Gedanken für den Tag
"Migration und Religion" von Michael Bünker, evangelisch-lutherischer Bischof
1. September 2010, 06:57
"Geh aus deinem Vaterland und von deiner Freundschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will" (1 Mose 12, 1).
Wenn Menschen ihre Heimat verlassen haben, welche Bedeutung hat dann Religion für sie in der neuen Heimat? Der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker spricht in den "Gedanken für den Tag" über den Glauben, der mitgeht und trägt, auch und gerade wenn sich Menschen mit den Herausforderungen und Veränderungen, die der Aufbruch in eine neue Heimat mit sich bringt, konfrontiert sehen.
Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer.
Vor einiger Zeit ging ich zu einer englischsprachigen Gemeinde in Budapest, ich sah, dass die Türe offen stand und weil ich Hilfe brauchte, trat ich ein. So beginnt die Geschichte von Fahjid, einem jungen Iraner. Er ist aus politischen Gründen aus dem Iran geflohen. Fahjid stammte aus einer Familie, die traditionell muslimisch war, aber nicht sehr religiös, wie er sagt. Der Kontakt mit der christlichen Gemeinde hat ihn dazu gebracht, sich taufen zu lassen. Es ist das Vorbild der Menschen gewesen, das mir geholfen hat, die Liebe Gottes zu sehen, sagt er. In seine neue Gemeinde hat er dann seine Freunde mitgenommen, die Muslime gewesen und das auch geblieben sind. Dort haben sie die Möglichkeit erhalten, in den Kirchenräumen ihr gewohntes persisches Essen zu kochen, das sie in dem Flüchtlingscamp, in dem sie untergebracht waren, schon sehr vermisst hatten. Zuerst haben die jungen Männer nur für sich selbst gekocht, aber dann begannen sie, andere aus der Gemeinde einzuladen. Bald sind Menschen aus aller Herren Länder mit ihnen am Tisch gesessen. Eine bunte, vielfältige Tischgemeinschaft. Ich denke, so muss es auch im Himmel sein, ist Fahjid begeistert gewesen.
Er hat auf sehr persönliche Weise das Grundrecht der Religionsfreiheit kennen gelernt. Religionsfreiheit ist ein ganz zentrales Menschenrecht, eine Errungenschaft, auf die Europa wie jedes Land zu Recht stolz sein kann. Sie bedeutet das Recht, die eigene Religion zu leben, auch öffentlich und gemeinsam mit anderen, auch in den jeweils eigenen Gebäuden, ja, auch mit Minaretten. Sie bedeutet auch das Recht, sich einer anderen Religionsgemeinschaft anzuschließen. Und schließlich bedeutet sie das Recht, keine Religion auszuüben. Religionsfreiheit in allen Facetten schließt jeden Zwang aus.
Die himmlische Tischgemeinschaft, von der Fahjid so begeistert erzählt hat, macht das deutlich. Beim Essen, bei gegenseitigem Geben und Empfangen, sind die Unterschiede aufgehoben, hat die Begegnung mit den Fremden alles Bedrohliche verloren, ist die Vielfalt zu einer bereichernden Erfahrung geworden.
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