Gedanken für den Tag
"Fremd sein - Anders sein" von Regina Polak
15. April 2010, 06:57
Regina Polak lehrt römisch-katholische Pastoraltheologie an der Universität Wien.
Fremdenfeindlichkeit ist allein durch moralische Appelle nicht zu lösen. Denn sie hat vielfältige Ursachen.
Seit dem 10. Jahrhundert gibt es in unserer Region eine Haupterzählung: "Die Gefahr kommt aus dem Osten". Kriegserfahrungen mit Awaren, Ungarn, Osmanen prägen das kollektive Gedächtnis. Ist es möglich, Geschichte so zu lernen, dass Gewalt und Opfer beim Namen genannt werden, ohne dabei pauschale Vor-Urteile zu stärken. Ist es möglich ist, die eigene Geschichte auch als Tätergeschichte zu erzählen?
Unsere Region - das ehemalige Habsburgerreich - ist geprägt von einer politischen Ordnung, zu der Obrigkeitshörigkeit, Autoritarismus, Repression und wenig Erfahrung mit Partizipation gehörten. Das prägt auch den Umgang mit Zuwanderern. Wenn wir gehorchen müssen - dann erst recht die, die nicht dazugehören! Vielleicht wäre es Zeit, schön langsam Demokratie zu lernen - und das heißt Respekt vor der Vielfalt der Meinungen, Freiheit, Gerechtigkeit und Partizipation und argumentativer Diskurs. Die Daten der Österreichischen Wertestudiendaten zeigen einen engen Zusammenhang: Je größer der Vertrauensverlust in Politik und Demokratie, desto größer ist die Fremdenfeindlichkeit. Gute Orte um Demokratie zu lernen, sind schon Kindergarten und Schule.
Erstaunlicherweise ist 2008 der Zusammenhang der Fremdenfeindlichkeit mit der Angst vor Arbeitsplatzverlust gesunken, ebenso der Zusammenhang mit dem Grad der Bildung. So sind erschreckend viele junge Menschen mit guter Ausbildung fremdenfeindlich eingestellt. Nicht die soziale Not an sich fördert die Fremdenfeindlichkeit. Vielmehr greift man in Zeiten gesellschaftlicher Orientierungskrisen auf alte kulturelle Muster zurück: In Österreich sind es dann die Fremden, die schuld sind. Fallen uns andere Lösungen ein? Vielleicht gibt es andere Lösungen. Welche Möglichkeiten bietet ein biblisch orientierter Glaube? Sie ranken sich um die Gerechtigkeit: Recht auf Leben in Würde für alle und jeden Einzelnen, Gleichheit der Menschen und Gemeinwohlorientierung, Option für die Benachteiligten, Armen, Fremden.
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