmt, hat sich Anfang der 1970er Jahre zu einem Tummelplatz für Flüchtlinge, Milizen, Revolutionäre, Agenten und Gangs entwickelt. Das Markanteste an der Stadt ist ihre Unübersichtlichkeit. Fatahs packender Thriller ist ein großes Verwirrspiel um wechselnde Allianzen und Loyalitäten, in dem jeder sich Vorteile zu verschaffen sucht, aber zugleich das Risiko eingeht, enttarnt zu werden. Fatah schreibt dabei dicht an der Wirklichkeit der von Gewalt und Bürgerkrieg gezeichneten Jahre in Beirut entlang, manche seiner Figuren haben historisch verbürgte Vorbilder.

Sherko Fatah, "Schwarzer September", Roman, Luchterhand Verlag

Holger Heimann

Yannick Haenel: "Halt deine Krone fest"

In seinem neuen Roman schickt der 1967 in der Bretagne geborene Schriftsteller Yannick Haenel sein mehrfach erprobtes Alter Ego auf die Jagd. Es ist eine Jagd nach der flüchtigen Wahrheit in der Kunst. In seiner 20 Quadratmeter großen Wohnung hantelt sich Jean zwischen Wodkaflaschen, Zigaretten und einem leeren Kühlschrank von Querverweis zu Querverweis - immer der Wahrheit nach, die er für Momente bei Proust oder Joyce, dann wieder in Filmen wie Coppolas "Apocalypse Now" und eben jenem "Deer Hunter" von Cimino aufblitzen sieht. Das vor zwei Jahren im französischen Original erschienene Werk wurde mit dem Prix Médicis ausgezeichnet.

Haenels bewusstes Spiel mit Fakten und Fiktion brachte ihm bereits 2009 mit seinem Roman "Das Schweigen des Jan Karski" scharfe Kritik ein. Der reale Jan Karski ließ sich als Kurier des polnischen Widerstands 1942 in ein Konzentrationslager einschleusen, um vom Genozid an den Juden zu berichten. Mit dem Streben nach einer flüchtigen, schwer verkäuflichen Wahrheit im Kulturbetrieb hat der Franzose dieses Mal jedenfalls ein weniger sensibles Thema aufgegriffen - zumindest auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick erkennt man, dass Jean auch deshalb in seine Gedankenwelt aus Literatur, Film und Mythologie flüchtet, um die realen Ereignisse des Jahres 2015 zu verarbeiten: die Terroranschläge in Paris, die Enthauptungsvideos des IS, die in der Stadt campierenden Flüchtlinge. Die Kritik an Politik und Gesellschaft ist da, sie findet sich nur zwischen Zitaten aus "Apocalypse Now" und den griechischen Sagen wieder.

Yannick Haenel, "Halt deine Krone fest", Roman, Übersetzung: Claudia Steinitz, Rowohlt Verlag

Antonia Löffler

Jackie Thomae: "Brüder"

Dass der Rassismus auch im aufgeklärten Europa existiert und Leben beschädigt, ist eine gut verdrängte Tatsache. Die 1972 in Halle an der Saale geborene Journalistin und Schriftstellerin Jackie Thomae greift das auf, in ihrem neuen, mit Spannung erwarteten Roman "Brüder". Als sie vor vier Jahren mit dem Roman "Momente der Klarheit" debütierte, gab es Lob und Kritik gleichermaßen: Das Buch, das als "unromantische Komödie" verkauft wurde und auf lakonische Weise von Beziehungen am Knackpunkt des Scheiterns berichtet, unterhielt jenen Großteil des Publikums, das in Literatur primär eigene Erfahrungen gespiegelt sehen möchte. Der Auftritt der Autorin beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt vor zwei Jahren wiederum zeigte ihr Talent für die literarische Kurzstrecke. "Brüder" hingegen ist ein 430 Seiten starkes Werk, das zeithistorisch und thematisch weit ausholt. Es stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Zu späten DDR-Zeiten schwängert ein Student aus dem Senegal zwei Frauen, kümmert sich nicht um die Kinder und kehrt nach Afrika zurück. Der Roman erzählt den Lebensweg der beiden Halbbrüder Mick und Gabriel. Während der eine ein rauschhaftes Partyleben im Nachwende-Berlin führt, verschlägt es den anderen nach London, der dort manisch an seiner Karriere zum Star-Architekten arbeitet. Was die beiden eint, sind ihre komplizierten Beziehungen zu weißen Frauen. Der Verlag behauptet, "Brüder" sei ein Roman "über die Frage, ob wir unser Schicksal selbst bestimmen - oder ob Herkunft und Charakter uns unweigerlich prägen". Das wäre schön gewesen. In Wahrheit handelt es sich um einen Roman, der inhaltlich scheitert, weil er keine sprachliche Tiefenbohrung anstellt.

