Vorbeifahrende U-Bahn

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Bücher, Menschen, Themen

Das Literaturmagazin "Ex libris" bringt Neues aus der Welt der Literatur - Neuerscheinungen, Kritiken, Texte sowie Autor/innen im Porträt.

Téa Obreht: "Herzland"

Die aus Serbien gebürtige und seit den neunziger Jahren in New York lebende Autorin hat nach dem international erfolgreichen Debüt "Die Tigerfrau" ihren zweiten Roman veröffentlicht. "Herzland" ist eine Geschichte über den Wilden Westen, wenn man so will, allerdings aus einem speziellen ethnischen Blickwinkel. Téa Obreht beschreibt einen Tag im Leben einer Frau, die mit Ende dreißig schon viel mitgemacht hat, die kämpferisch und ernüchtert wirkt, streng und sensibel zugleich. Angesiedelt ist ihre Geschichte in Amargo in Arizona, wo sie sich vor fast zwei Jahrzehnten niederließ, einem fiktiven kleinen Ort, der für den Traum steht, sein eigenes Stück Land urbar zu machen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Davon träumten nicht nur Amerikaner, sondern auch Mexikaner, Spanier, Engländer oder Osteuropäer, die sich hier als Landwirte versuchten, als Geschäftsleute und Goldsucher. Viele sind, enttäuscht, längst weggezogen. Andere harren weiter aus. Auch Nora will bleiben, ihr Mann eher nicht.

Téa Obreht: "Herzland", Roman, Übersetzung: Bernhard Robben, Rowohlt Berlin

Wolfgang Seibel

Wolfgang Hermann: "Walter oder die ganze Welt"

Wir befinden uns in Vorarlberg - etwa in Dornbirn, zur Zeit des Wirtschaftswunders der Sechziger und Siebziger Jahre. Es herrschen Recht und Ordnung, höchste Tugend ist die Anständigkeit. Walter, ein Polizist, ist beileibe nicht die Hauptfigur dieser Kleinstadtidylle, aber immerhin deren höchst systemrelevanter Bestandteil, wie das neudeutsch hieße. Er repräsentiert Stabilität und Normalität, die zum Beispiel darin besteht, von seinem Arbeitsplatz aus jedem Passanten, der vorbeikommt, zuzunicken. Der Autor überzieht die Vorarlberger Welt und Gegenwelt mit subtilem und gelegentlich auch brachialem Spott. "Walter oder die ganze Welt" ist eine Art Abschied von den Eltern als Parabel auf eine im Wohlstand herabgekommene Gesellschaft, von der man eigentlich nur sagen könnte: "Und das Chaos sei willkommen, denn die Ordnung hat versagt." Wäre da nicht der Erzähler, der über alles Bescheid weiß und als oberster Ordnungshüter allen Mist wieder zusammenfügt.

Wolfgang Hermann: "Walter oder die ganze Welt", Erzählung, Limbus Verlag

Erich Klein

Michael Frank: "Schmalensee"

1947, als Paul Celan als "displaced person" in Wien ankam, wo er Ingeborg Bachmann kennen lernte, wurde im Oberbayerischen Mittenwald Michael Frank geboren. Aus dem wurde später ein bekannter Journalist. Für die "Süddeutsche Zeitung" war er viele Jahre lang in Wien als Korrespondent tätig. Vor acht Jahren ging er in Pension, jetzt ist ein Roman erschienen, sein erster: "Schmalensee". Es geht in diesem Buch um eine Kindheit in Bayern, um Michael Franks Kindheit genau genommen.

Michael Frank: "Schmalensee", Roman, Picus Verlag

Irene Binal

Sophie Reyer: "Das stumme Tal"

Kaum eine österreichische Schriftstellerin ist so produktiv wie Sophie Reyer. Im vergangenen Jahr hat sie gleich fünf Bücher veröffentlicht. Für den Roman „Mutter brennt“ war sie 2019 für den Österreichischen Buchpreis nominiert. Sophie Reyer schreibt Prosa, Lyrik, Theaterstücke, Hörspiele und auch wissenschaftliche Texte. Nun hat sie sich an das Genre Krimi herangewagt. Ausgangspunkt ist eine wahre Begebenheit: ein brutaler Raubmord, der sich 1889 in einem Tiroler Dorf zugetragen hat. Damals ist es zwar zu einer Verurteilung von Verdächtigen gekommen, ob es sich dabei tatsächlich um die Täter gehandelt hat, wird allerdings bis heute angezweifelt. Sophie Reyer hat viel über den Fall recherchiert und entspinnt aus den historischen Fakten eine fiktive Geschichte.

