Da capo: Im Gespräch
"Um die Menschen zu lieben, muss man sehr stark hassen, was sie unterdrückt" (Jean-Paul Sartre).
Michael Kerbler spricht mit Jean Ziegler, schweizerischer Publizist
20. August 2010, 16:00
Sein jüngstes Buch hat Jean Ziegler "Der Hass auf den Westen" betitelt. Und wieder einmal versucht der schweizerische Nationalrat und ehemalige Sonderberichterstatter der UNO für das Recht auf Nahrung auf die "schreiende Ungerechtigkeit auf dieser Welt, für die der Westen vielfach schuldig ist" aufmerksam zu machen und seine Botschaft an die richtigen Adressaten zu bringen: die Öffentlichkeit in den westlichen Industrienationen. Sein Buch sei ein weiterer Versuch, "damit man endlich begreift, wo Ursachen und Wurzeln etwa des Terrorismus liegen", so Ziegler. Nur wenn wir verstehen, welche traumatischen Verletzungen Kolonialismus, Sklaverei und Ausbeutung, verbunden mit Arroganz und moralischer Überheblichkeit, im kollektiven Gedächtnis der Völker des Südens hinterlassen haben, kann es gelingen, den Hass auf den Westen zu überwinden.
Jean Ziegler, geboren 1934 im schweizerischen Thun, lehrte bis zu seiner 2002 erfolgten Emeritierung Soziologie an der Universität Genf und - als ständiger Gastprofessor - an der Sorbonne in Paris. Er war lange Jahre UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Seit dem Jahr 2008 ist er Mitglied des beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrats.
Jean Ziegler wurde in jungen Jahren geprägt von seiner Freundschaft zu Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir sowie durch einen zweijährigen Afrika-Aufenthalt als UN-Experte nach der Ermordung Patrice Lumumbas, des ersten Präsidenten der Republik Kongo, eines Vorkämpfers der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegung.
Viele seiner Schlüsselerlebnisse für das nun vorliegende Buch machte Ziegler auf den vielen Reisen, die ihn von Bolivien über New York und Genf bis nach Nigeria geführt haben. Auf diesen Reisen traf er mit jungen Intellektuellen in Entwicklungs- und Schwellenländern zusammen und er erlebte Menschen, deren Erinnerung an die durchlittene Vergangenheit ihrer Völker konkret wird.
Jean Ziegler: "Ich stelle eine Rationalisierung des Bewusstseins für die erduldeten Ungerechtigkeiten fest." Der streitbare Soziologe sucht in diesem Buch - manchmal in gewohnt polemischer Zuspitzung - nach Strategien zur Überwindung des Hasses.
Service
Jean Ziegler, "Der Hass auf den Westen: Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren", aus dem Französischen übersetzt von Hainer Kober, C. Bertelsmann Verlag, München
Jean Ziegler, "Das Imperium der Schande: Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung", als Taschenbuch im Goldmann Verlag, München
Volker Seitz, "Afrika wird armregiert oder Wie man Afrika wirklich helfen kann", Taschenbuch in der Reihe dtv PREMIUM des Deutschen Taschenbuch Verlags, München
Paul Collier, "Gefährliche Wahl: Wie Demokratisierung in den ärmsten Ländern der Erde gelingen kann", aus dem Englischen übertragen von Klaus-Dieter Schmidt, Siedler Verlag, München
