Gedanken für den Tag

"Was die Welt im Innersten zusammenhält" - Gedanken zum Welternährungstag von Michael Chalupka

Michael Chalupka ist evangelischer Pfarrer und Direktor der Diakonie Österreich.

Eine Milliarde Menschen hungern. Ihnen fehlen Kohlehydrate, Eiweiße und Fette, die der menschliche Körper zum Überleben braucht. Doch es geht beim Nachdenken über Welternährung um weit mehr als um die ausreichende Zufuhr von Nährstoffen. Es geht um die Frage, was in unsere Kochtöpfe, auf unsere Teller und in unsere Mägen kommt. Es geht um die Herstellung und Verteilung von Lebensmitteln. Es geht um Ess-Gemeinschaft und Gastfreundschaft. Es geht um Sozial- und Biomärkte, um Suppenküchen und Gourmettempel.
Und in all dem geht es zentral um Selbstbestimmung hinsichtlich des eigenen Körpers. Den einen wird sie verweigert, für Konsumenten und Konsumentinnen wird sie immer schwieriger - und andere wiederum zelebrieren sie fast schon religiös. Essen ist ein Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen.

Filetspitzen

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in den Supermarkt und freuen sich über die wunderbar günstige Filetsauce. Aber es gibt keine Filetspitzen zur Sauce. Zumindest keine, die Sie sich leisten könnten. Michael S. hat das erlebt und bei der Armutskonferenz erzählt. Michael S. findet seit langem keine Arbeit mehr, lebt von einer kleinen Rente und verkauft Zeitungen, um über die Runden zu kommen. Er ist froh, dass es jetzt so viele Sozialmärkte gibt. Denn da kann er billiger einkaufen.
 
Sozialmärkte haben in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erlebt. Kaum ein Monat vergeht, ohne dass ein Sozialmarkt eröffnet wird. Der Bedarf steigt. Hunger scheint wieder ein Thema zu sein in Österreich. Das Modell ist bestechend. Es ist gleichsam ökosozial. Ökologisch, weil diese Soma Märkte dafür sorgen, dass die großen Handelsketten weniger Nahrungsmittel wegwerfen. Sozial, weil dadurch Lebensmittel für Menschen, die in Armut leben, erschwinglicher werden.
 
Sozialmärkte sind eine Hilfe und ein Alarmzeichen zugleich. Sie werden gebraucht - und dass sie gebraucht werden, sollte uns unruhig machen. Der Hunger, den wir nach dem Zweiten Weltkrieg verbannt zu haben glaubten in unserer reichen Gesellschaft, ist zurückgekehrt. Mitten in unseren Sozialstaat. Auf einmal gibt es wieder Menschen, die keinen Zugang haben zu den normalen Geschäften, in denen wir auswählen können, was wir brauchen und was uns heute schmecken wird. Wir müssen Parallelwelten schaffen für Menschen, die nicht den gleichen Zugang haben zum Gabentisch dieser Welt wie die, die sich gutes Essen leisten können.
 
Diese Parallelwelt bekommt dann das, was übrig bleibt. So kann es dazu kommen, dass nur mehr die Filetsauce vorrätig ist. Filetspitzen bleiben eben weitaus seltener übrig. Michael S. wäre es lieber, er könnte sich einen normalen Supermarkt leisten. Er brauche keine Filetsauce und auch keine Filetspitzen. Aber - so wie ich ihn kenne - ein Schweinsschnitzel einmal die Woche mit Saft vom Fleischer um die Ecke wär´ schon nicht schlecht.

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