Sophie Reyer, "Das stumme Tal", Roman, Emons Verlag

Claudia Gschweitl

Lucia Leidenfrost: "Wir verlassenen Kinder"

Eine dunkle Geschichte aus einer abgründigen Welt: Ein verlassenes Dorf, leerstehende Häuser, eine geschlossene Schule, und neunzehn Kinder, die auf sich allein gestellt sind und versuchen, ohne Eltern zu überleben. Die sind ins Ausland gegangen, arbeiten als Altenpflegerinnen oder in Fabriken. Die Kinder haben sie den Großeltern überlassen, die noch Brot backen, den Kleinsten ihr Fläschchen machen, ab und zu einem Kind über den Kopf streichen. In Wahrheit ziehen die Kinder ihr eigenes Regiment auf, an manchen Tagen liebevoll verspielt, an anderen mit strenger Disziplin und unheimlicher Härte. Ein apokalyptischer Debütroman, der sich durch eine besondere Nähe zur kindlichen Abgründigkeit auszeichnet. Lucia Leidenfrost schreibt sehr eindringlich und gefühlvoll aus der Perspektive der Kinder mit ihren guten Vorsätzen, hehren Träumen und der gleichzeitigen Chancenlosigkeit und daraus resultierenden Härte. Die Erwachsenen, die hier ebenfalls zu Wort kommen, geben der Kinderstimme einen einordnenden Rahmen. Ein Buch, das nachhaltig beeindruckt, wenn nicht, verstört.

Lucia Leidenfrost:" Wir verlassenen Kinder", Roman, Kremayr & Scheriau

Hanna Ronzheimer

Ein junger Bub steht vor einem Spiegel

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Nir Baram: "Erwachen"

Als Geschichte voller Gefühl, Grausamkeit und brillanter Einsichten in Leben, Tod und Kindheit bezeichnet Abraham B. Jehoschua den neuen Roman "Erwachen" seines israelischen Landsmanns Nir Baram. Der wurde 1976 in Jerusalem geboren, seine Vorfahren waren mehrheitlich ägyptische und libanesische Juden, die im neuen Staat Israel als Minister Karriere gemacht haben. Nir Baram hat sich für den Abstand zur Politik seines Landes entschieden, er schreibt lieber darüber, als Journalist und als Schriftsteller. In seinem vierten Roman entfaltet er ein schillerndes, anfangs fast verwirrendes, dann aber immer deutlicher und bedrohlicher werdendes Spiegelspiel, das die Leser dreihundertfünfzig Seiten lang in Atem und auf Trab hält: Wie eine Lawine bricht über Jonathan die Verwandlung von Kindheit ins Erwachsen-Dasein, von Glück in Unglück, von Leben in den Tod herein. Im Zentrum des Coming-of-Age-Romans aus dem Israel der Achtziger und Neunziger Jahre stehen zwei Verluste: der Tod von Jonathans Mutter und der späte Selbstmord des Freundes Joel.

Nir Baram: "Erwachen", Roman, Übersetzung: Ulrike Harnisch, Hanser Verlag

Erich Klein

Karin Peschka: "Putzt euch, tanzt, lacht"

Im Zentrum von Karin Peschkas Roman steht Fanni, eine bodenständige Frau von Ende fünfzig, die in einem regionalen Supermarkt in der österreichischen Provinz arbeitet. Sohn und Tochter sind aus dem Haus, Fanni hat einen braven, genügsamen Mann namens Bernhard, einen berechenbaren, zuverlässigen Zeitgenossen, der nicht trinkt und wenig politisiert. Was kann man sich mehr wünschen? Und dennoch gerät die Protagonistin in eine veritable Lebenskrise. Karin Peschkas Roman ist die Chronik einer Sinn- und Lebenskrise - und die Geschichte ihrer Überwindung. Es sind vor allem Menschen und Begegnungen, die Fanni heilen, die ihr neue Perspektiven aufzeigen. "Putzt euch, tanzt, lacht" ist ein warmherziger, von heiterer Humanität erfüllter Roman, der auf unaufgeregte Weise von der Heilkraft sozialer Beziehungen erzählt.

