Gedanken für den Tag

"Die Schule und andere mittelwichtige Sachen" von Paulus Hochgatterer

Paulus Hochgatterer ist Schriftsteller und Kinderpsychiater

Von manchen Dingen glauben wir, dass sie zum naturgegebenen Fundament unseres Daseins gehören. Die Schule ist eines von ihnen, ganz besonders Anfang September. Anhand der Äußerungen von Kindern soll diese Annahme überprüft werden und eine Annäherung an die Frage erfolgen, was denn nun im Leben tatsächlich Bedeutung hat: Freunde, der Lehrsatz des Pythagoras, die große Pause oder Abercrombie & Fitch. Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer.

Lauras vierter Schultag

Wir warten auf Laura; auf ihr strubbeliges Haar, auf den Schlaf in ihren Augen, auf den Pyjama mit den boxenden Murmeltieren drauf. Normalerweise sitzt Laura um drei vor sieben am Frühstückstisch. Ihre Psychologinnen-Mutter wartet auf sie und ihr Risk-Manager-Vater trinkt zwar seinen schwarzen Kaffee und macht auf cool, in Wahrheit wartet er aber auch. Laura kommt nicht. Ich geh nachschauen, sagt ihre Mutter nach einer Weile.

Laura hockt auf ihrem Bett und spricht leise mit dem Stoffigel. Komm, es gibt Frühstück! sagt ihre Mutter. Laura reagiert nicht.
Laura, bitte! - Wieder nichts.
Du kannst auch Käferbohnen haben, wenn du willst. Laura zuckt mit keiner Wimper. So sehr ihre Mutter sich auch dagegen wehrt, sie kriegt wieder einmal eins ihrer unguten Gefühle. Die Verweigerung des Blickkontaktes könnte auch bei einem sechs Strichpunkt vier Jahre alten Mädchen ein Zeichen von irgendwas Schwerwiegendem sein.

Was machst du da? Lauras Vater lehnt in der Tür, die Kaffeetasse in der Hand. Alleine frühstücken ist offenbar fad. Nachdenken, sagt Laura. Lass das Nachdenken, du musst zur Schule, sagt er. Mit Nachdenken scheint er sich auszukennen. Und was macht Franz? fragt Lauras Mutter. Der denkt mit mir, sagt Laura. Franz ist der Stoffigel.
Worüber denkt ihr nach?
Über Tyrannen, sagt Laura. Alexandra, die Lehrerin, habe ihnen erzählt, es gebe jetzt Bücher über Kinder, die zu Tyrannen würden, wenn man ihnen zu viel Freiheit lasse. Das halte sie, die Lehrerin, für einen ziemlichen Käse. Menschen, die meinten, Kinder bräuchten in erster Linie Grenzen und Freiheit erst ganz am Schluss, müssten wohl ganz viel Angst haben, sowohl vor Kindern als auch vor der Freiheit. Und was sagt Franz dazu? fragt die Mutter. Laura blickt dem Igel tief in seine Knopfaugen. Kinder brauchen Stacheln, sagt er, sagt sie. Dann geht sie frühstücken.

Kinder brauchen Stacheln. - Das ist Lauras erste Botschaft für den Donnerstag, und:
Wer glaubt, dass Kinder zu Tyrannen werden, hat vermutlich große Angst vor ihnen. - Das ist ihre zweite.

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