Gedanken für den Tag
"Begegnungen" von Wolfgang Mantl
3. August 2010, 06:57
Der emeritierte Professor für Politikwissenschaft an der Universität Graz Wolfgang Mantl erinnert sich an Begegnungen mit herausragenden Persönlichkeiten aus dem Bereich der Wissenschaft und der Kultur, die sein Leben nachhaltig geprägt haben. Aber auch Studierende, Ordensfrauen, Großmütter und Kinder tragen bei zu einem Mosaik, das eine vielfarbige Welt abbildet und lebensfördernde Erfahrungen anbieten will, bis hin zu der Erkenntnis: Es geht im Leben nicht nur um das "Wie" menschlicher Handlungen, sondern auch um das "Warum".
Waren die "Gedanken für den Tag" am Montag den Wissenschaftlern gewidmet, geht es heute um die Künstler. Wissenschaft ist nur eine der Erkenntnis- und Erfahrungsweisen des Lebens. Ich spüre genau, dass auch die Kunst für das Leben etwas Unersetzliches bieten kann. Ein Drittel meiner Mitbürger schreibt bis ins hohe Alter Tagebücher, Aphorismen und Gedichte, Blogs und Facebooks. Die Wissenschaft allein kann geglücktes menschliches Leben nicht gewährleisten. Licht- und Schattenseiten, Abgründe und Aufbrüche werden gerade durch Kunst in aller Subjektivität "verarbeitet". Nicht Theorien, sondern Worte, Farben, Töne in allen Abstufungen bewirken eine Vereinigung des Zersplitterten im modernen Leben. Der unbändige französische Dichter Arthur Rimbaud sagte: "Die Wissenschaft ist zu langsam" und bäumte sich gegen die bürgerliche Gesellschaft mit ihrer "kleinzelligen" Arbeitswelt auf.
Ich erhoffe von der Kunst Leidenschaft, nicht Belehrung, anschauliche Verdichtung der Wirklichkeit und ihre Entschlüsselung in Radikalität. Der bunte Flügel einer Blauracke, eines der ersten europäischen Aquarelle von Albrecht Dürer, kann durch Wissenschaft niemals so hinreißend erfasst werden.
Ich möchte hier nicht den Eindruck erwecken, dass dies alles nur in sehr prominenter Form geschehen kann. Es gibt auch das Leise, Verhaltene in der Kunst - auch heute noch. Ich durfte den in Wien geborenen, dann in Pulkau lebenden Dichter Alois Vogel zum Freund gewinnen, der außerhalb des Kunstbetriebes den "Nährwert" des einfachen Wortes - wie Brot und Wein - in Lyrik und Prosa zeigte und in seinen Werken das 20. Jahrhundert wie wenige andere repräsentierte - nicht in Biederkeit, sondern in nüchterner Leuchtkraft der belebten Welt. Kunst überschreitet die drückende Gegenwart und gibt Weite, gerade auch wenn sie provozierend ist.
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