Karin Peschka, "Putzt euch, tanzt, lacht", Roman, Otto Müller Verlag

Günter Kaindlstorfer

David Vann: "Momentum"

Humanismus ist nicht das Thema der Romane des US-amerikanischen Autors David Vann. Lebenskrisen hingegen schon. Den Grundstoff für seine Bücher liefert seit jeher seine eigene katastrophale Familie. David Vann, geboren 1966 in Alaska und nach der Scheidung der Eltern bei seiner Mutter in Kalifornien aufgewachsen, erzählt familiäre Unheilsgeschichten. In seinem halben Dutzend von Romanen bisher erforscht er dysfunktionale, von Gewalt geprägte Familien - bis zur äußersten Konsequenz. Er ist ein Extremist in der Erforschung familiärer Hass- und Zerstörungspotenziale. Und er ist der Meister der schlimmstmöglichen Wendung, er geht immer bis zum Äußersten. Alles, was schief gehen kann, geht auch schief. Ob auch in seinem neuen Roman "Momentum" - das verrät Sigrid Löffler im Gespräch mit Peter Zimmermann.

David Vann, "Momentum", Roman, Übersetzung: Cornelius Reiber, Hanser Berlin

Nathalie Azoulai: "Die Zuschauer"

Mit dem Einbruch der Politik in die privaten Verhältnisse beschäftigt sich die französische Schriftstellerin Nathalie Azoulai. Ihre Eltern stammen aus Ägypten, sie verfügt also über den oft genannten Migrationshintergrund, der ihre in den vergangenen knapp zwanzig Jahren erschienenen Romane und Drehbücher thematisch bestimmt. Wenngleich nicht unbedingt in der Art, die man sich vielleicht erwartet. Nachzulesen in ihrem jüngsten Roman "Die Zuschauer". Darin widmet sich Azoulai nur scheinbar einer nebensächlichen Affäre aus der Spätzeit der Epoche Charles de Gaulles. Der raffiniert erzählte, trotz seiner oberflächlichen Ereignisarmut sehr spannungsreiche Roman passt vielmehr genau in unsere Gegenwart und zu Themen, die uns alle in den letzten Jahren beschäftigen, wie Flucht und Migration, Integration und Ausgrenzung. Vor allem geht es in "Die Zuschauer" aber auch um die Achtlosigkeit im Umgang mit der Sprache und die zerstörerische Gewalt, die in scheinbar kleinen Sätzen stecken kann.

Nathalie Azoulai, "Die Zuschauer", Roman, Übersetzung: Paul Sourzac, Secession Verlag

Georg Renöckl

Katharina Geiser: "Unter offenem Himmel"

Die Schweizer Autorin Katharina Geiser schrieb bisher einen Band mit Erzählungen und zwei historische Romane. 2011 erschien "Diese Gezeiten" über ein Künstlerinnenpaar und deren Wiederstand gegen die Nazis auf der Insel Jersey. 2015 kam der Roman "Vierfleck oder Das Glück" heraus; er handelt von dem Indologen Heinrich Zimmer und dessen Geliebter Mila Esslinger-Rauch. Bevor sie "Vierfleck" schrieb, hatte Geiser 1.700 Briefe der beiden gelesen und archiviert. Mit ihrem dritten Roman, der Familiensaga "Unter offenem Himmel", hat die gebürtige Bernerin nun einen weiten Bogen gespannt, aus der Vergangenheit in die Gegenwart, vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum ausgehenden 20. Es ist eine Geschichte darüber, dass es die Menschen aller Generationen immer wieder miteinander versuchen - Eltern mit ihren Kindern, Kinder mit den Eltern, Frauen mit ihren Männern und umgekehrt. Das Resultat ist häufig Schmerz. Einige wenige haben das Talent zur Liebe. Für dieses große ewige Thema hat Katharina Geiser eine verblüffend neue Sprache gefunden. Eine scheinbar wildwüchsige Sprache, in Wahrheit ein mit Bedacht gestaltetes Chaos.

Katharina Geiser, "Unter offenem Himmel", Roman, Jung & Jung Verlag

Brigitte Neumann

Michael Sieben: "Das Jahr in der Box" - Jugendbuch des Monats

Manche Behälter bergen problematische Inhalte, das wissen wir schon aus der griechischen Mythologie. Auch der sechzehnjährige Ich-Erzähler Paul in Michael Siebens neuem Jugendroman "Das Jahr in der Box" hat so eine Schachtel vor sich, im halbleeren Zimmer sitzend, während seine Mutter rund um ihn den Umzug organisiert. Und er weiß: Wenn er die Box aufmacht, wird ihm die Luft wegbleiben. Gefüllt hat er sie nämlich selber, mit Gegenständen aus seinem Leben, seit er nach Wicker gezogen ist: Kinokarten, eine Dose Mentos, eine Sonnenbrille, ein kaputtes I-Phone, ein Messer. Nur auf den ersten Blick unschuldige, nichtssagende Dinge.