Jackie Thomae: "Brüder", Roman, Hanser Berlin

Carsten Otte

Jurij Hudolin: "Der Stiefsohn"

Seinen ersten Lyrikband veröffentlichte Jurij Hudolin mit 18 Jahren. Das war 1991 in Ljubljana. Seither gilt er als einer der bekanntesten slowenischen Dichter, der auch mit scharfzüngigen Kolumnen punktet. Sieben Romane hat er bisher veröffentlicht, Songtexte ebenso wie Drehbücher geschrieben. Sein neuester Roman "Der Stiefsohn" führt zurück ins Jugoslawien Ende der 1980er. Der in Ljubljana geborene zwölfjährige Benjamin ist mit seiner Mutter nach Kroatien, nach Istrien gekommen, weil diese sich von seinem Vater scheiden ließ und in den Restaurantbesitzer Loris Civitiko verliebt hat. In dem kleinen kroatischen Dorf sind die beiden ganz von ihm abhängig, und ihr Leben wird rasch zur Hölle. Der ausgelieferte, ausgebeutete und misshandelte Bub, der in die Pubertät kommt und seine ersten sexuellen Erfahrungen zu machen versucht, und die hilflos abhängige, physisch und psychisch schwer verletzte Frau – an manchen Stellen hat das eine Wucht, der man sich kaum entziehen kann. Aber jede schlimme Situation wird durch eine noch schlimmere getoppt, und das steigert nicht die Intensität, sondern wird inflationär. Vor allem aber ist die Erzählstruktur zu beiläufig, allzu zufällig und die Sprache zu banal, als dass der Roman überzeugen könnte.

Jurij Hudolin, "Der Stiefsohn", Roman, Übersetzung: Daniela Kocmut, Septime Verlag

Cornelius Hell

Irmgard Fuchs: "In den kommenden Nächten"

Ihr Prosadebüt 2015 ziert der originelle Titel "Wir zerschneiden die Schwerkraft". Seither ist Irmgard Fuchs, die 1984 in Salzburg geborene Autorin, nicht zuletzt dank vieler Auszeichnungen aufgefallen. Jetzt liegt ihr erster Roman vor: "In den kommenden Nächten". Die Protagonistin verlässt ihren Lebensgefährten, nicht etwa, weil er ein Unmensch ist, sondern weil sie ein anderes Leben will als er. Und: Fuchs schickt ihre Heldin nach diesem radikalen Schritt auf einen dunklen Weg voll Kontaktlosigkeit und Einsamkeit. Diese Zukunft hat sich für Doro Grimm, so der Name von Fuchs’ Heldin, abgezeichnet. Dennoch wählt sie das Alleinsein, zu stark ist der Leidensdruck, den die Vorstellung ausübt, einen vorgezeichneten, eintönigen Lebensweg durch die ländliche Einfamilienhausidylle weiter und bis ans Ende gehen zu müssen.

Der Roman ist angelegt als Suche nach einem Ich. Doro muss sich als Kind permanent zurücknehmen und möglichst unauffällig existieren. Die Ich-Suche nimmt die Autorin in die Wahl der Erzählperspektive herein: "In den kommenden Nächten" ist in der ungewöhnlichen Du-Form geschrieben. Mit dem Du wird allerdings nie die Leserin, der Leser angesprochen. Es handelt sich hier eher um eine Art Selbstgespräch, die Erzählerin spricht ihre Hauptfigur an. Wir haben es allerdings mit keinem Dialog zu tun, die Erzählerin weiß mehr als ihre Protagonistin. Das ist passagenweise sehr konsequent, weil in den vielen Rückblenden ein kindliches Du angesprochen wir, noch dazu ein Kind, das Zwiesprache hält mit einem anderen Teil seiner Persönlichkeit, mit Phantasiegefährten - meist Vögeln -, die ihm helfen, aus seiner tristen Gegenwart zu entfliehen. Es sind mitunter die schönsten Passagen des Romans, in denen dieses magische Denken in den Erwachsenenalltag Doros hereinstrahlt, in denen aus den phantasierten Selbstbeobachtungen des Kindes ein Hineindenken in das Leben der anderen wird. Es ist ein starkes Buch über die vergangenen und gegenwärtigen Zukünften der Doro Grimm - und ein Stück weit von uns allen.

Irmgard Fuchs, "In den kommenden Nächten", Roman, Kremayr & Scheriau Verlag

Wolfgang Straub

Nina LaCour, "Alles okay"

In ihrem neuen Jugendroman erzählt die kalifornische Autorin Nina LaCour von Liebe und Einsamkeit, Glück und Trauer, dem Ertragen von Ungewissheit und Ratlosigkeit und vor allem von Erinnern und Verdrängen. Die Geschichte berührt durch in ihre wunderschöne poetische Sprache, das langsame Erzählen, den sorgsamen Blick für Details: Marin hat alle Brücken abgebrochen, seit sie Kalifornien vor vier Monaten verlassen hat, mit nicht mehr als Handy, Geldbörse und einem Foto ihrer Mutter in der Tasche. An dem Tag, an dem ihr Großvater Gramps starb und ihr sein Geheimnis hinterließ, das alles, was sicher schien, erschüttert hat. Dabei meinte Marin, Gramps in- und auswendig zu kennen, hat sie doch ihr ganzes Leben mit ihm in dem alten rosa Haus verbracht, nachdem ihre Mutter bei einem Surf-Unfall verunglückt ist, da war Marin gerade mal drei Jahre alt. Seit der Flucht aus San Francisco hat sie jeden Kontakt zu ihrem vergangenen Leben verweigert, sogar zu Mabel, ihrer damaligen Freundin und Geliebten, dem Menschen, der sie besser kennt als jeder andere auf der Welt. Doch nun steht Mabel vor dem Wohnheim im Schnee, will Marin überreden, über Weihnachten nach Hause zu kommen. Anfangs ist die Distanz zwischen den beiden Mädchen groß, doch irgendwann während des folgenden Wintersturms, als die Welt einzufrieren scheint, bricht Marins Panzer auf …

Nina LaCour, "Alles okay", aus dem Englischen übersetzt von Sophie Zeitz, Hanser. Originaltitel: "We are okay"

Karin Haller