Michael Sieben, "Das Jahr in der Box", Carlsen Verlag

Karin Haller

Illustration zum Thema Depression

APA/DPA/JULIAN STRATENSCHULTE

Benjamin Maack: "Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein"

Benjamin Maack, 1978 geboren, hat Kurzgeschichten und Gedichte geschrieben. Er ist Redakteur beim "Spiegel" und hat verschiedene Preise erhalten. Das klingt nach einem erfüllten Leben. Dass die Realität für den unter Depressionen leidenden Maack oft eine ganz andere war, davon erzählt er in seinem neuen Buch. Die Hörspielfassung wurde vom NDR zum Hörbuch des Monats März 2020 gewählt. Während eines Klinikaufenthaltes suchte Maack Halt im Schreiben und schuf ein Werk, das nicht aus der Distanz des Danach von der überstandenen Depression erzählt, sondern in weiten Teilen "aus der Krankheit herausgeschrieben" ist, wie der Autor selbst es formuliert. Wie schlimm es für ihn gerade in der gegenwärtigen Situation ist, unter anderem davon berichtet Maack im Gespräch mit Ö1.

Benjamin Maack, "Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein", Suhrkamp Nova

Holger Heimann

Sue Prideaux: "Ich bin Dynamit"

Friedrich Nietzsche hat die Vorstellungen des Abendlandes gegen den Strich gebürstet. Der seelisch gefährdete Denker sprengte die Philosophie förmlich in die Luft, die Bildung, das Bürgerliche, die Geschichtsschreibung. Und dabei sich selbst gleich mit. Er war ein begnadeter Schreiber und Aphorist, befähigt, die Schwächen der Menschen und Lehrmeinungen aufzudecken. Mit den anderen und mit sich selbst ging er schonungslos um. Sue Prideaux hat eine neue Biografie vorgelegt: "Ich bin Dynamit - Das Leben des Friedrich Nietzsche".

Sue Prideaux, "Ich bin Dynamit - Das Leben des Friedrich Nietzsche", Übersetzung: Thomas Pfeiffer, Hans-Peter Remmler, Klett Cotta Verlag

Clemens Ruthner

Ana Schnabl: "Grün wie ich dich liebe grün"

Es ist eine erfrischende Ausnahme, wenn ein Verlag eine junge Schriftstellerin mit Erzählungen debütieren lässt - noch dazu in einer Übersetzung. Über die Debütantin erfährt man nicht viel: Die Slowenin Ana Schnabl beschäftigt sich, so der Klappentext, "mit der Frau in der Psychoanalyse". Im Netz findet man bei einer Lesungsankündigung noch eine Zusatzinformation, die die Autorin gut auf Reisebeschränkungen vorbereitet zeigt: Schnabl sei "viel mit Yoga, Schwimmen und Reiseplanungen, die nie umgesetzt werden, beschäftigt." Zehn Erzählungen versammelt der Band. Sie führen und nicht in das Außen grüner Natur, sondern in die inneren Landschaften. Dorthin, wo grün nicht Idylle, sondern einen hohen Grad psychischer Probleme bedeutet: "an der aggressiv grünen Linie meines Innenlebens" heißt es in der ersten Erzählung. Schnabl liefert Berichte aus den menschlichen Abgründen - und es sind Abgründe aus jedermanns Leben: Scham, Minderwertigkeitsgefühle, Ausweg- und Antriebslosigkeit.

Ana Schnabl, "Grün wie ich dich liebe grün", Erzählungen, Übersetzung: Klaus Detlef Olof, Folio Verlag

Wolfgang Straub

Melitta Breznik: "Mutter"

"In meinen Büchern geht es immer auch darum, wie ein Individuum aus der Gesellschaft fällt, welche Instanz die Grenzen dafür setzt, was 'normal' ist, und inwieweit sich die Psychiatrie auch heute noch dazu missbrauchen lässt, eine Exekutive der Gesellschaft zu sein", sagt die 1961 in Kapfenberg geborene Psychiaterin Melitta Breznik. In ihren Büchern thematisiert sie die Psychiatrie aber auch ihre Familie. 2003 erschien "Das Umstellformat", eine Erzählung über die Ermordung ihrer schizophrenen Großmutter mütterlicherseits im Rahmen der Aktion T4, dem Euthanasieprogramm der Nazis. Brezniks Debüt "Nachtdienst" von 1995 handelt vom Tod des Vaters, einem einfachen Arbeiter und Alkoholiker. Die Tochter, inzwischen Ärztin, wird ihm nicht beistehen, als er stirbt. Denn sie hatte Nachtdienst im Krankenhaus. Aber der Mutter stand sie bei. Davon handelt ihr aktuelles Buch "Mutter - Chronik eines Abschieds". Dass mit dem Tod nicht nur am Ende des Lebens zu rechnen ist, sondern auch plötzlich und unverhofft, lernen wir gerade. Nicht nur deshalb entfaltet dieses schmale Buch eine ungeahnte Wucht.

Melitta Breznik, "Mutter - Chronik eines Abschieds", Luchterhand Verlag

Brigitte Neumann

David Fuchs, "Leichte Böden"

Vor zwei Jahren stand David Fuchs mit seinem Debütroman "Bevor wir verschwinden" auf der Shortlist für den österreichischen Buchpreis. Da ging es um einen jungen Arzt, der auf der Krebsstation seine Jugendliebe wiedertrifft. Im Angesicht des nun endgültig bevorstehenden Abschieds reflektiert er das Sterben in der Klinik sowohl in seiner Alltäglichkeit als auch seiner Unfassbarkeit. In seinem zweiten Buch mit dem Titel "Leichte Böden" greift er Fragen nach der Autonomie im Alter auf. Ö1 hat den Roman gelesen und mit dem Autor darüber gesprochen.

David Fuchs: "Leichte Böden", Roman, Haymon Verlag

Zita Bereuter

Pierre Jarawan

MARVIN RUPPERT

Pierre Jarawan: "Ein Lied für die Vermissten"

Pierre Jarawan wurde 1985 in Jordanien geboren, lebt aber seit seinem dritten Lebensjahr in Deutschland. Bekannt wurde er als Poetry-Slammer und durch seinen auch international erfolgreichen Debütroman "Am Ende bleiben die Zedern". Wer Zedern sagt, mein den Libanon, das Herkunftsland seines Vaters. Und dieses steht auch im Mittelpunkt von Jarawans neuem Roman. Nach dem libanesischen Bürgerkrieg zwischen 1975 und 1990 gelten 17.415 Menschen nach wie vor als vermisst. Ihnen will Jarawan mit "Ein Lied für die Vermissten" ein Denkmal setzen. Gleichzeitig ist es das Zeitdokument einer Stadt, die einst das "Paris des Ostens" genannt wurde, eine Stadt, die in der jüngsten Vergangenheit mehrere Zerstörungen über sich ergehen lassen musste, und in deren Trümmern Jarawans Hauptfigur Amin die prägende Zeit des Erwachsenwerdens erlebt.

Pierre Jarawan, "Ein Lied für die Vermissten", Roman, Berlin Verlag

Stefan May

Sabine Scholl: "O"

Odysseus ist bekannt geworden, weil er scheinbar alles verloren, am Ende doch wieder alles gefunden hat: Heimat, Familie Königreich. Er war ein Held im Trojanischen Krieg, wollte danach nach Hause nach Ithaka segeln und verirrte sich. Zehn Jahre war er unterwegs, ehe er heimatlichen Boden betrat, die Abenteuer, die er in dieser Zeit erlebte, sind beträchtlich. Troja lag im Nordwesten der heutigen Türkei, Ithaka ist eine Insel an der griechischen Westküste. Der Weg ist etwas umständlich, man muss die ganze Ägäis durchkreuzen und das griechische Festland umfahren. Ein erfahrener Skipper sollte daran nicht scheitern, Odysseus hingegen hat sich enorm schwer getan, vermutlich wollte es Homer so, weil er sonst seine Geschichte von der Odyssee nicht hätte schreiben können. In der Literatur passieren eben Dinge, die im echten Leben unwahrscheinlich sind. Die österreichische Schriftstellerin Sabine Scholl hat an der Odysseus-Story Maß genommen für ihren neuen Roman "O".

Sabine Scholl, "O", Roman, Secession Verlag

Susanne Schaber

Shahriar Mandanipur: "Augenstern"

"Ich bin der festen Überzeugung, dass ein Schriftsteller nur dann gut schreiben kann, wenn er weiß, wovon er spricht", sagt der Iranische Autor Shahriar Mandanipur. "Wo auch immer Menschen von Ungerechtigkeit und Krieg bedroht werden", fährt er fort, "wo auch immer jemand einen Hauch von Glück erfährt, wo auch immer ein Schluchzen, ein Schreien, ein Flehen zu vernehmen ist, wo auch immer ein Lachen die Schreckenszeiten für einen Moment vergessen lässt, muss der Schriftsteller sein. Leid und Freude müssen in Fleisch und Blut des Autors übergehen." Shahriar Mandanipur, Jahrgang 1957, war Zeuge der Iranischen Revolution 1979 und er war Soldat im Krieg gegen den Irak. Als Schriftsteller musste er sich der Zensur unterwerfen, zeitweise wurde er mit Publikationsverbot belegt. Wie das eben so läuft in einer Diktatur. Seit einigen Jahren lebt er in den USA, wo er eine Professur an der Tufts University in Massachusetts innehat. In den USA ist vor zwei Jahren der Roman "Moon Brow" erschienen, der nun in deutscher Übersetzung unter dem Titel "Augenstern" vorliegt.

Shahriar Mandanipur, "Augenstern", Roman, Übersetzung: Regina Schneider, Unionsverlag

Carsten Hueck

Stanislav Struhar: "Verlassener Garten"

"Der alte Garten" (1999) nennt sich eine Gedichttrilogie des aus Tschechien stammenden und in Österreich lebenden Schriftstellers Stanislav Struhar. Im vergangenen Jahr wurde der Band neu aufgelegt. Auch der Roman "Verlassener Garten" ist in den neunziger Jahren entstanden, dann, 2004 auf Tschechisch und soeben auf Deutsch herausgekommen. Struhar floh 1988 aufgrund staatlicher Repressalien nach Österreich und hatte es naturgemäß schwer, sich hier als Autor zu etablieren. Erst als er Anfang der 2000er Jahre angefangen hat, auf Deutsch zu schreiben, entwickelte sich ein reichhaltiges Werk stiller, unaufdringlicher Poesie. In seinem Roman "Verlassener Garten" spielt die Natur eine zentrale Rolle. Struhar erzählt auf erstickt-erstarrte Weise vom Heranwachsen eines Jungen in unmittelbarer Nähe des Bösen. Joachim ist anfangs fünf, am Ende des Romans etwa 16 Jahre alt. Er verfügt über eine beachtliche Wahrnehmungsgabe und ebenso beachtliche Fähigkeiten der Abschottung. Das Buch gleicht einem stillen Treibhaus voller gewaltiger urzeitlicher Pflanzen, deren große Blätter sich zuweilen rätselhafterweise und Unheil verkündend bewegen.

Stanislav Struhar, "Verlassener Garten", Roman, Übersetzung: Kristina Kallert, Wieser Verlag

Jörg Plath

Heinrich Detering: "Menschen im Weltengarten"

"Heinrich von Ofterdingen", der um 1800 entstandene, Fragment gebliebene Roman von Novalis ist ein, wenn nicht das Schlüsselwerk der deutschen Romantik. Sein Thema ist die Poesie des Lebens - ein Begriff, der heute geradezu kitschig anmutet. Der romantische Grundgedanke, dass Leben und Kunst aufeinander verweisen und sich wechselseitig fordern, ist darin erkennbar. Das Ich ist in unendlichem Fortschreiten begriffen auf dem Weg zu einer höheren, einheitsstiftenden Totalität von Natur und Mensch. Diese Universalität des Poesiebegriffs wird im "Ofterdingen" mit der Wissenschaft verknüpft. Fast ein Jahrhundert, ehe sich die Psychoanalyse ausbildete, spielt dabei das Unbewusste eine wichtige Rolle, und die Traumdeutung als Königsweg zu dessen Verständnis. So hat es dann Sigmund Freud genannt. Das entscheidende Traumbild ist die Blaue Blume. Die Beziehung zwischen Mensch und Natur hat die Romantiker beschäftigt, vor allem im Spannungsfeld zwischen aufklärerischer Vernunft und jenen Sphären, die sich dem Verstand, dem Beschreibbaren entziehen. Der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering verfolgt in seinem Buch "Menschen im Weltgarten" die Entdeckung der Ökologie in der Literatur von den Anfängen bis zur letzten Ausgabe von Humboldts "Ansichten der Natur". Ö1 mit ihm darüber gesprochen.

Heinrich Detering, "Menschen im Weltengarten - Die Entdeckung der Ökologie in der Literatur von Haller bis Humboldt", Wallstein Verlag

Gespräch mit dem Autor